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Technikkonzern Software AG : „Mittelstand? Problematisch!“

Stellt auch in der Krise ein: der Technikkonzern Software AG aus Darmstadt Bild: dpa

Corona ist ein Weckruf für die Wirtschaft, meint Sanjay Brahmawar, Vorstandschef der Software AG. Personalvorstand Elke Frank und er finden noch viel Darmstadt im Konzern und haben die Umsatzmilliarde im Visier.

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          Die IT-Industrie hat bisher von den Auswirkungen der Corona-Pandemie profitiert. Vor allem Plattformfirmen wie Amazon beflügeln die Börse. Profitiert davon auch die Software AG?

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Carsten Knop

          Brahmawar: Die Corona-Pandemie ist eine menschliche Tragödie, deshalb glaube ich nicht, dass irgendein Unternehmen gerne davon profitiert. Aber es ist definitiv ein Weckruf. Vielleicht verallgemeinernd kann man sagen, dass die Unternehmen, die in der Vergangenheit in digitale Transformationstechnologie investiert haben, jetzt widerstandsfähiger sind. Und diejenigen, die in diesem Bereich im Rückstand sind, haben jetzt größere Probleme.

          Ja, aber was bedeutet das für Sie?

          Brahmawar: Wir sind in der glücklichen Lage, unternehmenskritische Anwendungen bei unseren Kunden mit unseren Produkten abzudecken. Nehmen Sie unsere Datenbank- und Integrationssoftware oder unsere Angebote rund um das Internet der Dinge und Analysesoftware. Überall dort, wo Projekte sehr ernsthaft angegangen werden, setzen wir die Projekte fort. Nur diejenigen Unternehmen, die solche Investitionen noch eher als Option sehen, behandeln diese jetzt als solche.

          Und wo liegen die größten Probleme?

          Brahmawar: Grundsätzlich denke ich, dass der deutsche Mittelstand – so erfolgreich er auch auf der Welt ist – immer noch eine problematische Einstellung zur Informationstechnologie hat. Der Mittelstand in Deutschland ist digital nicht wettbewerbsfähig genug. Hier brauchen wir mehr Tempo und einen echten kulturellen Wandel.

          Kümmert sich um die Mitarbeiter: Personalvorstand Elke Frank
          Kümmert sich um die Mitarbeiter: Personalvorstand Elke Frank : Bild: Unternehmen

          Was ist mit dem öffentlichen Sektor?

          Brahmawar: Natürlich ist der öffentliche Sektor nicht so agil wie die Privatwirtschaft. Aber die Corona-Krise hat gezeigt, dass Dinge plötzlich schnell geschehen können, wenn sie schnell geschehen müssen. Auch hier macht sich also ein kultureller Wandel bemerkbar.

          „Kulturwandel“, das lässt sich leicht sagen: Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Personalentwicklung, gerade inmitten dieser Krise?

          Frank: Das Schlüsselwort ist Vertrauen. In einer solchen Situation muss man viel Vertrauen in seine Mitarbeiter haben, und dieses Vertrauen muss man in seine Mitarbeiter setzen. Man lernt, dass man in einer Homeoffice-Situation nicht wirklich alles und jeden direkt kontrollieren kann. Ein weiterer Aspekt ist, dass Sie viel besser mit Ihren Mitarbeitern kommunizieren müssen. Man kann überhaupt nicht zu viel kommunizieren.

          Stellen Sie weiterhin ein?

          Frank: Ja, wir haben allein von März bis heute mehr als 200 Mitarbeiter eingestellt.

          Es gibt also keine Kurzarbeit und keinen Einstellungsstopp?

          Frank: Nein, es gibt keine Kurzarbeit, und wir werden weiter einstellen, vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung. Aber wir stellen sicher, dass unsere Kosten im Einklang mit unserem Umsatz stehen.

          Ist die Suche nach neuen Mitarbeitern einfacher geworden?

          Frank: Das hängt davon ab, wen Sie suchen. Im Verkauf ist es im Allgemeinen etwas einfacher geworden. Wenn Sie Mitarbeiter für Forschung und Entwicklung suchen, ist es etwas schwieriger geworden. Dieser Personenkreis ist in einer solchen Situation tendenziell etwas risikoscheuer.

          Herr Brahmawar, Sie leiten ein Unternehmen mit Sitz in Darmstadt. Sie sind der Trikotsponsor von Darmstadt 98, doch die Software AG ist in der Region nicht sehr bekannt. Welche Rolle spielt Ihr Unternehmen in Hessen?

          Brahmawar: Wir haben unseren Sitz in Darmstadt, aber wir sind ein wirklich globales Unternehmen, das in 70 Ländern tätig ist. Wir arbeiten sehr eng mit der Hessischen Landesregierung bei Initiativen zur digitalen Transformation wie House of IT und Smart City Darmstadt zusammen. Wir sind hier ein attraktiver Arbeitgeber. Natürlich engagieren wir uns auch an der TU Darmstadt oder der Frankfurt School of Finance, um zum technologischen Lernen beizutragen. Gemeinsam mit unserer Stiftung engagieren wir uns in verschiedenen sozialen Projekten. Wir freuen uns, dass es in Hessen viele attraktive Branchen mit den entsprechenden Kunden gibt: zum Beispiel Pharmazie, Banken, Automobilbau, alles rund um den Flughafen. Und ja, wir haben gerade unser Trikotsponsoring von Darmstadt 98 um weitere vier Jahre verlängert. Damit ziehen wir viel Aufmerksamkeit auf uns.

          Wie sehen Sie die aktuelle wirtschaftliche Situation in Deutschland?

          Brahmawar: In diesem Jahr wird es einen deutlichen Abschwung geben, aber schon 2021 ist mit einem Wachstum von rund fünf Prozent zu rechnen. Schließlich handelt der Staat, ob mit der Rettung der Lufthansa oder mit massiven Konjunkturpaketen. Ich will damit sagen: Je mehr die Konjunkturprogramme dem Mittelstand helfen, desto besser.

          Externe Expertise: Vorstandschef Sanjay Brahmawar
          Externe Expertise: Vorstandschef Sanjay Brahmawar : Bild: Unternehmen

          Ihr Umsatz hatte in der Vergangenheit schon mal die Milliarden-Euro-Grenze überschritten. Wann sehen wir das wieder?

          Brahmawar: Unser Ziel ist klar. Wir wollen diese Milliarde im Jahr 2023 wieder herstellen. Dann aber mit einem neu ausgerichteten Geschäftsmodell, das sich auf wiederkehrende Einnahmen konzentriert. Selbst mit einer Milliarde Umsatz kann man nicht alles gleich gut machen, weshalb wir uns jetzt auf bestimmte Leitmärkte konzentrieren. Das sind Nordamerika, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, China und Japan. Dort haben wir in den letzten Jahren zu wenig investiert, und das werden wir ändern. Wir erweitern auch unsere Cloud-Angebote im Bereich der Integrations- und IoT-Software und -Services. Auf diese Weise können wir ein globales Marktpotential von 20 bis 24 Milliarden Dollar erreichen. Ich bin sicher, dass wir davon einen guten Teil übernehmen können.

          Und die Wachstumstrends sind?

          Brahmawar: Ganz klar, die Nachfrage nach Integrationssoftware für die digitale Transformation, nach allem, was mit Cloud-Computing zu tun hat, und nach allem, was benötigt wird, um mobile Mitarbeiter mit den Computer-IT-Systemen des jeweiligen Unternehmens zu verbinden, wächst nach wie vor sehr stark.

          War es nötig, für die Umstrukturierung fast den gesamten Vorstand zu ersetzen?

          Brahmawar: Die Software AG hat eine großartige Geschichte und starke Produkte, auf die wir aufbauen können. Aber neben dem strategischen Wandel gibt es auch den kulturellen Wandel, den wir zu bewältigen haben. Wir müssen agiler werden. Wir sind jetzt einfach vielfältiger und verfügen über einen größeren Erfahrungsschatz in Sachen Transformation und Wandel. Wir haben das Wissen vieler Konkurrenten in den Vorstand eingebracht. Und ich bin sicher, dass wir sehr gut positioniert sind.

          Software AG programmiert sich um

          Die Software AG in Darmstadt gehört zu den größten Anbietern von Computerprogrammen für Unternehmen. Von den weltweit 5000 Mitarbeitern sind ein Viertel in Deutschland beschäftigt. 2019 erwirtschaftete die in den Börsenindexen Tec-Dax und M-Dax notierte Software AG einen Umsatz von 890 Millionen und einen Nettogewinn von 188 Millionen Euro. Das kurz vor der Mondlandung 1969 gegründete Unternehmen entwickelt Software, um Daten in großem Umfang zu analysieren und Geschäftsprozesse zu automatisieren. Zu den Kunden gehören Banken, Verwaltungen, Versicherungen und Konzerne. Ein erheblicher Teil des Umsatzes wird zudem mit der Wartung und der Beratung erwirtschaftet. Seit einigen Jahren entwickelt das Unternehmen zudem Plattformen, durch die Kunden viele Daten und Rechenprozesse in die Cloud verlagern können. Dies ermöglicht das „Internet der Dinge“, die direkte Kommunikation von Computern und Produktionsmaschinen. Davon versprechen sich viele einen ähnlichen Produktivitätsschub wie durch das Fließband. Im August 2018 hat der frühere IBM-Manager Sanjay Brahmawar die Führung der Software AG übernommen. Die Hauptaufgabe des 1970 in Indien geborenen Belgiers ist die Neuausrichtung des Konzerns, weil das Geschäft seit Jahren stagniert. Unter anderem wollen immer mehr Unternehmen Software mieten statt kaufen. Zudem wurde im Sommer 2019 mit der Telekom-Managerin Elke Frank erstmals ein Personalvorstand bei der Software AG eingesetzt. Dies soll die Rolle der Personalentwicklung für die Wachstumsstrategie unterstreichen. Sie ist Ko-Autorin des Buches „Out of Office: Warum wir die Arbeit neu erfinden müssen“.

          fahe.

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