https://www.faz.net/-gzg-79a7d

Tarifstreit : Karstadt-Mitarbeiter wollen nicht wieder verlieren

Im Blick: Auch in der Karstadt-Dependance auf der Zeil in Frankfurt ist mit einem Warnstreik zu rechnen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Der Tarifstreit im Einzelhandel ist diesmal heftiger als sonst. Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um den Manteltarifvertrag. Bei Karstadt soll die Belegschaft einmal mehr verzichten.

          3 Min.

          Die zierliche ältere Dame ist kurz irritiert, weil die Schwingtür am Karstadt-Eingang im Main-Taunus-Zentrum ihrem beherzten Drücken nicht wie gewohnt nachgibt. Dann fällt ihr Blick auf das Schild in Kopfhöhe, auf dem die Gewerkschaft Verdi um Verständnis für den Warnstreik an diesem Dienstagmorgen bittet und dafür, dass das Warenhaus erst am Mittag öffnet. „Ich hoffe, dass es etwas hilft, ich fürchte aber, dass es das nicht tut“, antwortet die Frau auf die Frage, was sie vom Warnstreik bei Karstadt halte. In der Arbeitswelt gehe es ja längst nicht mehr gerecht und fair zu.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Wenn die gerade angelaufene Warnstreikwelle im Tarifkonflikt bei Karstadt tatsächlich nichts helfen sollte, dann, so sagt Bernhard Schiederig, Fachbereichsleiter Handel der Gewerkschaft Verdi in Hessen, sei rechtlich auch ein rascher Wechsel zu einem echten Streik möglich. Denn die Unternehmensleitung habe es schon abgelehnt, auch nur über einen Anerkennungstarifvertrag zu verhandeln. Ob es einen unbefristeten Streik bei Karstadt gibt, ist noch offen. Als sicher gilt aber, dass es in den nächsten Tagen zu weiteren Warnstreiks kommen wird. Auch die Frankfurter Karstadt-Dependance und weitere Filialen in der Region werden bestreikt werden, wie es heißt.

          Tarifflucht oder Tarifpause

          Hintergrund der Auseinandersetzung ist der Austritt der Karstadt Warenhaus GmbH aus der Tarifbindung des Arbeitgeberverbandes im Einzelhandel in der vergangenen Woche. Das Unternehmen will so die Entgelterhöhungen für die Mitarbeiter vermeiden, die am Ende der laufenden Tarifverhandlungen im Einzelhandel stehen werden. Die Gewerkschaft nennt ein solches Verhalten Tarifflucht, das Unternehmen spricht von einer Tarifpause.

          Es gibt in einigen Branchen Unternehmen, die zwar Mitglieder des jeweiligen Arbeitgeberverbands sind und auch die eher Grundsätzliches regelnden Manteltarifverträge mittragen, nicht aber die Entgelttarifverträge. Diese Unternehmen werden als Mitglieder ohne Tarifbindung bezeichnet, und Karstadt gehört neuerdings dazu. Arbeitgeberverbände sehen das zwar nicht gerne, weil es ihre eigene Stellung bei Tarifverhandlungen schwächt. Bevor ihnen Unternehmen aber ganz den Rücken kehren, akzeptieren sie diese sogenannten OT-Mitgliedschaft eher zähneknirschend, um weiter den Vertretungsanspruch erheben zu können. Der Handelsverband Deutschland hat inzwischen allerdings auch den Manteltarifvertrag gekündigt, weil sich immer mehr Mitgliedsunternehmen von dessen Regelungen zu sehr einschnürt fühlten.

          Opfer für Karstadt erbracht

          Wenn sich ein Unternehmen aus dem Entgelttarifverbund verabschiedet hat, kann die Gewerkschaft zwei Ziele anstreben. Sie kann entweder versuchen, das Unternehmen dazu zu bringen, doch wieder in die Tarifbindung zurückzukehren, was aber in der Praxis zumindest kurzfristig eher unwahrscheinlich ist. Sie kann auch mit Arbeitskampfaktionen versuchen, das Unternehmen dazu zu bringen, einen Anerkennungstarifvertrag zu unterzeichnen, mit dem es sich verpflichtet, die Verhandlungsergebnisse zu übernehmen, die Arbeitgeberverband und Gewerkschaften bei den Entgelten für eine Branche ausgehandelt haben. Nach derzeitigem Stand sind es aber gerade die Personalkosten, bei denen Karstadt weiter sparen, jedenfalls keinesfalls eine Erhöhung hinnehmen will.

          Das bringt Gewerkschafter wie Wolfgang Thurner, der im Sulzbacher Einkaufszentrum den Warnstreik den Arbeitskampf organisiert, vor allem deshalb in Rage, weil die Arbeitnehmerseite bei der Rettung von Karstadt seit dem Jahr 2004 schon große finanzielle Opfer mit Hilfe von Sanierungstarifverträgen erbracht hat. Verdi beziffert diesen Sparbeitrag auf 650 Millionen Euro. Thurner rechnet im Blick darauf vor, dass der in den Verhandlungen um einen neuen Lohn- und Gehaltstarifvertrag geforderte Entgeltzuschlag von einem Euro je Stunde für eine Vollzeitkraft recht bescheidene 163 Euro brutto im Monat mehr bedeuteten.

          Auf einem guten Weg sei Karstadt

          Bei Karstadt im Main-Taunus-Zentrum haben an diesem Morgen Thurner zufolge 40 bis 50 Mitarbeiter der Frühschicht am Warnstreik teilgenommen. Alles in allem sind von der Auseinandersetzung bei Karstadt in Deutschland mehr als 20000 Mitarbeiter betroffen. Fragen an die Unternehmensleitung zum aktuellen Konflikt bleiben zu Wochenbeginn unbeantwortet. Zuletzt meldete allerdings das „Handelsblatt“ aus vertraulichen Unterlagen ziemlich trübe Geschäftszahlen. Demnach sollen die Umsätze des Warenhauskonzerns im Geschäftsjahr 2011/2012 auf 3,1 Milliarden Euro nach 3,2 Milliarden Euro im Geschäftsjahr davor gesunken sein. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres soll der Umsatz noch einmal um zehn Prozent nachgegeben haben.

          Zuletzt hatte Karstadt-Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz wissen lassen, dass das Haus auf einem guten Weg sei, für eine vollständige Genesung aber eben eine „Tarifpause“ benötige. Das Verständnis der leiderprobten Mitarbeiter hält sich inzwischen allerdings in engen Grenzen. „Der Herr Berggruen muss endlich einmal Geld in die Hand nehmen und in unser Haus stecken“, schimpft eine langjährige Mitarbeiterin im Wiesbadener Karstadt Warenhaus über den zunächst als Retter in glänzender Rüstung gefeierten Investor und Schöngeist Nicolas Berggruen. Am Ende werde ja doch wieder bei Karstadt nur das Personal die Zeche zahlen, fürchtet sie.

          Weitere Themen

          Maske, Macadamia und Tamarinde

          FAZ Plus Artikel: Lokaltermin : Maske, Macadamia und Tamarinde

          Das Hotel Roomers in Frankfurt hat vor einem halben Jahr einen kulinarischen Neustart gewagt. Mit dem Restaurant Burbank hat eine Kombination von japanischer und panasiatischer mit europäischem Einfluss in die Räume Einzug erhalten.

          Topmeldungen

          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Diesel-Katastrophe in Sibirien : 330 Tonnen Kraftstoff beseitigt

          21.000 Tonnen ausgetretener Diesel-Kraftstoff verunreinigen nach einem Leck in einem Kraftwerk die Naturgebiete am Nordpolarmeer. Ein Bruchteil davon wurde nun von Spezialisten entfernt. Die Katastrophe hätte wohl verhindert werden können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.