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Trauerbegleitung : Kiste oder Topf?

  • -Aktualisiert am

Wieder Licht ins Dunkel bringen: Tatjana Ohlig bietet Hilfe für Trauernde Bild: Michael Kretzer

Tatjana Ohlig und der Verein Trauernde Eltern und Kinder Rhein-Main helfen Kindern und Erwachsenen, mit dem Verlust von nahen Angehörigen klarzukommen. Auf den Tod hat die Psychotherapeutin einen ganz eigenen Blick.

          Die Einen denken an den Sensenmann, der im dunklen Umhang und mit gewetztem Gartengerät an die Haustür klopft. Tatjana Ohlig hat eher einen Tisch im Sinn, wenn sie an den Tod denkt. Einen gedeckten Tisch, um genau zu sein. Alles darauf hat seine Ordnung, jeder und jedes hat seinen Platz. „Und dann macht es wuuusch.“ Der Tod fegt alles weg.

          So gesehen, ist es die Aufgabe der Mainzer Psychotherapeutin Ohlig, den Trauernden beim Tischdecken zu helfen. Es ist zu vermuten, dass ihr das schon oft gelungen ist. Sie hat eine Praxis in Wiesbaden, arbeitet aber auch für den Verein Trauernde Eltern und Kinder Rhein-Main, der seinen Sitz in Mainz hat. Dort leitet Ohlig Gruppen und führt Einzelgespräche, um Trauernde zu begleiten. So hilft sie Eltern, deren Töchter oder Söhne aus welchem Grund auch immer zu früh gestorben sind, aber auch Kindern und Jugendlichen dabei, mit dem Verlust eines nahen Menschen umzugehen.

          Mehr als das Offensichtliche

          Der Tod wirbelt vieles durcheinander. Vater oder Mutter eines verstorbenen Kindes zu sein, müsse gelernt sein sagt Ohlig. Viele Gewohnheiten werden obsolet, warum sollte man etwa auf den Fußballplatz gehen, wenn die Jugendmannschaft ohne den eigenen Sohn spielt? Elternabende fallen aus, was an sich kein großer Verlust sein mag, aber die gemeinsamen Themen mit anderen Müttern und Vätern gehen den Betroffenen aus. Das sind Dinge, die Außenstehende leicht verstehen können. Doch Ohlig weiß, dass das allenfalls das Offensichtliche ist.

          Ohlig will ihren Kollegen aus der Psychotherapie nicht zu nahe treten. Sie meint aber, dass nicht jeder für diese Aufgabe geeignet ist. Viele der Trauernden, mit denen Ohlig im Verein arbeitet, hatten schon einen Therapieplatz, fühlten sich aber nicht gut aufgehoben. Ohlig erklärt sich das mit den unvorstellbaren Gefühlen, die der Verlust des eigenen Kindes mit sich bringt. „Das geht mit Zuständen einher, die sich Außenstehende nicht vorstellen können.“

          Gruppen- und Einzelbegleitung

          Ohlig kann sich das vorstellen. Zehn Jahre ist es her, dass ihre eigene Tochter gestorben ist. Elf Jahre ist sie nur alt geworden, dann hat ihr Herz den Kampf gegen eine angeborene Krankheit verloren. Vom zweiten Tag ihres Lebens an war der Schatten des Tischabräumers ihr ständiger Begleiter. Operationen gehörten fast zum Alltag. „Wir hatten uns schon 100 Mal verabschiedet“, sagt Ohlig. Als ihre Tochter nach einer Operation starb, war sie in gewisser Weise darauf vorbereitet, aber auch sehr erschöpft. Ihre psychotherapeutische Ausbildung dürfte ihr geholfen haben. Doch gegen das gewaltige „Wuuusch“-Geräusch ist selbst das nicht mehr als eine Aspirin-Pille gegen ein Krebsgeschwür.

          Der Bruder im Himmel: Bilder können in der Trauer wichtiger sein als Worte

          Deshalb gibt es den Verein. Knapp 20 Jahre ist es her, dass Seelsorger und betroffene Eltern ihn gegründet haben. Schon in den Jahren zuvor gab es Gesprächsgruppen und regelmäßige Treffen. Mittlerweile wenden sich jedes Jahr 2000 Betroffene an die Geschäftsstelle in einem Mainzer Industriegebiet. Der Verein bietet knapp zehn Gruppen an mit verschiedenen Schwerpunkten. In manchen geht es nur um Gespräche, andere treffen sich zum Sport. Hinzu kommen Einzelgespräche. Der Bedarf sei groß, sagt Ohlig, der Verein müsse eigentlich wachsen. Er finanziert sich aus Spenden und den Mitgliedsbeiträgen.

          Ohlig ist eine von acht Trauerbegleiterinnen. Sie arbeitet mit Erwachsenen, aber auch mit Kindern. Im Dachgeschoss der Vereinsräume gibt es Platz für die Mädchen und Jungen, die einen Bruder oder eine Schwester verloren haben. Wenn sie sich mit Ohlig treffen, spielen Worte nur eine Nebenrolle. Die Gespräche seien eher kurz, dafür bleibe viel Zeit für kreative Aufgaben. Die Bilder an der Wand zeugen davon: Auf ihnen schweben kleine Engel um die Erde, Kerzen leuchten durch die Dunkelheit.

          Der Tod ist komplizierter

          Trotz des spielerischen Ansatzes geht es um ernste Fragen: „Kiste oder Topf?“, ist eine davon. Liegt also der Bruder oder der Vater nun in einem Sarg unter der Erde, oder ist er in einer Urne? Oder: Wie kann Mama denn in diesem kleinen Topf hineinpassen? Ohlig ist es wichtig, dass die Kinder die Erinnerungen an den Toten stärken, statt sie zu verdrängen.

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