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Swetlana Alexijewitsch erhält den Friedenspreis : In die Höllen des Ostens hinabgestiegen

  • -Aktualisiert am

Frau der Stunde mit Worten zur Zeit: Swetlana Alexijewitsch. Bild: Bergmann, Wonge

In der Paulskirche erhält die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch den Friedenspreis. Sie berichtet von Menschen in Extremsituationen.

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          Zwei Universen sind am Sonntagvormittag bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Rund der Paulskirche aufeinandergetroffen: das der Mächtigen und Erfolgreichen aus dem Wirtschaftswunderland Deutschland in den Zuhörerreihen und das einer Zeugin am Rednerpult, die das Unglück des „Homo sovieticus“ in Wort und Sätze gefasst hat. Den alten Adam in einen neuen Menschen umzumodeln, sei der aberwitzige Plan des Kommunismus gewesen, sagte die weißrussische Preisträgerin Swetlana Alexijewitsch in ihrer Dankesrede. Und tatsächlich sei dies gelungen. In der Sowjetunion sei ein neuer Menschentyp entstanden, einer, der ihr vertraut sei, mit dem sie viele Jahre Seite an Seite gelebt habe: „Er ist ich.“ Ein Sandkorn in der Geschichte.

          Die Schriftstellerin aus Belarus ist in die Hölle hinabgestiegen. In das Inferno des Zweiten Weltkrieges, von dem in ihrem Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ zum ersten Mal sowjetische Soldatinnen erzählen – und dies nicht in der üblichen Heldenmanier. In das Schattenreich von Tschernobyl, in dem die Ärzte die weinenden Ehefrauen nicht zu ihren bei den Löscharbeiten am brennenden Reaktor getöteten Männern ließen, weil diese zu sehr strahlten, wie die Preisträgerin in „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ berichtet. In den Ort der postkommunistischen Finsternis, an dem die deklassierten Helden auf den Trümmern des Sozialismus leben müssen, geschildert in Alexijewitschs jüngst erschienenen Werk „Secondhand-Zeit“.

          Hier leben auch Verlierer ganz gut

          Alle, die es ohne eigenes Verdienst besser getroffen hätten, nur weil sie diesseits des Eisernen Vorhangs aufgewachsen seien, könnten bei Swetlana Alexijewitsch lernen, was es bedeute, wenn von heute auf morgen ein Lebensplan zusammenbreche und das Leben der Menschen aus der Spur gerate, sagte der Historiker Karl Schlögel in seiner Laudatio. Eine Einladung der Zuhörer zu einem Gedankenexperiment: Was wäre aus den Erfolgreichen in der ersten Reihe der Paulskirche wie dem Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder, Bundestagspräsident Norbert Lammert und dem hessische Minister Michael Boddenberg geworden, wenn sie ein paar Hundert Kilometer weiter im Osten zur Welt gekommen wären?

          Gewiss: Für einige ist nach der Bundestagswahl im Kleinen eine Welt zusammengebrochen, weil ihre Partei aus dem Parlament geflogen ist. Doch leben in Deutschland auch Verlierer zuweilen ganz gut, wie man an den FDP-Politikern Hermann Otto Solms und Cornelia Pieper sieht, die auf einem der begehrten Plätze in der ersten Reihe Platz nehmen durften. Weniger prominent, aber immerhin ebenfalls ganz vorne saßen Alexijewitschs Mitstreiter im Geiste, nämlich frühere Preisträger wie Alfred Grosser und Friedrich Schorlemmer. Ein anderer Laureat, nämlich der im vergangenen Jahr ausgezeichnete Liao Yiwu, hat in einem ähnlich dokumentarischen Verfahren, wie Alexijewitsch es betreibt, den stummen Menschen am Rande der chinesischen Gesellschaft eine Stimme gegeben. Wie die weißrussische Kollegin wird auch Yiwu vom Regime seines Landes verfolgt. Der Preisträger von 2011, der Algerier Boualem Sansal, ein weiterer Gast an diesem Morgen, darf sich wegen seiner Kritik am fundamentalistischen Islam gleichfalls seines Lebens nicht sicher sein.

          Der Frieden ist das fragilste Gut

          Jenes uns so fremde Universum des nun zertrümmerten Kommunismus, das Alexijewitsch in ihren Büchern beschreibt, dürfte der berühmten Kollegin in der ersten Seitenreihe vertraut sein. Denn die aus dem Banat stammenden Literaturnobelpreis-Trägerin Herta Müller war einst selbst ein „Homo sovieticus“, sie hat den Stumpfsinn und die Rohheit der Volksdiktatur in Rumänien unter Nicolae Ceauşescu studieren müssen und in ihren Büchern beschrieben. Ceauşescus Diktatorenkollege, der weißrussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka, hat im übrigen keinen Abgesandten in die Paulskirche beordert. Man darf jedoch sicher sein, dass in der Botschaft von Belarus am Treptower Park in Berlin das Aufzeichnungsgerät angeschaltet worden ist und die Liveübertragung des ZDF aus der Paulskirche längst nach Minsk weitergeleitet wurde.

          Der Frieden, so hat Börsenvorsteher Honnefelder, in seiner Begrüßung festgestellt, sei das fragilste unter den Gütern des Menschen. Den Frieden, den nicht nur die gestern in den Reihen der Paulskirche versammelten Männer und Frauen der Macht und des Geistes, die Volker Kauders, Harald Martensteins und Martin Mosebachs, sondern auch die Normalbürger hierzulande genießen, ist nicht auf ewig garantiert. Oberbürgermeister Peter Feldmann hat daran in seinem Grußwort erinnert, als er von den vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlingen sprach. Die Ereignisse dort zeigten den Menschen hierzulande, mit welcher Unfreiheit ihre Freiheit erkauft sei.

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