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Kaum noch Spenden : Hessens Tafeln rufen um Hilfe

  • -Aktualisiert am

Weniger Spenden und mehr Bedürftige: Vorbereitung zur Essensausgabe bei der Frankfurter Tafel Bild: dpa

Mehr als 100.000 Menschen in Hessen sind auf Lebensmittel von der Tafel angewiesen. Doch die schlägt Alarm: Die Lager sind leer, die Spritkassen auch. Inflation, Krieg und weniger Lebensmittelspenden bringen die Helfer an ihre Leistungsgrenze.

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          Es fehlt am Nötigsten. Die Leiterin der Wiesbadener Tafel, Ruth Friedrich-Wurzel, bittet die Bevölkerung der Landeshauptstadt daher auf Facebook um Spenden. Die Tafel sieht sich einem regelrechten Ansturm bedürftiger Menschen ausgesetzt. „Wir brauchen Lebensmittel für die ukrainischen Flüchtlinge, denn die stehen alle vor unserer Tür“, schildert sie die Situation in einem Video, das in der Facebook-Gruppe „Lust auf Wiesbaden“ veröffentlicht wurde. Die Not ist allerdings keine Wiesbadener Besonderheit. Alle 58 hessischen Tafeln benötigen dringend Hilfe, um Familien, Flüchtlinge, Rentner und Alleinerziehende ausreichend mit Essen zu versorgen. Willi Schmid, Vorsitzender des hessischen Landesverbandes, schlägt Alarm und sagt: „Wir brauchen Unterstützung vom Land Hessen.“

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Tafeln ächzen. Es gibt weniger Spenden und mehr Bedürftige. Manche hält sich noch ganz gut, etwa die in Mainz, wie der dortige Vorsitzende Dieter Hanspach sagt. Zwar hat er in nur einer Woche 291 neue Kunden aufgenommen – alles ukrainische Flüchtlinge. Doch die Ausgabe funktioniert noch. „Die Tüten sind vielleicht etwas weniger voll, aber es geht noch.“

          Frankfurts Bedürftige können nicht mehr versorgt werden

          In Frankfurt sieht das anders aus. Die Frankfurter Tafel ist die größte in der Region. Sie ist zugleich ein Knotenpunkt, versorgt nicht nur die zwölf Ausgabestellen in der Stadt, sondern auch Tafeln in Fulda, Limburg oder anderswo. Ein Tafel-Transporter mit Dieburger Kennzeichen fährt an diesem Dienstag auf den Hof des Logistikzentrums. „Dem geb’ ich was mit, der muss sonst zumachen“, sagt Norbert Nickel, der die Ausgabe und Verteilung regelt.

          Nickel ist besorgt. Sein Lager ist nämlich fast leer. Die 27.000 Menschen, die in Frankfurt auf die Lebensmittel angewiesen sind, können nicht mehr versorgt werden, weil ständig Menschen zum Lager kommen und die raren Spenden schon dort abgreifen. An diesem Morgen seien schon mehr als 100 Leute dagewesen. „Was hier abgeholt wird, fehlt am Ende in der Schlange“, sagt Nickel. Sein Chef Rainer Häusler, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Tafel, stimmt dem zu: „Eigentlich hatten wir hier im Lager Vorräte für drei Monate.“ Diese sind aufgebraucht. Häusler weiß nicht, wie er ohne Spenden über mehr als vielleicht zwei, drei Tage kommen soll. Aber die Bedürftigen wegschicken? Das schaffen die Helfer auch nicht.

          Die Lage in Frankfurt ist ernst: Das Spendenaufkommen sei um bis zu 80 Prozent zurückgegangen, heißt es. Die Zahl der Kunden hat sich dagegen so drastisch erhöht, dass die Tafel es gar nicht zählen kann. Zum Logistikzentrum in einem Industriegebiet, wo normalerweise keine Lebensmittel ausgegeben werden, kamen vergangene Woche 1000 Menschen.

          Viele hessische Tafeln berichten Spendenrückgang

          Es sind nach Auskunft von Schmid vom Landesverband viele Ursachen, die die Arbeit der Tafeln erschweren. Insgesamt seien die Lebensmittelspenden in Hessen um etwa 20 Prozent zurückgegangen. „Von den Lebensmittelgeschäften werden immer weniger Spenden an die Tafeln abgegeben, weil die Händler besser planen und versuchen, ihre Produkte kurz vor Ladenschluss mit Sonderangeboten zu verkaufen“, berichtet Schmid. In einer Umfrage, an der sich mehr als 70 Prozent der hessischen Tafeln beteiligten, wurde der Rückgang bestätigt. An einzelnen Tagen sind es bei den großen Tafeln aber eben viel mehr.

          Es ist eine Zwickmühle, denn weniger Lebensmittel stehen mehr bedürftige Menschen gegenüber. Auch das hat viele Gründe. Kunden, die die Tafeln während der Pandemie mieden, kehren nun zurück. Hinzu kommen Familien, die laut Schmid nicht mehr über die Runden kommen, seitdem die Inflation angezogen hat. „Wenn Familien hohe Nachzahlungen aufgrund ihrer Öl- und Gasrechnungen leisten müssen, kann das pro Familie bis zu 2000 Euro im Jahr ausmachen. Das bringt die Menschen an ihre finanziellen Grenzen“, erläutert Schmid.

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