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Tagebuch aus Erstem Weltkrieg : „Wirfst du Handgranaten, so auch wir“

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Leser wird in das Kriegsgeschehen hineingezogen

Durch die Schilderungen des jungen Theologen, der im Laufe des Militärdienstes zum Leutnant befördert wurde, wird der Leser in das Kriegsgeschehen hineingezogen und bekommt einen unmittelbaren Einblick in die Gedankengänge und Überzeugungen eines Menschen, der das Kämpfen und Sterben an vorderster Front erlebte. Kepser ergänzte die Tagebuchaufzeichnungen durch Briefe, weitere Dokumente, Landkarten und zahlreiche Fotos.

Ein „Hurra auf unseren Kaiser“ erklang, als die Soldaten nach der Ausbildung in Richtung Belgien, zur Front, aufbrachen. In sachlichem Ton beschrieb Verfürth, was er sah und erlebte. Manchmal ist zu erkennen, dass ihm etwas naheging. Als am 7. Juli 1915 Gefallene bestattet wurden und der Feldgeistliche fehlte, wurde er gebeten, einige Worte zu sprechen und zu beten: „So habe ich meine erste Handlung als Theologe vollzogen... Als kath. Theologe habe ich einem prot. Uffz. den letzten Liebesdienst geleistet. Stolz bin ich nicht darauf, aber Freude erfüllte mein Herz, so handeln zu dürfen.“

Die Realität des Schlachtgeschehens

Stellen voller Nachdenklichkeit sind im Tagebuch ebenfalls zu finden, so am 25. Juli 1915: „Am 21. Juli war es 1/2 Jahr, als ich Soldat wurde. Mit Mut habe ich von Hause, von meinem Studium, mich losgerissen, habe mich mit Freuden dem Dienste des Vaterlandes zu widmen versucht.“ Manch schöner Traum und manch schöne Vorstellung sei zunichte gegangen. Überall habe er Menschen getroffen, und vielfach sei er enttäuscht gewesen, heißt es. „Mein Idealismus ist aus schwärmerischen Bahnen in nüchterne gedrängt, was mir fürs Leben – sollte mich Gott noch einmal glücklich heimführen – nützlich sein wird.“

Letztes Foto: Josef Verfürth als Soldat im Ersten Weltkrieg

Die grausame Realität des Schlachtgeschehens bei Ypern spiegelt sich auf vielen Seiten detailliert wider, so am 30. Juli 1915: „Die engl. Gräben lagen voll Tote, zerfetzt, hier ein Kopf, dort ein Bein usw., verbrannte Gestalten. Ekel erfaßt einen, doch weiter, weiter.“ Dass er für die richtige Sache kämpfe, stand für Verfürth nicht in Frage. So schrieb er kurz darauf: „Alle 2 Minuten schlagen die Geschosse rechts u. links ein. Schrecklich. Ich fühle mich stark, Da ich den Willen Gottes zu tun meine u. werde an der Stelle weiter meine Pflicht tun.“ An Heiligabend 1916 wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. „Stolz trage ich das Band, das ich mir schwer verdient habe.“

Einblick in die damalige Kriegsmaschinerie

Die Nachricht vom Tod seines Onkels habe ein zerlumpter Soldat seiner damals 15 Jahre alten Mutter überbracht, als sie allein zu Hause war und auf die Geschwister aufpassen musste, sagte Kepser. Seine Großmutter habe anschließend mit der Tochter geschimpft, weil sie die Nachricht nicht habe glauben können. Die Feldpostbriefe von Josef Verfürth überließ die Familie schon 1918 der Universität Münster; dort wurden sie bei den Luftangriffen auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg wahrscheinlich vernichtet.

Man erhalte durch das Tagebuch einen tiefen Einblick in die damalige Kriegsmaschinerie, sagte Kepser. Das Bewegendste bei der Arbeit an dem Buch sei für ihn gewesen, dass der Onkel „plötzlich fast lebendig und eine eigene Persönlichkeit wurde“. Nirgendwo schreibe er, dass er nach Hause wolle. Das Soldatsein habe er offenbar als „eine hinnehmbare Tatsache“ betrachtet.

Bestattet wurde Josef Verfürth auf dem Ehrenfriedhof in Rumbeke-Bergmolen. 1955 ließ der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die sterblichen Überreste auf den Soldatenfriedhof im belgischen Menen umbetten, wo 48 000 deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg ihre letzte Ruhestätte fanden. 2011 besuchten Theresia und Johannes Kepser das Grab: „Wir haben versucht, den Kreis richtig zu schließen.“

„Kriegstagebuch 1915–1917“

Das „Kriegstagebuch 1915–1917“ von Josef Verfürth ist für 29 Euro bei Johannes Kepser, E-Mail JWMKepser@gmx.de, erhältlich.

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