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Elektrisierter Klassiker : Techno-Duo interpretiert große Komponisten

Zwei-Mann-Band: Florian Wäldele (links) und Florian Dreßler sind The OhOhOhs. Bild: Wonge Bergmann

Roll Over Beethoven? Das Techno-Duo The OhOhOhs hat keine Scheu vor dem großen Komponisten.

          3 Min.

          Er war so frei. Pfiff auf Regeln. Und schuf so revolutionäre Musik. Heute gehört die Klaviersonate Nr. 14 op. 27 Nr. 2 in cis-Moll, besser bekannt als „Mondscheinsonate“, zu Ludwig van Beethovens (1770–1827) populärsten Kompositionen. Seinen Zeitgenossen muss das 1801 vollendete Werk jedoch geradezu anarchistisch vorgekommen sein, schmiss Beethoven doch die herkömmliche Sonatenform mit einem schnellen Satz, gefolgt von einem langsamen und wiederum gefolgt von einem schnellen, über den Haufen. In der Mondscheinsonate folgt einem Adagio ein lebhaftes Allegretto, dem sich ein noch schnelleres Finale anschließt. Beethoven drückte im übertragenen Sinne also immer stärker aufs Gaspedal.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Solche Raserei findet sich bis heute in den unterschiedlichsten musikalischen Genres, nicht zuletzt in Punk und Techno. Der klassisch ausgebildete Pianist Florian Wäldele mag daher durchaus sofort Anknüpfungspunkte gefunden haben, spielte er doch in seiner Jugend in Punkbands, bevor er sich im Studium an der Frankfurter Musikhochschule der klassischen Klavierliteratur widmete – und Techno beim abendlichen Ausgehen hörte.

          Den in Frankfurt einst so bedeutsamen elektronischen Beats konnte auch Florian Dreßler kaum entgehen, wenngleich das musikalische Interesse des Schlagzeugers und Perkussionisten eher Funk, Downbeat und vor allem afro-kubanischen Rhythmen galt, die er nicht zuletzt bei einem mehrmonatigen Aufenthalt auf Kuba eingehender studiert hatte.

          Trotzdem landeten die beiden Florians, Freunde seit Kindheitstagen, als sie sich bei einem gemeinsamen Kletterkurs kennengelernt hatten, beim Techno. Miteinander musiziert hatten sie vorher schon oft und an ein gemeinsames Projekt gedacht, dessen musikalische Richtung aber ungewiss war. „Und dann stießen wir in einem Proberaum in Bornheim auf einen alten Yamaha-Synthesizer, einen SK20, probierten ihn aus, und die Richtung war klar: Techno“, erinnern sich die beiden an ihre Anfänge im Jahr 2005. „Allerdings wollten wir nicht irgendwo nur tüfteln, sondern alles live spielen.“ Elektronische Sounds, dargeboten aber im Stile seinerzeit populärer Rock-Duos wie The White Stripes oder The Black Keys mit nur einem Hauptinstrument und Schlagzeug, so konzipierten Wäldele und Dreßler ihre Zwei-Mann-Band, zu deren Namen sie gleichfalls von einer Rockband inspiriert wurden. „Mir gefiel immer der Name der New Yorker Band Yeah Yeah Yeahs, und so kamen wir auf The OhOhOhs“, erzählt Florian Wäldele, der wie Dreßler heute als Musiklehrer arbeitet.

          Vierhändig auch als The Oh!chestra unterwegs

          Die Beschäftigung mit der klassischen Literatur hat Wäldele daher nie aufgegeben und sich parallel zu den schweißtreibenden Performances auf Clubbühnen und bei Undergroundpartys weiter mit Bach, Beethoven, Schubert oder Debussy befasst und diese Erfahrung in The Oh!chestra fließen lassen, jenes Projekt, mit dem die beiden Flos antraten, wenn ein Veranstalter einen Flügel zur Verfügung stellen konnte. Dann gab es Variationen klassischer Kompositionen, unterlegt mit Dreßlers Schlagzeug-Patterns, zu hören. Einige dieser Stücke haben die beiden unter dem Albumtitel „Vierhändig“ auch als The Oh!chestra aufgenommen, tatsächlich eine der wenigen physischen Veröffentlichungen der beiden. „Wir müssen echt an unserem Output arbeiten“, lachen Wäldele und Dreßler in ihrem Proberaum auf dem früheren Fredenhagen-Gelände an der Sprendlinger Landstraße in Offenbach. Dort sind sie seit Anfang des Jahres fleißig zugange, um an neuen Aufnahmen zu arbeiten, zu denen auch eine Version der gesamten „Mondscheinsonate“ gehören wird, deren dritten Satz die OhOhOhs schon länger im Repertoire haben. Neben Beethoven haben sich die beiden zudem mit „Der Tod und das Mädchen“ eines der berühmtesten Schubert-Lieder ausgesucht, für dessen Interpretation sie die Schweizer Sopranistin Maja Bader gewonnen haben.

          Die ist nicht nur Gast bei der Aufnahme, für deren Veröffentlichung noch kein Termin genannt ist, sondern auch Gast bei einem ganz besonderen Konzertereignis, das Wäldele und Dreßler gerade vorbereiten. Einige im Frühsommer geplante Auftritte hatte das Duo ja wegen der Corona-Pandemie absagen müssen, doch ihr Doppelkonzert „Ode an die Freunde“ am Samstag, 28. August, im Frankfurter Palmengarten ist gesetzt. Vor jeweils bis zu 250 Zuhörern wird dort von 16 Uhr an bei einem ersten Konzert ein von klassischer Musik geprägtes Programm geboten, bei dem neben Schubert-Liedern auch einige von Maja Bader intonierte Beethoven-Arien zu hören sein werden. Weitere Gäste sind der Pianist Leonhard Dering und Kontrabassist Gregor Praml, der diese Konzert auch moderieren wird.

          Am Abend von 20 Uhr an soll es dann clubbiger zugehen, wenn The OhOhOhs von Oliver Leicht, Saxofonist der hr-Bigband, und dem unter anderem bei De-Phazz oder Hattler aktiven Schlagzeuger Oli Rubow unterstützt werden. Maja Bader wird ebenfalls als Gast bei einem Song zu hören sein.

          TICKETS für „Ode an die Freunde“ sind über die Website des Mousonturm www.mousonturm.de erhältlich

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