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Szenetreff im Bahnhofsviertel : Mama Afrika muss gehen

Bietet mehr als nur Textilpflege: Der Laden von Ayindo Napoe ist ein beliebter Treffpunkt für Szenegänger. Bild: Maximilian von Lachner

Der Waschsalon von Ayindo Napoe ist eine Institution im Bahnhofsviertel: Dort wird mehr gefeiert als gewaschen. Den Vermieter störte das: Er hat Napoe gekündigt.

          Der ältere Herr sitzt in einem ausrangierten Sessel und blickt wie hypnotisiert auf die Wäschetrommel, die sich mit einschläferndem Brummen dreht. Ihm gegenüber reiht sich Waschmaschine an Waschmaschine. Bilder über ihnen zeigen, wie man sie bedient. An den Einfüllschächten klebt vertrocknetes Waschpulver, es riecht nach Weichspüler. Drei Kunden sitzen in dem engen Laden, in dessen hinterem Bereich Teile der Deckenverkleidung fehlen und sich in einem Leseschrank ein paar Bücher stapeln; „Gedichte in Hunsrücker Mundart“ liegen auf Werbebroschüren und Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“. Die Wände sind oben hellgrün und unten pink gestrichen, und neben der Eingangstür hängt ein Schild: „liebe Kunden, der Kiosk und Wäscheservice ist ab ... Wieder da“. Für „Kiosk und Wäscheservice“ sorgt Ayindo Napoe, die Betreiberin des Waschsalons. Wie lange die Mittagspause dauert, ist ungewiss.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Waschsalon in der Moselstraße 17 ist auf den ersten Blick nicht das, was man einen vorbildlich geführten Laden nennt. Zumindest nicht für Menschen, die Perfektion brauchen. Aber im Bahnhofsviertel, wo man das Laissez-faire feiert, ist das ein nebensächliches Kriterium. Der Kiosk-Waschsalon von Napoe zwischen Moseleck und Terminus-Klause ist eine Institution. Hier gab es schon Lesungen, DJs haben aufgelegt, und so mancher feiert in dem Laden seinen Geburtstag. Napoe, die von manchen Gästen „Mama“ oder „Mama Afrika“ genannt wird, stellt einen Kühlschrank in die Ecke und füllt ihn mit Bier auf. Napoe sagt: „Ich liebe die Jugendlichen.“ Und die lieben Napoe.

          „Wir waren wie ein Familienbetrieb“

          Ihr Waschsalon ist eines jener Phänomene, die für die Liebhaber des Viertels seinen Charme ausmachen. Und die diesen Charme gerne bewahren wollen. Das Bahnhofsviertel soll nicht zum geleckten Allerweltsquartier werden. Napoes Waschsalon ist ein Symbol für den Kampf dagegen. Deswegen sorgt die Nachricht, dass Vermieter Rainer Thormann der 49 Jahre alten Frau aus Togo gekündigt hat, für Wirbel. Über die sozialen Netzwerke formieren sich Sympathisanten, die gegen die Kündigung demonstrieren wollen.

          Zum 31. März muss Napoe raus. „Ich verstehe das nicht, ich bin hier seit sechs Jahren drin“, sagt Napoe. Dabei habe sie schon bald nach dem Einzug aufgeben wollen. Sie berichtet, dass die Geschäftsbeziehung mit ihrem Vermieter von vornherein auf einem Missverständnis beruht habe. Er habe einen Laden gewollt, der Service anbiete – man gibt seine Hemden ab und bekommt sie sauber und gebügelt zurück. Als sie nach zwei Wochen aufhören wollte, sei er ihr entgegengekommen und habe sie überredet, zu bleiben. „Ich dachte, na ja, ich bin mitten in der Stadt, vielleicht kommt mir ja noch eine Idee“, sagt Napoe.

          Ideen kamen dann einige. Zwischenzeitlich versuchte sie, Taschen und Schuhe zu verkaufen, irgendwann kam Bier dazu, was immerhin im Sommer Geld einbringt, und erst vor wenigen Wochen trennte sie einen Bereich ab und eröffnete einen Kiosk, in dem eine Handvoll Kunden stehen kann. Ihr Vermieter habe den Umbau noch gebilligt. Dann kam die Kündigung. Auch wenn sie häufig mit der Miete im Rückstand gewesen sei, verstehe sie die Entscheidung nicht. „Wir haben nie Probleme gehabt und waren wie ein Familienbetrieb“, sagt Napoe.

          Napoe hängt an dem Laden

          Vermieter Thormann redet schnell und hessisch und sagt: „Leben und leben lassen.“ Soll heißen, er ist ein Mensch, der seiner Mieterin vieles durchgehen ließ. „Ich habe zu allem ja gesagt“, sagt er. Aus einem Kühlschrank sei ein Tresen geworden und jetzt ein Kiosk, das sei so nicht abgesprochen gewesen. Und ein Waschsalon sei eben auch keine Disco. Jahrelang habe er versucht, auf seine Mieterin einzuwirken, habe Verbesserungsvorschläge gemacht oder versucht, ihr etwas beizubringen. Vergeblich.

          Noch nicht mal einen Dauerauftrag gebe es. 300 Euro Miete bekomme er von seiner Mieterin, die Hälfte gebe er an den Hauseigentümer ab, den Rest müsse er versteuern und dann noch wöchentlich in Frankfurt abholen. Sofern das Geld denn da sei. „Welcher Vermieter macht das mit? Und irgendwann läuft das Fass über, ich habe die Schnauze voll“, sagt Thormann. Er sei enttäuscht, denn er habe viele Zugeständnisse gemacht. „So einen Vermieter finden Sie nicht wieder“, meint Thormann. Jetzt sei er nicht mehr bereit, mit Napoe zusammenzuarbeiten.

          „Er war nett zu mir“, bestätigt Napoe. Sie hängt mittlerweile an dem Laden, der ihr so viele Probleme bereitet hat. „Es gibt hier so viele Menschen, die mich mögen. Ich bin glücklich mit diesen Menschen, das reicht mir zum Leben. Was will man mehr?“

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