https://www.faz.net/-gzg-9rotz

Vorbereitung auf Wimbledon : Aufschlag auf geschichtsträchtigem Rasen

Gut behütet: ein weibliches Tennisdoppel, gespielt auf einem Platz im Bad Homburger Kurpark. Bild: Stadtarchiv Bad Homburg

Mit der Vorbereitung auf Wimbledon steht Bad Homburg nächstes Jahr ein Großereignis ins Haus. Dabei wurde im Kurpark schon Tennis gespielt, bevor es das berühmte Turnier in London gab.

          5 Min.

          Über derlei hauptstädtische Überheblichkeit sieht man im weißen Tennis-Clubhaus mitten im Kurpark nonchalant hinweg. Von einer „Kleinstadt nördlich von Frankfurt“ schrieb eine Berliner Tageszeitung, als die Bad Homburger Stadtverordneten vor gut zwei Wochen den Rahmenbedingungen für ein Wimbledon-Vorbereitungsturnier im nächsten Jahr zustimmten. Dabei war Bad Homburg auch diesmal schneller als Berlin. Erst als hier schon die Verträge unterzeichnet waren, stand fest, dass sich im Juni 2020 auch an der Havel die weltbesten Tennisspielerinnen für den Klassiker in Wimbledon fit machen. Na schön, das Preisgeld im Steffi-Graf-Stadion des Lawn-Tennis-Turnier-Clubs Rot-Weiß im Berliner Südwesten liegt mit einer Million Dollar höher als beim Wettbewerb im hiesigen Kurpark. Aber in Bad Homburg hat man schon über die nötigen Ersatzplätze für den örtlichen Tennisverein gestritten, als in Berlin die abschließende Zusage noch ausstand.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Warum sich die Bad Homburger Spielbank „Mutter von Monte Carlo“ nennt, ist allgemein bekannt: Die französischen Zwillingsbrüder Blanc führten zuerst am Taunus das „Jeuen“ ein, bevor sie später die Lizenz für das Casino des Fürstentums an der Riviera erwarben. Dass die Kurstadt aber auch als „Schwester von Wimbledon“ durchgehen könnte, wie es der CDU-Fraktionsvorsitzende Oliver Jedynak vorgeschlagen hat, ist erst mit dem bevorstehenden Tennis-Großereignis wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Der Tennis-Club Bad Homburg, dessen Sandplatz 2 für fünf Jahre zu einem akkurat geschnittenen Rasenspielfeld umgewandelt wird, ist 1876 gegründet worden. Damit war er schon ein Jahr alt, als in Wimbledon das erste Turnier ausgetragen wurde. Müßig zu erwähnen, dass der Berliner Tennisclub erst weitere 20 Jahre später eingetragen wurde.

          Sportgeschichte als Pluspunkt

          Vom 20. bis 27. Juni 2020, also eine Woche vor Beginn des prestigeträchtigen Tennisturners in dem Londoner Stadtteil, treten die Profispielerinnen im Bad Homburger Kurpark an. Turnierbotschafterin ist Deutschlands Nummer eins, Angelique Kerber. Ihr Management tritt zusammen mit der Agentur Perfect Match des Schweizer Ex-Tennisprofis Markus Günthardt als Veranstalter des Turniers auf. Die nötige Erfahrung bringt Günthardt als Turnierdirektor des Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart mit.

          Australische Siegerin: Evonne Goolagong gewann das letzte Damentennis-Weltereignis in Bad Homburg, den Federation Cup im Jahr 1973.

          Dass Bad Homburg überhaupt ins Gespräch für ein Turnier der Women’s Tennis Association (WTA) gekommen ist, dürfte vor allem an den vielfältigen persönlichen Verbindungen in die heutige Tenniswelt liegen. So spielt Kerbers Manager Aljoscha Thron in einer Herrenmannschaft des Tennis-Clubs Bad Homburg, für den der Ex-Profi Rainer Schüttler schon als jugendliches Talent antrat. Schüttlers ehemaliger Trainer Dirk Hordorff wiederum, Vizepräsident des Deutschen Tennis Bunds, wohnt in der Kurstadt. Der Name Bad Homburg dürfte also vielen, die mit Profitennis zu tun haben, schon einmal begegnet sein.

          Zugleich aber erwies sich die lange Sportgeschichte als Pluspunkt bei den Verhandlungen um den Zuschlag. Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) hat Nachholbedarf erkannt. „Wir haben aus unserem historischen Erbe zu wenig gemacht“, sagte er, als er im Stadtparlament um Zustimmung warb. Dabei habe es jetzt eine entscheidende Rolle gespielt: „Durch die Historie ist Wimbledon auf uns aufmerksam geworden.“ Denn nicht nur von Berlin, sondern erst recht von London aus gesehen ist Bad Homburg natürlich zunächst eine „Kleinstadt nördlich von Frankfurt“. Eine allerdings, in der schon der Prince of Wales zur Kur ging, bevor er 1901 als Edward VII. König von England wurde. Die englischen Kurgäste brachten ihre sportlichen Vorlieben mit. Golf wurde in Bad Homburg zum ersten Mal auf deutschem Boden gespielt, Rasentennis hatte hier sogar seine Premiere auf dem ganzen europäischen Festland. Das Stadtarchiv bewahrt eine Fotografie auf, auf der handschriftlich neben dem Jahr 1876 vermerkt ist: „The first Lawn Tennis at Homburg“. Schon zwei Jahre zuvor ließen zwei Engländer im Garten des Royal Victoria Hotels einen Tennisplatz abstecken.

          Weitere Themen

          Schutz und Schmuck – alles für  die Füße

          Schuh-Design : Schutz und Schmuck – alles für die Füße

          Von Sitzschuhen, Erotik und linken Füßen, von Shakespeare, Balzac und „Sex and the City“: Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach erzählt die Kulturgeschichte nicht nur des Schuhs.

          Topmeldungen

          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?
          Geht’s nicht voran? Ein Mann wartet unterwegs auf das Internet.

          Mobilfunkausbau : So soll das Handy schneller werden

          Die Bundesregierung will im Mobilfunkausbau verängstigte Bürger besser informieren. Denn die bremsen zuweilen den Antennenausbau wegen möglicher Strahlenbelastung. Doch das ist nicht der einzige Grund für den lahmenden Ausbau des Netzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.