https://www.faz.net/-gzg-9insl

Down-Syndrom : Barrieren tanzend überwinden

  • -Aktualisiert am

In einer hessischen Tanzschule lernen junge Menschen mit Down-Syndrom Cha-Cha-Cha. Bild: Michael Kretzer

Musik hören, Spaß haben – das wollen alle jungen Menschen, auch Jugendliche mit Down-Syndrom. Doch finden sich kaum Angebote für sie. Im südhessischen Eschborn gibt es jetzt einen Tanzkurs.

          3 Min.

          Anna-Felizia Blank ist 25, Sven Streitenberger 22 Jahre alt. Und beide möchten gern tanzen: „Nach der Arbeit, gegen die Langeweile“, sagt Blank, die wie Streitenberger in den Einrichtungen der Diakonie Darmstadt-Dieburg lebt und arbeitet. Was für Menschen ohne Behinderung selbstverständlich klingt, ist für Jugendliche und junge Erwachsene mit Down-Syndrom in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung.

          „Sie hat schon mal getanzt, auch in einer Tanzschule, aber in den normalen Kursen geht es für sie einfach zu schnell“, sagt Anna-Felizia Blanks Mutter. Deshalb hat sie ihre Tochter in einen Schnupper-Workshop der Tanzschule Motsi Mabuse in Eschborn gefahren. 45 Auto-Minuten dauert die Anfahrt, aber es lohnt sich. Denn in der Tanzschule im 9. Stock eines schlichten Gebäudes im Eschborner Gewerbegebiet treffen sich an diesem Sonntagnachmittag nur junge Leute mit Down-Syndrom. Mit Hilfe von Sonderpädagogin Miriam Stiegler lernen sie in knapp zwei Stunden den Cha-Cha-Cha. Blank hat den deutlich schüchterneren Streitenberger zu Beginn noch an die Hand nehmen müssen, doch schon bald bewegt sich der junge Mann entspannt zu den lauten, aktuellen Musikstücken, die Stiegler und ihr Tanzpartner und Co-Lehrer Maksym Hulyatskyy ausgesucht haben.

          Organisiert hat den Workshop der Frankfurter Verein „T21 – Gesund leben mit Down-Syndrom“. Brigitte Feucht von der Geschäftsstelle des Vereins sagt: „Bewegung ist für Menschen mit Down-Syndrom besonders wichtig. Aber es gibt oft zu wenig Angebote. Das wollten wir ändern.“ Von Unterstützern des alljährlichen Down-Sportlerfestivals, das seit 2003 in Frankfurt-Kalbach stattfindet, wurde der Verein im Februar 2018 gegründet. Seine Mitglieder wollen über das Jahr hinweg sportliche Veranstaltungen und Angebote entwickeln. Begeistert habe man daher den Vorschlag von Motsi Mabuse aufgegriffen, einen Schnupper-Tanzkurs für junge Menschen mit Down-Syndrom anzubieten und gegebenenfalls zu etablieren, sagt Feucht.

          Workshop beim Down-Sportlerfestival

          Mabuse, international erfolgreiche Tänzerin und Tanzlehrerin, hatte schon einen Workshop beim Down-Sportlerfestival angeboten. Der lebhaften Deutschsüdafrikanerin ist das Tanzen für Menschen mit Behinderung eine Herzensangelegenheit, wie sie sagt. „Wir versuchen doch alle, Barrieren zu überwinden“, meint Mabuse. „Und beim Tanzen, zu guter Musik, wenn alle Spaß haben, dann geht das besonders gut.“

          Spaß haben sie jedenfalls, die annähernd 35 jungen Leute im Alter zwischen 13 und 33 Jahren, die am Schnupper-Workshop teilnehmen. Sie sind unter anderem aus Frankfurt, Darmstadt, Miltenberg und Wiesbaden angereist. Zuerst tanzt jede und jeder für sich allein, dann beginnen Stiegler und Hulyatskyy mit den Schrittfolgen für den Cha-Cha-Cha. Ganz langsam und erst einmal einzeln. „Der Cha-Cha ist dicht am heutigen Musikgeschmack, man muss sich nicht gleich dauerhaft berühren, wir wollten erst einmal schauen, welche Kenntnisse, welche Hürden es gibt, dann einige Figuren üben“, erläutert Stiegler, die, wenn sie nicht tanzt oder Tanzunterricht gibt, als Sonderpädagogin Jugendliche mit Behinderung auf ihren Beruf vorbereitet.

          Die Voraussetzungen der Tanzschüler an diesem Nachmittag in Eschborn könnten unterschiedlicher nicht sein: Ein Achtzehnjähriger aus Frankfurt ist schon ein erfahrener Salsa- und Zumba-Tänzer und unterrichtet an der IGS Nordend sogar seine Klassenkameraden. Eine Neunzehnjährige aus der Nähe von Miltenberg hat bislang nur zu Hause mit ihrer Mutter getanzt und sich in Bauchtanz wie in Rock ’n’ Roll versucht. Ein 17 Jahre altes Mädchen aus Wiesbaden hat auch schon an einem Tanzkurs teilgenommen. „Es hat ihr Spaß gemacht, aber es war trotzdem eigentlich noch zu schwer für sie“, erzählt ihre Mutter. „Es gibt viel zu wenig solcher Angebote, es wäre toll, wenn sich das hier etablieren würde.“

          Es fehlt nicht an Selbstbewusstsein

          Das Selbstbewusstsein sei bei Jugendlichen mit Down-Syndrom in der Regel nicht das Problem. Eher gehe es in den regulären Tanzkursen einfach zu schnell voran, und dann werde der Frust schnell groß. Frustriert sieht beim Schnupperkurs in Eschborn niemand aus, im Gegenteil. Vergnügt und verschwitzt eilen die jungen Tänzer nach der ersten Stunde in eine kurze Pause. Draußen berichten sie begeistert den wartenden Eltern von dem Kurs. Zum Abschluss gibt es dann später noch ein gemeinsames Foto mit Mabuse, die manche aus der Fernsehshow „Let’s Dance“ kennen. Dann ist der Schnupper-Workshop auch schon vorbei, zum großen Bedauern der Teilnehmer.

          Doch Feucht und Mabuse trösten die Tänzer. „Aufgrund des regen Interesses planen wir jetzt einmal im Monat ein Tanz-Café mit Unterricht für junge Menschen mit Down-Syndrom“, kündigt Feucht an. „Der Andrang zeigt, dass der Bedarf und das Interesse da sind.“ Und Mabuse ergänzt: „Langfristig wollen wir dieses Angebot auch inklusiv, also für junge Leute mit und ohne Behinderung anbieten.“ Die Nachfrage jedenfalls ist da, viele der jungen Tänzer und ihre Eltern wünschen sich ein regelmäßiges Tanzschulangebot. „Das Tanzen war toll“, sagt Streitenberger hinterher, „und Motsi Mabuse war auch toll.“ Das er jetzt Cha-Cha-Cha tanzen kann, erfüllt ihn mit Stolz. Zu Hause will er es der Familie vorführen.

          Weitere Themen

          Theaterbesuch, ein exklusives Vergnügen

          Heute in Rhein-Main : Theaterbesuch, ein exklusives Vergnügen

          Das Regionalfenster soll über Lebensmittel auch aus Hessen aufklären, hat aber seine Grenzen. In Theatern heißt es „Abonnenten zuerst“. Und in Frankfurt steht ein mutmaßlicher Folterer vor Gericht. Die Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Das dritte Auge der Mode

          F.A.Z.-Fotograf Helmut Fricke : Das dritte Auge der Mode

          Modefotografie ist ein ganz eigenes Genre: Helmut Fricke hat jahrzehntelang für die F.A.Z. vor allem in Paris fotografiert. Nun sind während der Fashion Week viele seiner Fotos an öffentlichen Orten in Frankfurt zu sehen.

          Topmeldungen

          Microsoft hat gerade die größte Übernahme in seiner bisherigen Geschichte eingeleitet.

          Activision-Zukauf : Microsofts neue Gigantomanie

          Der Softwarekonzern wagt seinen mit Abstand größten Zukauf. Das dürfte ihm erschweren, in der Debatte um die Macht von „Big Tech“ unter dem Radar zu bleiben – und hat mit dem Metaversum zu tun.
          Mietshaus in Berlin: Nicht nur in der Hauptstadt erwarten Fachleute steigende Immobilienpreise.

          Immobilienpreise : „Die Party geht weiter“

          Die Immobilienpreise steigen und steigen. In den großen Städten raten die Gutachter mitunter sogar vom Kauf ab. Dafür ziehen mehr Menschen ins Umland und treiben dort die Preise.
          Quo vadis, DHB-Team? Julian Köster setzt sich gegen die polnische Verteidigung durch – ein anderer Gegner ist allerdings hartnäckiger.

          Zahlreiche Corona-Fälle : Deutsches Handball-Team bleibt bei der EM

          Trotz eines massiven Ausbruchs spielt Deutschland weiter bei der Handball-EM. Nach langen Diskussionen werden stattdessen drei weitere Spieler nachnominiert. Die Partie am Donnerstag findet statt.