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Techno-Produzent Ernestus : Viel mehr als Schnipsel

Kollaboration: Der Berliner Techno-Pionier Mark Ernestus und acht Musiker aus dem Senegal. Bild: © 2018 - Ndagga

Der legendäre Techno-Produzent Mark Ernestus bringt den westafrikanischen Mbalax-Sound auf die nördliche Halbkugel. Er vermischt Rhythm ’n’ Blues und Soca mit westafrikanischer Folklore.

          Der Beat ist vertrackt, aber doch dominant. Es wummert, es ist laut, eine klare Stimme legt sich über die Musik, die Leute im Club tanzen. Eine Techno-Party? Nein und ja. Ndagga Rhythm Force ist eine Band aus dem Senegal, die vergleichsweise traditionelle Musik spielt: Der Mbalax-Sound ist in den siebziger Jahren in Gambia und Senegal entstanden. Er vermischt Rhythm ’n’ Blues und Soca mit westafrikanischer Folklore, gesungen wird in der Sprache der Wolof. Die Trommeln bestimmen den Klang, stehen im Vordergrund.

          Alexander Jürgs

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Produziert hat die Stücke eine Legende der deutschen Techno- und House-Kultur: Mark Ernestus, der mit dem „Hard Wax“ in Berlin den wohl wichtigsten Plattenladen des Landes für elektronische Musik betreibt, der gemeinsam mit dem Musiker Moritz von Oswald in den neunziger Jahren die stilprägenden Labels „Basic Channel“ und „Chain Reaction“ gründete, der als Produzent House und Electro mit Dub und Reggae vermählte und mit dem Sänger Tikiman einige der aufregendsten Tunes der nuller Jahre schuf. Elektronische Musik in Deutschland ohne Ernestus: So richtig kann und will man sich das nicht vorstellen.

          Nicht mehr aus dem Kopf gegangen

          Wie aber haben die Musiker aus Westafrika und der Label- und Plattenladenchef aus Berlin zusammengefunden? 2008 trat Ernestus mit Tikiman auf einem Musikfestival in Kopenhagen auf. Vor ihnen legte ein DJ-Team aus in Dänemark lebenden Gambiern auf. Und was sie spielten, waren vor allem Mbalax-Stücke. Ernestus war fasziniert, hörte genau hin. Die Musik sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, hat er später in einem Interview gesagt. Vier Jahre danach machte er sich auf nach Dakar, suchte den Kontakt zu der Szene. Ein Forschungsreisender im Dienste des Beats.

          In einem Studio in der senegalesischen Hauptstadt nahm er einige Tracks mit Mbalax-Musikern auf. Für Ernestus war es eine außergewöhnliche Situation: Der Eigenbrötler, der seine Stücke normalerweise allein oder zu zweit produziert, stand plötzlich mit bis zu 20 Musikern gemeinsam im Studio. Doch die Zusammenarbeit funktionierte. Ernestus gelang es, die Energie der Musik, die sonst fast ausschließlich live gespielt wird, einzufangen. Auf einem neugegründeten Label mit den Namen „Ndagga“ veröffentlichte er erst einige EPs, dann das Album „Yermande“. Und die Musiker aus Senegal reisten nordwärts, um Konzerte zu geben: In Warschau, New York, Mailand, Berlin oder Malmö sind Ndagga Rhythm Force bereits aufgetreten. Ins Rhein-Main-Gebiet kommt die Band nun zum allerersten Mal: Am Montag treten sie im Frankfurter Club „Zoom“ auf.

          Das Interesse an „Afro-Beats“ in der elektronischen Musikszene ist gar nichts so Neues. Die Begeisterung für oft uralte, rhythmusbetonende Musiken aus Afrika eint viele Techno-, House- oder NuJazz-Produzenten. Doch meist findet die Musik ihren Weg in die Tracks nur als Schnipsel. Das hat gewiss viel mit der Sampling- und Remixkultur zu tun, die ganz bewusst darauf setzt, aus vielen kleinen Einzelteilen etwas Eigenes zu schaffen, teilweise wohl aber auch mit westlicher Ignoranz. Musik aus Afrika bleibt so allzu oft bloß exotische Note.

          Nicht so bei Mark Ernestus: Er stellt sich als Produzent ganz in den Dienst der westafrikanischen Mbalax-Musiker, er nimmt sich zurück, fügt den Stücken nichts hinzu. Seine Rolle ist die des Türöffners. Er machte es möglich, dass wir die wunderbaren Stücke der Ndagga Rhythm Force endlich auch in unseren Breitengraden live erleben können. Diese Haltung passt zu ihm: Ernestus war schon immer lieber ein Mann im Hintergrund. Er gab nie viele Interviews, posierte nicht für Fotos, ließ sich nie als DJ-Superstar feiern. Sein Einfluss auf die Elektronik-Szene ist trotzdem noch immer immens.

          Mark Ernestus’ Ndagga Rhythm Force

          Der Auftritt findet am 28. Januar um 21 Uhr im Zoom, Brönnerstraße 5–9 statt.

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