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Reaktionen auf Hanau im Netz : Die vier Stufen der Relativierung von Rechten

Beileidsbekunden am Tatort und auch im Internet. Doch gerade im Netz haben Hetze und Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Bild: Frank Röth

In Hanau ermordet ein Mann neun Menschen. Die Ermittlungen gehen von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. In den Sozialen Medien reagieren die Menschen mit Trauer, aber auch mit Spott und Hetze.

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          Am Mittwochabend erschießt ein Mann in Hanau neun Menschen in einer Shisha-Bar und einem Kiosk. Der mutmaßliche Todesschütze Tobias R. wird kurz nach der Tat tot aufgefunden. Noch ist wenig über die Hintergründe des Attentats bekannt. Hessens Innenminister Beuth spricht davon, dass es Hinweise auf ein „fremdenfeindliches Motiv“ gebe. Ein im Internet veröffentlichtes Bekennerschreiben sowie ein auf Youtube hochgeladenes Video des 43 Jahre alten Deutschen präsentieren ein Weltbild, geprägt von Paranoia und Vernichtungsphantasien. R. spricht darin über geheime Gesellschaften, die Gedanken steuern könnten und ein System moderner Sklaverei. Er propagiert Massenmord zur Säuberung der Welt, selektiert Menschen nach Reinheit der Rasse.

          Im Netz reagieren vielen Menschen mit Trauer und Bestürzung. Neben zahlreichen Beileidsbekundungen heizen in den sozialen Medien jedoch vermehrt Spekulationen zu dem Fall die Stimmung auf. Die zahlreichen Verfasser kommen mutmaßlich aus dem rechten bis rechtsextremen Spektrum und folgen häufig vier Linien, um vom faktenorientierten Diskurs abzulenken oder diesen gar zu zersetzen.

          Erste Reaktionen zur Tat

          Zu den ersten Reaktionen zum Attentat gehört die mehrfach aufgeworfene Frage nach der Herkunft des mutmaßlichen Täters. Als sei die Grausamkeit der Tat nicht schlimm genug, liege die Relevanz vielmehr darin, wer diese begangen habe. „Jede Wette, dass ,südländisches Aussehen' passt wie die Faust auf's Aug. Bitte weiter klatschen“, schreibt ein Facebook-Nutzer unter die nur wenige Stunden alte Meldung der F.A.Z.  „Problemlösung auf andere Art ...Rechte waren es anscheinend nicht“, lautet ein weiterer mit mehreren Smileys versehener Kommentar. An einer anderen Stelle mutmaßt ein Nutzer: „Wohl Araber Clans mit Schutzgelderpressung oder so.. rivalisierende Banden..“. Freilich gibt es auch Gegenstimmen. So mahnen mehrere Nutzer, die Ergebnisse der Polizeiermittlungen abzuwarten.

          In geschlossenen Gruppen sucht man nach solchen besonnenen Stimmen jedoch vergeblich. So gehen in „Freunde und Verbündete der AfD“ mit Tausenden Mitgliedern, darunter auch mehrere AfD-Politiker, die Spekulationen auch nach den ersten Informationen zur deutschen Herkunft des mutmaßlichen Täters ungehindert und offenbar unmoderiert weiter – und zwar mit der Leugnung der selbigen: „Ganz klar ein Deutscher mit Jagdschein und Mercedes S. Klasse“, schreibt ein Nutzer. Etwas weiter fragt ein weiteres Mitglied der Gruppe: „Wir heißt der Deutsche denn? Murat, Ali.“

          Die Veröffentlichung des Namens des mutmaßlichen Täters sowie Details zu dessen von Verschwörungstheorien strotzenden Ideologie führen zur nächsten Stufe, nämlich der Leugnung, dass ein deutscher Täter ein solch unfassbares Verbrechen begehen konnte. Dabei leiten die Nutzer bereits die nächste Verschwörung ab. „Wenn ich sowas , kommt mir die Reichskristallnacht immer in den Sinn, warum ?“, fragt ein Gruppenmitglied. In der Gruppe „Patrioten für Deutschland - Wir lieben unsere Heimat !“ ist zu lesen: „Jeder Linke kann ein Bekennerschreiben machen, wird diese Tat aber nicht Rechter von.“. Zudem ist die Rede von „False Flag“, also einem inszenierten Angriff, der als Täuschungsmanöver etwas anderes verschleiern sollte.

          Schuldfrage im rechten Spektrum bereits geklärt

          Auch wenn noch immer viele Fragen zum Tathergang und Motiv offen bleiben, ist in solchen Gruppen die Schuldfrage längst geklärt. Auf der letzten Ebene wird die Verantwortung für das Attentat dann bei der Regierung gesucht, wie beispielsweise innerhalb der geschlossenen „Gruppe Patrioten - Deutschland, Österreich, Schweiz“, in der unter anderem zu lesen ist: „Seit diese Versager EU alle Grenzen geöffnet hat, haben wir solche Zustände, dass ist ja bereits echter Krieg.“ Auch in „Die Patriotische Vernetzung beginnt!!!!!“ sieht eine Nutzerin die Schuld für das Attentat von Hanau bei der Bundeskanzlerin. Denn wenn die Tat schließlich unbestreitbar ist, richtet sich die Abneigung gegen die Beileidsbekundungen, wenn diese beispielsweise von Kanzlerin Merkel ausgesprochen werden: „Da meldet die sich zu Wort Wenn aber ihrer Gäste schlachten ist nichts zu hören von dieser blöden...“

          In den nächsten Tagen werden noch weitere Details zum grausamen Verbrechen ans Licht kommen, das aus einer fremdenfeindlichen und paranoiden Weltsicht entstanden ist. Den digitalen Nährboden dafür kann man online schon jetzt erkennen.

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