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Freie Kunst in Frankfurt : „Die Bedingungen sind existenzgefährdend“

Leere Reihen: Wenn Künstler nicht mehr vom Lohn überleben können, droht der Szene das Ende. Bild: dpa

Freie Künstler bangen in Frankfurt um ihre Existenz. Die Verdienst ist gering und die Lebenserhaltungskosten hoch. Droht der Szene ein Aussterben?

          Gibt es genügend Förderung für die freie bildende Kunst? Und ist es die richtige Art der Förderung? Wie kann man in Frankfurt als freier Künstler von seiner Arbeit leben? Und vor allem wohnen? Die vor einem knappen Jahr gegründete „Koalition der freien Szene“ diskutiert im Kunstverein Familie Montez zum ersten Mal öffentlich über ihre Anliegen diskutieren: „Fokus“ nennt sich eine lose Reihe, die alle sechs Wochen je eine Kunstform in den Mittelpunkt eines öffentlichen Gesprächs rücken soll. Das Ziel: bis Jahresende einen Forderungskatalog an die Frankfurter Parteien zusammenzustellen – mit Blick auf die Kommunalwahl 2021.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir versuchen in diesen Fokus-Gesprächen zu sondieren, wie die Lage ist, wie die Künstler leben und was gebraucht wird“, sagt Jan Deck, Dramaturg und Vorstandsmitglied des Landesverbands der professionellen freien Theater. Mit der Forderung, 30 Prozent der neuen städtischen Tourismusabgabe in einen Fördertopf für freie Projekte einzuzahlen, war die „Koalition der freien Szene“ im April 2018 aus Anlass des Lichter Filmfestivals angetreten. Das Argument: Dank der lebendigen Kunstszene, auch der jenseits der großen Häuser, sei Frankfurt so attraktiv. Also müsse diese Szene auch gefördert werden – vor allem angesichts steigender Lebenshaltungskosten. Von wenigen Spitzenverdienern abgesehen, nehmen freie Künstler im Durchschnitt nur um die 1000 Euro netto oder weniger im Monat ein.

          „Existenzangst erdet nicht“

          „Das Pensum, das wir arbeiten, und was dabei herauskommt – das darf man gar niemandem erzählen. Existenzangst erdet nicht. Es geht nicht darum, sich eine goldene Nase zu verdienen, es geht um angemessene Entlohnung“, sagt Haike Rausch, die mit Katja Kämmerer unter den neun Sprecherinnen und Sprechern der „Koalition“ für bildende Kunst zuständig ist. Bisher sind Darstellende Kunst, Film, klassische Musik vertreten, weitere Sparten sollen hinzukommen. Für Ende März kündigt Jan Deck die Berufung eines Beratergremiums an, das grundlegend über die Strukturen der Off-Szene, zu der auch Betreiber von Clubs und Veranstalter von Popmusikkonzerten und Partys zählen, nachdenken soll. Unter den Beratern werde zum Beispiel Clubbetreiber Hans Romanov sein.

          Nun wollen sich die rund 70 Künstler, Kreativen und Veranstalter der „Koalition“ erst einmal ein Bild der Lage machen. Nach Angaben des Kulturdezernats stehen derzeit jedes Jahr 125.000 Euro für die Projektförderung von bildender Kunst zur Verfügung, dazu 18.000 Euro für das „Forum Frankfurter Künstler“. Mit 7000 Euro schlägt das städtische Atelierstipendium zu Buche, das Austauschprogramm „Artists in Residence“ wird mit 46.000 Euro unterstützt.

          Widmung der Lage der freien Kunst

          Dazu kommen 1,26 Millionen Euro an fester städtischer Förderung etwa für das Atelierfrankfurt, das Atelierhaus Basis, die Freie Kunstakademie und andere, die jeweils 48.500 Euro erhalten. „Die Szene und ihre Bedürfnisse verändern sich“, heißt es im Dezernat, auch die Aktivitäten der „Koalition“ würden wahrgenommen, „wir treten in Dialog“. Das tut auch die Evangelische Akademie mit ihrem „Salon“, der sich am 11. April der Lage der freien Kunst widmen wird.

          Rausch, die als Künstlerin, Gestalterin und Leiterin von Jugendkunstprojekten seit 20 Jahren mit ihrem Partner Torsten Grosch das Label „431art“ betreibt und durch das 2009 gegründete Projekt zur Pflanzenadoption „botanoadopt“ bekannt wurde, sagt, es gehe nicht einfach um subjektiv empfundene Wertschätzung: „Fakt ist, dass die bildenden Künste in Frankfurt wesentlich weniger Geld bekommen als etwa die darstellenden Künste.“ In der Tat werden dort derzeit feste Förderungen von rund 3,6 Millionen Euro im Zwei- und Vierjahresprogramm vergeben, dazu kommen gut 500.000 Euro freie Projektmittel im Jahr.

          Frankfurt als Kulturstadt lebe nicht von großen Häusern, meint Rausch, sondern auch Off-Spaces und freie Szene prägten die kulturelle Lebendigkeit. „Die Bedingungen, unter denen das stattfindet, sind existenzgefährdend. Es gibt einen Missverhältnis zwischen dem hohen gesellschaftlichen Wert der Kunst und ihrer sehr niedrigen Bewertung.“

          An oberster Stelle stehen in einer Großstadt wie Frankfurt die Kosten für Wohn- und Arbeitsräume. Aber auch die Frage, ob es eine städtische Galerie für Ausstellungen und Honorare für die ausgestellten Künstler geben sollte, bewegt die Szene. Und das nicht nur in Hessen: In Berlin, wo schon 2012 eine „Koalition der freien Szene“ gegründet wurde, die Vorbild für Frankfurt sein soll, hatte die Politik 2000 neue Ateliers versprochen – nur 50 sind bisher geschaffen worden. Der Wegzug aufs Land ist keine Option für freie Künstler, die sich als Humus und Impulsgeber des urbanen Lebens verstehen. „Es geht nicht immer nur um Geld, es geht auch um Strukturen“, sagt Jan Deck.

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