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Syrische Studenten : Für jedes Lebenszeichen dankbar

  • -Aktualisiert am
Versucht, seiner Familie zu helfen: Muhammad Ajan-Hadid.
          4 Min.

          Von seiner Familie hat Muhammad Ajan-Hadid seit mehreren Tagen nichts gehört. Seine Heimatstadt Aleppo lässt Machthaber Baschar al Assad seit Wochen bombardieren. Ajan-Hadids Verwandte sind deshalb in ein Dorf nahe der syrisch-türkischen Grenze geflüchtet. Dort bricht immer wieder das Telefonnetz zusammen, so dass der junge Mann nur selten mit seinen Eltern telefonieren kann. „Ich bin für jedes Lebenszeichen dankbar“, sagt er.

          Der 26 Jahre alte Syrer studiert im fünften Semester Medizin an der Frankfurter Universität. Seit mehreren Monaten haben seine Eltern ihm kein Geld mehr überwiesen. Sein Vater ist Bauingenieur, doch wegen des Bürgerkriegs hat er keine Arbeit mehr.

          Mehr als 100 Stipendien gestrichen

          Ajan-Hadid ist einer von etwa 200 Syrern, die nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Rhein-Main-Gebiet studieren. Viele von ihnen plagen Geldsorgen, weil aus der weit entfernten Heimat nichts mehr überwiesen wird. „Uns erreichen viele Anfragen von Syrern, die ihr Studium nicht mehr finanzieren können und uns um Hilfe bitten“, sagt Carsten Walbiner, Referatsleiter Nordafrika und Nahost beim DAAD.

          Die syrische Regierung in Damaskus hat zudem mehr als 100 Stipendien von Studenten gestrichen, die in Deutschland studieren. Zum Beispiel das von Malik Fandi, der an der Technischen Universität Darmstadt seine Doktorarbeit in Mathematik schreibt. Fandi hat auf Facebook Seiten erstellt, die zum Sturz von Assad aufrufen. Die Polizei durchsuchte daraufhin sein Heimathaus in Duma und verhörte seine Familie. Kurz darauf wurden die Zahlungen eingestellt. Als Doktorand bekam er 2500 Euro im Monat. Nun hat Fandi kein Einkommen mehr; um seine Rechnungen zahlen zu können, hat er sich bei Freunden verschuldet. Dem Auswärtigen Amt müssen ausländische Studenten regelmäßig nachweisen, dass sie ihr Studium finanzieren können. Wenn sie das nicht können, droht ihnen im schlimmsten Fall die Abschiebung. In Hessen müssten Syrer damit aber zurzeit nicht rechnen, teilt das Innenministerium mit.

          Notfonds gefordert

          Die Möglichkeiten, den syrischen Studenten finanziell zu helfen, seien begrenzt, sagt DAAD-Mitarbeiter Walbiner. Von Leistungen der staatlichen Sozialhilfe seien sie in der Regel ausgeschlossen. Und komplette Ausfälle von Stipendien könne der DAAD nicht ersetzen, weil dafür keine Haushaltsmittel zur Verfügung stünden.

          Der Bundesverband ausländischer Studierender hat schon vor Monaten die Unterstützung syrischer Studenten gefordert. „Beim Nachweis der Finanzierung des Studiums durch die Auslandsämter muss die aktuelle Situation berücksichtigt werden“, hieß es in einer Mitteilung. Weiterhin forderte der Verband, einen Notfonds für syrische Studenten einzurichten.

          „Die psychische Belastung ist für die Studenten unerträglich“

          Damit Ajan-Hadid sein Studium weiterhin finanzieren kann, arbeitet er als Pfleger im Krankenhaus und übernimmt zusätzliche Nachtschichten. Doch nach dem Aufenthaltsgesetz dürfen ausländische Studenten nur 120 Tage im Jahr arbeiten. Das genügt Ajan-Hadid nicht. Für das bevorstehende Wintersemester werde bald wieder der Semesterbeitrag fällig, und das Geld dafür habe er noch nicht zusammen. Er sei schon froh, wenn er die Miete für sein kleines Zimmer in Frankfurt-Griesheim aufbringen könne. Dort kleben an den Wänden Poster, die Muskeln und Knochen des menschlichen Körpers zeigen. In einem Regal stehen deutsche Medizin-Lehrbücher neben dem Koran. An der Wand hängt die syrische Unabhängigkeitsflagge. Ajan-Hadid sitzt auf seinem kleinen Bett und klagt, dass er momentan kaum lernen könne. Immer wieder fragt er sich, ob es seinen Eltern, seinen sieben Brüdern und seiner Schwester gut geht. Mehrere Prüfungen habe er im vergangenen Semester nicht bestanden. Das sei vor dem Bürgerkrieg noch ganz anders gewesen. Nun stehe er kurz vor der Exmatrikulation. Sein Lebenstraum, Arzt zu werden, droht zu scheitern.

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