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Tagebuch aus Erstem Weltkrieg : „Wirfst du Handgranaten, so auch wir“

Sisyphusarbeit: Autor Johannes Kepser hat sich mit Unterstützung seiner Frau Theresia fast 20 Jahre lang mit dem Schicksal seines Onkels beschäftigt. Bild: Cornelia Sick

Johannes Kepser aus Dreieich hat das Tagebuch seines Onkels, der Soldat im Ersten Weltkrieg war, als Buch herausgegeben. Das Ende vor 100 Jahren erlebte Josef Verfürth nicht mehr.

          „Ich sitze höchstens 30 m vom Feinde entfernt, wo ich dies niederschreibe“, notierte Josef Verfürth am 13. Juni 1915 in seinem Tagebuch. „Es ist eine ganz gefährliche Nähe. So etwas hatten wir nicht bisher. Eine hohe Mauer Sandsäcke ist die Deckung... Wirfst du Handgranaten, so auch wir. Sicher – keinen Augenblick.“ Der Student der katholischen Theologie aus Goch am Niederrhein, der kurz vor der Weihe zum Diakon stand, war wenige Monate zuvor einberufen worden, um dem Kaiserreich im Ersten Weltkrieg an den Waffen zu dienen. Von Flandern nach Verdun und wieder nach Flandern führte ihn der Weg als Soldat. In seinem Tagebuch hielt Verfürth seine Eindrücke und Erlebnisse fest. Täglich machte er Notizen, die mal länger, mal kürzer ausfielen.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Mehr als 250 unterschiedlich große und zu weiten Teilen lose Blätter beschrieb er im Laufe der Kriegsjahre mit Kopierstift. Von Zeit zu Zeit schickte er einen Teil der in Sütterlinschrift verfassten Aufzeichnungen nach Hause. „Die Engländer schießen mit den Explosionsgeschossen“, heißt es am 4. Juli 1915. „Es sind Gewehrkugeln, die innen mit Sprengstoff gefüllt, der sich beim Einschlag entzündet. Darum sind denn die meisten Kopfschüsse tödlich, weil so ein Geschoß den Schädel sprengt.“ Vor 100 Jahren, am 11. November 1918, ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Josef Verfürth erlebte diesen Tag nicht mehr: Am Nachmittag des 30. Oktobers 1917 trug er in der Nähe des Dorfes Passchendaele in Flandern einen Kopfdurchschuss davon. Wenige Stunden später starb er. Er wurde 25 Jahre alt.

          „Unglaublich spannendes Dokument“

          Seine Notizen liegen seit kurzer Zeit als Buch vor. Johannes Kepser nahm sich des Tagebuchs an. Der 83 Jahre alte Architekt lebt im Dreieicher Stadtteil Dreieichenhain, seine Familie stammt vom Niederrhein. Josef Verfürth war sein Onkel. Kepsers Mutter Else, geborene Verfürth, bewahrte die Eintragungen ihres älteren Bruders bis zu ihrem Tod 1996 auf und rettete sie auch, als die Familie im Oktober 1944 nach Bombenangriffen aufs rheinländische Goch ihr Haus verlassen musste. Beruflich beschäftigte sich Kepser vor allem mit Kirchenbauten. Von ihm stammten etwa die Pläne für die 1985 fertiggestellte katholische Kirche Sankt Albertus Magnus in Langen. In den neunziger Jahren wurde auch die 1883 errichtete evangelische Stadtkirche in Langen nach seinen Vorgaben restauriert.

          Fast zwei Jahrzehnte lang, von 1998 bis 2017, befasste sich Kepser mit dem Tagebuch seines Onkels, um es für die Familie und andere Leser zu erhalten. Von einem „unglaublich spannenden Dokument“ sprach er. Man habe zu Beginn vor der Frage gestanden: „Wer kann das noch lesen?“

          Eine mühsame Angelegenheit

          Beim Übertragen der Sütterlinschrift in Schreibschrift halfen ein Ehepaar aus der Nachbarschaft und die mit Kepser und seiner Frau Theresia befreundete Annemarie Dechamps, die inzwischen verstorbene Witwe des früheren Mitherausgebers dieser Zeitung, Bruno Dechamps. Zunächst unleserliche Stellen zu entziffern und Lücken zu füllen erwies sich als mühsame Angelegenheit. Die Originalaufzeichnungen von Februar bis Mai 1915 waren nicht mehr aufzufinden; in der Verwandtschaft hatte sich aber eine vermutlich nach Ende der Ersten Weltkriegs angefertigte Abschrift dieser Passagen erhalten. Am 29. März 1917 enden die Tagebucheinträge mitten im Satz. Die Frage, was aus den weiteren Seiten bis zum Todestag wurde, blieb trotz aller Recherchen unbeantwortet.

          Um mehr über seinen Onkel zu erfahren, wandte sich Kepser auch an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die Universität Münster, wo Verfürth vor dem Militärdienst studiert hatte, und andere Stellen. Immer wieder musste er die Arbeit an dem Tagebuch aus beruflichen Gründen unterbrechen. Knapp 300 Seiten umfasst das „Kriegstagebuch 1915–1917“ von Josef Verfürth in gedruckter Form.

          Leser wird in das Kriegsgeschehen hineingezogen

          Durch die Schilderungen des jungen Theologen, der im Laufe des Militärdienstes zum Leutnant befördert wurde, wird der Leser in das Kriegsgeschehen hineingezogen und bekommt einen unmittelbaren Einblick in die Gedankengänge und Überzeugungen eines Menschen, der das Kämpfen und Sterben an vorderster Front erlebte. Kepser ergänzte die Tagebuchaufzeichnungen durch Briefe, weitere Dokumente, Landkarten und zahlreiche Fotos.

          Ein „Hurra auf unseren Kaiser“ erklang, als die Soldaten nach der Ausbildung in Richtung Belgien, zur Front, aufbrachen. In sachlichem Ton beschrieb Verfürth, was er sah und erlebte. Manchmal ist zu erkennen, dass ihm etwas naheging. Als am 7. Juli 1915 Gefallene bestattet wurden und der Feldgeistliche fehlte, wurde er gebeten, einige Worte zu sprechen und zu beten: „So habe ich meine erste Handlung als Theologe vollzogen... Als kath. Theologe habe ich einem prot. Uffz. den letzten Liebesdienst geleistet. Stolz bin ich nicht darauf, aber Freude erfüllte mein Herz, so handeln zu dürfen.“

          Die Realität des Schlachtgeschehens

          Stellen voller Nachdenklichkeit sind im Tagebuch ebenfalls zu finden, so am 25. Juli 1915: „Am 21. Juli war es 1/2 Jahr, als ich Soldat wurde. Mit Mut habe ich von Hause, von meinem Studium, mich losgerissen, habe mich mit Freuden dem Dienste des Vaterlandes zu widmen versucht.“ Manch schöner Traum und manch schöne Vorstellung sei zunichte gegangen. Überall habe er Menschen getroffen, und vielfach sei er enttäuscht gewesen, heißt es. „Mein Idealismus ist aus schwärmerischen Bahnen in nüchterne gedrängt, was mir fürs Leben – sollte mich Gott noch einmal glücklich heimführen – nützlich sein wird.“

          Letztes Foto: Josef Verfürth als Soldat im Ersten Weltkrieg

          Die grausame Realität des Schlachtgeschehens bei Ypern spiegelt sich auf vielen Seiten detailliert wider, so am 30. Juli 1915: „Die engl. Gräben lagen voll Tote, zerfetzt, hier ein Kopf, dort ein Bein usw., verbrannte Gestalten. Ekel erfaßt einen, doch weiter, weiter.“ Dass er für die richtige Sache kämpfe, stand für Verfürth nicht in Frage. So schrieb er kurz darauf: „Alle 2 Minuten schlagen die Geschosse rechts u. links ein. Schrecklich. Ich fühle mich stark, Da ich den Willen Gottes zu tun meine u. werde an der Stelle weiter meine Pflicht tun.“ An Heiligabend 1916 wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. „Stolz trage ich das Band, das ich mir schwer verdient habe.“

          Einblick in die damalige Kriegsmaschinerie

          Die Nachricht vom Tod seines Onkels habe ein zerlumpter Soldat seiner damals 15 Jahre alten Mutter überbracht, als sie allein zu Hause war und auf die Geschwister aufpassen musste, sagte Kepser. Seine Großmutter habe anschließend mit der Tochter geschimpft, weil sie die Nachricht nicht habe glauben können. Die Feldpostbriefe von Josef Verfürth überließ die Familie schon 1918 der Universität Münster; dort wurden sie bei den Luftangriffen auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg wahrscheinlich vernichtet.

          Man erhalte durch das Tagebuch einen tiefen Einblick in die damalige Kriegsmaschinerie, sagte Kepser. Das Bewegendste bei der Arbeit an dem Buch sei für ihn gewesen, dass der Onkel „plötzlich fast lebendig und eine eigene Persönlichkeit wurde“. Nirgendwo schreibe er, dass er nach Hause wolle. Das Soldatsein habe er offenbar als „eine hinnehmbare Tatsache“ betrachtet.

          Bestattet wurde Josef Verfürth auf dem Ehrenfriedhof in Rumbeke-Bergmolen. 1955 ließ der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die sterblichen Überreste auf den Soldatenfriedhof im belgischen Menen umbetten, wo 48 000 deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg ihre letzte Ruhestätte fanden. 2011 besuchten Theresia und Johannes Kepser das Grab: „Wir haben versucht, den Kreis richtig zu schließen.“

          „Kriegstagebuch 1915–1917“

          Das „Kriegstagebuch 1915–1917“ von Josef Verfürth ist für 29 Euro bei Johannes Kepser, E-Mail JWMKepser@gmx.de, erhältlich.

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