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Taunus-Tourismus : Heimfahrt mit „Rundtourfahrkutsche“ nach sechs Stunden Marsch

Wegweisend: Auch ein Hinweisschild des Taunusklubs wird bei der neuen Ausstellung „Wanderlust“ im Hessenpark gezeigt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Taunus-Tourismus verzeichnet eine stabile Nachfrage: Das Wandern spielt heute wie vor mehr als 100 Jahren die Hauptrolle. Das zeigt auch die Ausstellung „Wanderlust“ im Hessenpark.

          Es wäre interessant zu erfahren, was August Knyrim zu grellbunten Radfahrer-Leibchen im Tour-de-France-Stil, in allen Modefarben leuchtender Funktionskleidung oder alpenländischer Tracht samt Filzhut sagen würde, wie sie an Wochenenden im großstadtnahen Mittelgebirge anzutreffen sind. Was der Autor von der Sportkluft seiner Zeitgenossen hielt, ist in seinem 1894 erschienenen Buch „Wanderungen im Taunus“ nachzulesen. Darin gibt er Ausrüstungstipps und rät zum Beispiel, bei den Schuhen auf eine „dem Fuße am meisten nachgebildete Form“ zu achten. Ansonsten sei es egal, ob man Schuhe, Stiefeletten oder Schaftstiefel wähle. Bei der Oberkleidung vermeide man allerdings „die sich jetzt so vielfach breitmachende lächerliche Sucht, als Tourist aufzufallen.“

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          In der gerade im Hessenpark eröffneten Sonderausstellung „Wanderlust. 200 Jahre Naturbegehung im Taunus“ sind Auszüge aus Knyrims Ratgeber nachzulesen. Schon am Bahnhof, wettert er darin, seien die „unheimlichen Gestalten“ in ihrer Wanderkluft auszumachen, die wie „Banditen und Briganten“ wirkten, weil sie „die eigentlich nur während der Fastnachtszeit übliche Maskerade“ auf das ganze Jahr ausdehnten. Heute wäre es wohl eher die zur Schau getragene Sportlichkeit oder Naturverbundenheit, die dem Betrachter ins Auge fiele. Ansonsten möchte der moderne Tourist ja gerne für einen Einheimischen gehalten werden.

          Weniger Übernachtungen und Ankünfte

          An ihrer Kleidung dürften heutige auswärtige Besucher des Taunus kaum zu erkennen sein. Zumal diejenigen, die in der Statistik geführt werden, ohnehin oft aus geschäftlichen Gründen kommen und im Anzug unterwegs sind. Die aktuellen Zahlen hat gerade der Zweckverband Taunus Touristik Service mitgeteilt, der bis zum Wochenende auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin für das Mittelgebirge wirbt. 2017 ging die Zahl der Übernachtungen leicht um 1,3 Prozent auf 3,55 Millionen zurück. Die Zahl der Ankünfte sank um 0,6 Prozent auf 1,13 Millionen. Die Angaben gelten allerdings für die gesamte „Destination Taunus“, die vom Main bis nach Mittelhessen reicht. Die beiden Kernkreise hingegen lagen im Plus.

          Beim Hochtaunuskreis bedeuteten die 1,33 Millionen Übernachtungen einen Zuwachs von 2,8 Prozent, die Zahl der Ankünfte wuchs um 3,3 Prozent auf 498 000. Noch deutlicher fiel der Anstieg für den Main-Taunus-Kreis aus. 2017 reisten 440 000 Menschen an und damit 7,2 Prozent mehr als im Vorjahr, die 855 000 Übernachtungen bedeuteten einen Zuwachs von sechs Prozent. Die mit Abstand größte Attraktion war der Opel-Zoo mit 529 000 Besuchern, aber auch der Freizeitpark Lochmühle mit 300 000 und der Hessenpark mit 244 000 zählen zu den bevorzugten Zielen. Große Gästezahlen im mittleren sechsstelligen Bereich weisen auch die Bäder und Thermen auf.

          Trendsportart Wandern

          Der Vorsitzende des Taunus Touristik Service, der Grävenwiesbacher Bürgermeister Roland Seel (CDU), sieht das Wandern immer noch als Kernthema der Region, das sich zur Trendsportart entwickle. Das wird man beim Taunusklub gerne hören, dessen Gründung vor 150 Jahren Anlass für die Ausstellung im Hessenpark ist. Darin geht es auch ums Grundsätzliche. Etwa die historische Entwicklung vom „Wandern müssen“, weil zu Hause nur ein karges Einkommen zu erzielen war, über das „Wandern können“, wofür um 1900 die erstmals drei bis sechs Tage Urlaub im Jahr zur Verfügung standen, bis zum „Wandern wollen“ als sportliche Freizeitbeschäftigung. Wobei die Wortwahl des 1934 verliehenen goldenen Bundesabzeichens für 100 erfolgreich absolvierte „Pflichtwanderungen“ den Eindruck erweckt, die historischen Kategorien könnten sich gelegentlich mischen.

          Die Schau in der Stallscheune aus Asterode in der Baugruppe Nordhessen widmet sich Themen wie der Orientierung im Gelände, sie zeigt Andenken aus den sechziger Jahren wie eine Porzellankuh mit Glöckchen samt Feldberg-Motiv und gibt einen Einblick in das frühe Bemühen um auswärtige Gäste. 1891 konnten sie zum Beispiel auf Vorschläge für „1/2 tägige Touren“ zurückgreifen. Eine führte von Cronberg über Falkenstein, Fuchstanz, Glaskopf, Glashütten, Schloßborn und Ehlhalten in das „Silberthälchen“, von wo es noch auf den Atzelberg und über Eppenhain bis nach Eppstein ging. „Sechs Stunden Marschzeit“ waren dafür veranschlagt. An- und Abreise erfolgten mit der „Rundtourfahrkutsche“ Frankfurt–Cronberg und Eppstein–Frankfurt, der Fahrschein zu 1,20 Mark.

          Die Kombination aus Tourenvorschlag und öffentlichem Nahverkehr ist noch heute das bevorzugte Konzept für den Taunus-Tourismus. Auch einen Vorläufer des Taunus Touristik Service gab es schon, die „Kommission für Verkehrserleichterung“. Sie organisierte um 1900 nahezu flächendeckend „Touristen-Auskunftsstellen“. Bevorzugt Gastwirte übernahmen diese Funktion, etwa „Herr Schmidt“ im Gasthaus zur Post in Rod an der Weil oder der Inhaber von Haus Ochs in Schmitten. In den Städten konnte es aber auch ein Uhrmacher wie Jean Wagner in Königstein sein, der Seminarlehrer Franke in Usingen oder Fritz Nagel in Bad Homburg, der eine „Cigarrenhandlung“ betrieb und auch schriftliche Anfragen beantwortete. Dabei wurde eine „Vergütung baarer Auslagen für Porti, Depeschen etc. beansprucht“. Ansonsten wurde jedermann „in zuvorkommendster Weise unentgeltlich Auskunft über touristische Verhältnisse erteilt“. Nicht anders, als es das Taunus-Informationszentrum an der Oberurseler Hohemark heute tut.

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