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English Theatre Frankfurt : Weniger ist mehr

Neutöner: Stephen John Davis und Sarah Ingram sowie der Pianist Mal Hall (von links nach rechts) glänzen in „Sweeney Todd“. Bild: Marina Pepaj

Das English Theatre Frankfurt führt „Sweeney Todd“ in radikal reduzierter Orchestrierung auf. Dabei geht es nicht darum, Geld zu sparen, sondern um ein reiches Klangerlebnis - und ein Verschieben der Aufmerkamkeit.

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          Herausfordernd, komplex, beängstigend, eines der schwierigsten Musiktheaterstücke überhaupt: „Wir Schauspieler sind fast schon darauf konditioniert, uns davor zu fürchten“, sagt die britische Mimin Sarah Ingram im Gespräch mit der F.A.Z. mit leicht verschwörerischer Stimme, um dann gleich zu schwärmen: „Dabei ist es eine der darstellerfreundlichsten und auch frauenfreundlichsten Kompositionen überhaupt.“

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die ambivalenten Zuschreibungen gelten der Musik und den Texten, die der amerikanische Komponist Stephen Sondheim für das 1979 uraufgeführte Musical „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ geschrieben hat, einem der großen Triumphe in der Geschichte des Genres. Es war auch ein kompositorischer Triumph für den mit Preisen überhäuften Sondheim, wurde seine Tonsetzung in ihrer Musikalität doch mit Werken Ravels und Prokofievs verglichen und die Psychologie von „Sweeney Todd“ mit jener, die auch die Alban-Berg-Oper „Wozzeck“ und die Benjamin-Britten-Oper „Peter Grimes“ bestimmt. Nicht umsonst gibt es von „Sweeney Todd“ nicht nur mehrere konzertante Aufführungen, sondern auch etliche Inszenierungen an Opernhäusern, wo das Stück, voll orchestriert und nahezu durchkomponiert wie es ist, mächtige Wirkung entfalten kann.

          Nur zwei Klaviere und Percussionisten

          Dabei braucht es nicht immer ein vielköpfiges Orchester zur Aufführung, hat doch Sondheims musikalischer Weggefährte Jonathan Tunick im Lauf der Jahre mehrere Orchestrierungen für das Stück geschrieben. Verlangte die Originalversion am Broadway noch 26 Orchestermusiker, genügten für Produktionen in London auch lediglich 15 Musiker oder sogar nur ein neunköpfiges Ensemble, wobei aber immer Streicher und Bläser mit von der Partie waren, um Sondheims genialische Komposition auf die Bühne zu bringen. Im English Theatre Frankfurt hingegen, wo „Sweeney Todd“ derzeit gespielt wird, reichen dafür zwei Klaviere und das vielfältige Schlagwerk von zwei Percussionisten.

          „Wir haben diese reduzierte Instrumentierung aber nicht etwa gewählt, um Geld zu sparen“, sagt der Brite Mal Hall, der als Musikalischer Direktor und Bandleader für die Musik in Derek Andersons Frankfurter Inszenierung verantwortlich ist: „Es war eine stilistische Entscheidung. Die Musik soll nach Industrie, nach Fabrik klingen“, spielt er auf den wie im Akkord mordenden Protagonisten des Musicals an. „Wir wollten keine konventionelle Inszenierung und deshalb auch keine konventionelle Orchestrierung. Aber wir wollten eine vollen, reichen Klang. Und denn bekommt man mit zwei Klavieren wesentlich überzeugender als mit einem zusätzlichen Streicher oder Bläser. Und die Percussionisten verstärken noch diesen Eindruck“, beschreibt Hall die Vorzüge dieser Orchestrierung, die einem erfolgreichen Beispiel folgt. Vor fünf Jahren hatte Anderson „Sweeney Todd“ schon einmal am Twickenham Theatre in London in einer musikalisch abgespeckten Version mit nur vier Instrumentalisten inszeniert und dafür viel Lob eingeheimst.

          Sarah Ingram, die damals wie nun auch in Frankfurt die weibliche Hauptrolle der Mrs. Lovett spielte, lobt die mal an Minimal Music, mal an Industrial Unplugged erinnernden, aber stets faszinierenden Arrangements als der Geschichte dienlich: „Man kann das Stück zwar auch operettenhaft aufführen, aber in diesen reduzierten Arrangements kommt erst der Text richtig zur Geltung. Und der ist ja so brillant wie die Musik. Jede Note hat eine Bedeutung und doch ging es Sondheim wohl nicht ausschließlich um den Gesang. Er hat die Lieder geschrieben, so wie wir sprechen. Und wenn man das auf dem Notenblatt sieht, hat man keine Angst mehr davor. Er macht es einem nämlich sogar leicht.“

          Der britische Bariton Stephen John Davis, der in Frankfurt den mörderischen Barbier in charismatischer Weise verkörpert, pflichtet seiner Kollegin bei: „Der Charakter jeder einzelnen Figur ist in der Musik angelegt. Das macht es tatsächlich einfacher, selbst wenn man gut 60 Seiten Musik und Text memorieren muss“, wie er lächelnd auf die allabendliche Herausforderung anspielt, die auch eine karg orchestrierte Fassung des Musicals ist, dessen Handlung zu gut achtzig Prozent gesungen wird.

          Um die Konzentration zu schärfen, wird jeden Tag bei den Aufwärmübungen an Details gearbeitet, werden Übergänge geprobt, die bei der Aufführung am Abend vorher vielleicht nicht ganz geschmeidig gelangen, berichten die drei. Die lassen sich, wie auch das restliche Ensemble, auf der Bühne vor allem von der Musik leiten, selbst wenn Mal Hall von seinem in die Kulisse integrierten Balkon die Einsätze vorgeben kann. Die schlanke Orchestrierung hat nämlich einen großen Vorteil: „Jeder Taktschlag ist sehr präsent“, lobt Stephen John Davis.

          Spielzeiten „Sweeney Todd“

          „Sweeny Todd. The Demon Barber of Fleet Street“ wird bis 9. Februar im English Theatre Frankfurt aufgeführt.

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