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Techno-DJ Anthony Rother : Schaltgreise der Zukunft

Alles geregelt: Anthony Rother bei einem seiner Auftritte Bild: Christian Arndt

Techno in Frankfurt: Seit 25 Jahren feilt Anthony Rother an seinen retrofuturistischen Sounds, die zugleich nostalgisch und aktuell klingen.

  • -Aktualisiert am

          Andere wollen in dem Alter Feuerwehrmann, Polizist oder Kapitän werden, doch für Anthony Rother, im Jahr 1972 in Frankfurt geboren, kam wohl nie ein anderer Beruf in Frage als Musiker. Komponist, Performer und Produzent elektronischer Musik, um genau zu sein. Als Elfjähriger tauscht er seinen Kassettenrekorder gegen ein kleines Casio-Keyboard ein, und von diesem Moment in den frühen achtziger Jahren an ist es beschlossene Sache, dass er Musik machen wird. Einige Jahre später kommt er im Club Central Studio in Friedberg erstmals mit Electro-Funk-Beats in Berührung. Die Inhaber des Clubs betreiben auch ein Studio und lassen den jungen Rother dort experimentieren.

          Electro-Funk oder kurz „Electro“ wurde von afro- und hispanoamerikanischen DJs in und um New York entwickelt. Pioniere wie Afrika Bambaataa, Man Parrish, Newcleus und etwas später Mantronix verbanden Elemente aus Hip-Hop und P-Funk mit den kristallinen Klängen von Kraftwerk und dem Yellow Magic Orchestra. Electro war als Clubsound ein oft unterschätzter Vorläufer des Techno-Sounds der Neunziger. Man Parrish zum Beispiel hatte schon 1982 ein Stück namens „Techno Trax“ veröffentlicht – drei Jahre bevor der Begriff erstmals in Detroit auftauchte.Und allen oben Genannten ist die Tatsache gemein, dass sie sich im engeren oder weiteren Sinne auf die Musik der Düsseldorfer Elektro-Pioniere Kraftwerk bezogen.

          Anders als Egyptian Lover und Bambaataa, die sich ganze Melodie- und Basslinien aus Düsseldorf – von „Trans-Europa Express“ bis „Tour de France“ – via Sampling direkt unter den Nagel rissen, hat Anthony Rother Kraftwerk immer nur als Vorbild und wichtige Inspirationsquelle gesehen. Die klare, konsequente Präzision des Kraftwerk-Klangs, den man förmlich mit Händen greifen könne, fasziniert ihn bis heute. Einige seiner eigenen Stücke klingen gerade so, als wären sie einst im Düsseldorfer KlingKlang-Studio liegen geblieben und mit neuem Elan in einer dunklen Nacht mit heutiger Technik fertig produziert worden.

          Auf den Spuren von Kraftwerk

          Rother selbst bezeichnet das auf Heiko Laux’ Label Kanzleramt veröffentlichte Mini-Album „Sex With The Machines“ (1997) als prägend für seine weitere Karriere. Es war nicht nur das erste unter seinem bürgerlichen Namen, es machte ihn in der Electro-Szene auch international bekannt. Die düstere Cyberpunk-Ästhetik auf diesem und den folgenden Werken „Simulationszeitalter“ (2000) und „Hacker“ (2002) ist das deutlichste Unterscheidungskriterium gegenüber seinen großen Vorbildern aus Düsseldorf, textlich jedoch bewegt er sich mit seinen mal retrofuturistischen, dann wieder technologiekritischen Visionen in ähnlichen Sphären wie Kraftwerk. In „Biomechanik“ zeichnet er ein dystopisches Bild: „Leben wird kopiert, Gefühle generiert, Natur perfektioniert“, und die Vocoder-Stimme sowie der schleppende Beat tun ein übriges, um den Hörer in Bann zu schlagen. Ähnlich finster geht es in der „Maschinenwelt“ zu, und beim Titel „Hacker“ vom gleichnamigen Album erweckt er den Anschein, als sei Angriff die beste Verteidigung: „Analoge Dinge werden digitalisiert / Sicherheit und Fortschritt durch die Medien propagiert. Wir finden alle Fehler in diesem System / Deshalb sind wir wertvoll, aber unbequem.“ Auf diese dunkelgraue Phase folgt eine deutlich farbigere Schaffensperiode, in der sich der in Offenbach wohnende Produzent zum „echten“ Techno-Musiker wandelt: Mit den Alben „Popkiller“ (2004) und „Popkiller II“ (2010) gönnt er sich eine Auszeit von den kalt und maschinell anmutenden Elektroklängen. Das Singen lässt er sich noch immer nicht verbieten, und er verzichtet dabei sogar immer öfter auf den Vocoder als technoide Tarnkappe. Textlich wird es mit Stücken wie „Father“ und „Mother“ autobiographisch, auch musikalisch menschelt es häufiger.

          Längst ist er auch zum geschätzten Produktionspartner von Stars wie Sven Väth und DJ Hell geworden. Auf dessen Album „Teufelswerk“ hinterlässt Rother als Ko-Produzent und Komponist einiger Tracks einen tiefen musikalischen Abdruck. Die Fusion aus düsteren Elektroklängen und treibenden Techno-Beats gehört zu den herausragenden Beiträgen aus „Electronic Germany“ in der zweiten Hälfte der nuller Jahre. Der gleichnamige Track von Hell und Rother ist zugleich ein programmatisches Statement und eine Hommage an die Überväter im lakonischen Düsseldorfer Sprachduktus: „Rhythmus – Melodie / Klangbaustein – Symphonie / Electronic Germany“. Damit ist alles gesagt.

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