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Hochschulen in Hessen : „In kaum einem Bundesland ist Wissenschaft so weiblich“

Neue Präsidentin der TU Darmstadt: Tanja Brühl Bild: Cornelia Sick

Die Vize-Präsidentin der Uni Frankfurt, Tanja Brühl, wird ab Oktober 2019 neue Präsidentin der TU Darmstadt. Im Interview spricht sie über die Reize einer Technischen Universität, führungsstarke Frauen und ihre Prinzipien zur Konfliktlösung.

          5 Min.

          Als Sie Vizepräsidentin der Uni Frankfurt waren, haben Sie einmal gesagt, nach Ablauf Ihrer Amtszeit würden Sie sich wieder Ihrem „wunderbaren Beruf“ als Wissenschaftlerin widmen. Als Präsidentin der TU Darmstadt kommen Sie auch nicht mehr zum Forschen. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ich habe in meinen beiden Amtszeiten als Vizepräsidentin gemerkt, dass es mir Freude bereitet und sehr gut gelingt, eine Universität mitzugestalten. Natürlich gibt es auch ein weinendes Auge, wenn ich nach Darmstadt gehe. Forschung und Lehre liegen mir sehr am Herzen. Aber die neue Herausforderung ist natürlich viel wichtiger für mich.

          Wenn ein Wissenschaftler in ein Leitungsamt wechselt, fragt man sich oft, ob er in seinem Fach alles erreicht hat, was er erreichen kann, und ein Karrieresprung nur noch in der Verwaltung möglich ist. Trifft das auf Sie zu?

          Ich hätte selbstverständlich auch in der Forschung weiter Karriere machen können. Die Karrieren in Wissenschaft und Hochschulleitung sind ganz unterschiedlich. Ich musste mich jetzt für einen von beiden Wegen entscheiden.

          Bevor Sie sich in Darmstadt zur Wahl stellten, wollten Sie hessische Wissenschaftsministerin werden: Sie gehörten zum Schattenkabinett des SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel. Was hat Sie daran gereizt?

          Auch hier war es mein Wunsch, Hochschul- und Wissenschaftspolitik auf eine professionelle, pragmatische Art zu gestalten. Herr Schäfer-Gümbel hatte bei mir angefragt, und ich habe eine Weile überlegt, ob ich als Parteilose ein solches Amt anstreben sollte. Nach einigen Gesprächen war ich mir sicher, das kann funktionieren. Der Wahlkampf war eine interessante Erfahrung, ich habe dabei viel gelernt.

          Was denn?

          Ich habe viele Hochschulen besucht und dabei Kontakte aus meiner Amtszeit als Vizepräsidentin vertieft. Dabei habe ich noch mehr und eingehender über die Erfolgsfaktoren der hessischen Hochschulen erfahren, über die Herausforderungen, vor denen sie stehen – und über unterschiedliche Führungsstile von Hochschulpräsidenten.

          Wenn Sie im Oktober Ihr Amt in Darmstadt antreten, werden drei der fünf hessischen Hochschulen von Frauen geleitet. Wir haben eine Wissenschaftsministerin und eine Wissenschafts-Staatssekretärin. Führen Frauen anders oder ist das Geschlecht für solche Ämter irrelevant?

          Ich sehe keine grundsätzlichen Unterschiede im Führungsstil von Männern und Frauen. Es gibt verschiedene Führungstypen, was etwa Team- und Prozessorientierung angeht, aber da gibt es nicht unbedingt eine Korrelation zu Genderfragen. Ich würde mich freuen, wenn wir irgendwann gar nicht mehr darüber redeten, welches Geschlecht eine Person hat, die das Wissenschaftsministerium oder eine Universität leitet. Aber im Moment ist es schon noch ein Signal: Es gibt, glaube ich, kaum ein anderes Bundesland, in dem Wissenschaft so weiblich ist.

          Die TU Darmstadt ist eine Volluniversität, aber ihren Ruf verdankt sie vor allem den Ingenieurwissenschaften. Was können Sie als Politikwissenschaftlerin dort bewegen?

          Mich hat gereizt, dass die TU als forschungsstarke technische Universität ein ganz anderes Profil hat als meine derzeitige Heimat-Uni Frankfurt. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen – Nachhaltigkeit, Klimawandel, Digitalisierung – sind nur mit Hilfe der Ingenieur- und Naturwissenschaften zu bewältigen. An der TU finde ich spannend, dass sie Interdisziplinarität sehr stark lebt, vielleicht noch mehr als andere Universitäten. Sie hat Profilbereiche in der Forschung, an denen von vornherein mehrere Fächer mitwirken.

          Hat die TU auch Schwächen?

          Die TU hatte für die jüngste Runde des Exzellenzwettbewerbs von Bund und Ländern zwei Anträge eingereicht, ist damit aber nicht durchgekommen. Andererseits liegt das Drittmittel-Aufkommen auf Rekordhöhe, es gibt elf Sonderforschungsbereiche, die TU ist also in der Forschung extrem gut aufgestellt. Aber es fehlt eben noch die Krönung. Das möchte ich angehen, denn wenn die TU beim nächsten Wettbewerb in sieben Jahren erfolgreich sein will, müssen wir jetzt anfangen, dafür zu arbeiten.

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