https://www.faz.net/-gzg-px1f
 

: Systemversagen

  • Aktualisiert am

Wer Hochschulen für Orte hält, an denen ausschließlich charakterlich makellose Menschen der Wissenschaft dienen, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Insofern darf die Erkenntnis, daß ein Professor ...

          1 Min.

          Wer Hochschulen für Orte hält, an denen ausschließlich charakterlich makellose Menschen der Wissenschaft dienen, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Insofern darf die Erkenntnis, daß ein Professor der Frankfurter Universität offenbar betrogen und gestohlen hat, Empörung hervorrufen, nicht aber Fassungslosigkeit. Diese Empfindung ist schon eher angebracht angesichts des enorm langen Zeitraums, in dem immer wieder Zweifel an der Qualifikation des Reiner Protsch von Zieten laut geworden sind - ohne daß dies Konsequenzen gehabt hätte. Niemand gebot 1973 Einhalt, als zwei Gutachter vor der Berufung des dubiosen Gelehrten warnten. Niemand hakte energisch nach, als 1984 ein Fachkollege dem Professor unseriösen Umgang mit Zitaten vorhielt. Es mußte erst der Verdacht krimineller Machenschaften aufkommen, und es mußte sich ein Nachrichtenmagazin des Falles annehmen, um die Universität zum Handeln zu bewegen. Die Chronologie der Causa Protsch ist eine Chronik institutionellen Versagens.

          Fassungslos macht auch die Feststellung von Universitätspräsident Steinberg, daß an seiner Hochschule ein Bewußtsein für den angemessenen Umgang mit Forscher-Fehlern bis vor wenigen Jahren nicht vorhanden war. Augenscheinlich haben weder die Erfahrungen aus der NS-Zeit noch die Rebellion der Achtundsechziger gegen den "Muff unter den Talaren" den Mythos professoraler Unfehlbarkeit zerstören können, der es Fachkollegen zu verbieten scheint, einen Ordinarius der Inkompetenz zu bezichtigen. Hinzu kommt, daß der Beamtenstatus einen Lehrstuhlinhaber als kaum angreifbar erscheinen läßt: Mitarbeiter, die von Verfehlungen wissen, wagen es nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen - weil sie fürchten, daß ihr Chef lange genug im Amt bleibt, um sich an ihnen rächen zu können.

          Es ist zu wünschen, daß das Exempel, das nun an Protsch statuiert wird, anderen Uni-Angehörigen die Zunge löst, wenn es gilt, von Mißständen in ihren Instituten zu berichten. Mit dem Ombudsmann und der Kommission zur Untersuchung von wissenschaftlichem Fehlverhalten hat die Frankfurter Universität mittlerweile geeignete Einrichtungen, um Fälschern das Handwerk zu legen. Erfolgreich können sie aber nur sein, wenn sich in den Labors die Erkenntnis durchsetzt, daß zu den akademischen Tugenden auch die Zivilcourage gehört. SASCHA ZOSKE

          Weitere Themen

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          In Nied wird endlich umgebaut

          Unfallträchtiger Bahnübergang : In Nied wird endlich umgebaut

          Nachdem 2020 bei einem Unfall an einem Bahnübergang in Nied eine Jugendliche umgekommen ist, erneuert die Deutsche Bahn dort die Sicherheitstechnik. Autofahrer müssen sich auf Sperrungen und Umleitungen einstellen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.