https://www.faz.net/-gzg-9jam7

SV Darmstadt 98 : Sie können es noch

  • -Aktualisiert am

Gut gemacht! Torschütze Serdar Dursun empfängt die Glückwünsche der Darmstädter Kollegen. Bild: dpa

Glücksgefühle auf der Großbaustelle: Mit ihrem Last-Minute-Sieg gegen St. Pauli befreien sich die „Lilien“ von einer Last. Verteidiger Wittek verpflichtet.

          3 Min.

          Die Intensität der Umarmung sagte einiges aus über den Grad der Erleichterung. Andere hätten bei dieser Art herzlich heftiger Begegnung, wie der von Cheftrainer Dirk Schuster und seinem Assistenten Sascha Franz nach Schlusspfiff, vermutlich Prellungen am Brustkorb davongetragen. Bei den „Lilien“ war es Ausdruck der hellen Freude, die alle im Stadion empfanden, die es mit dem SV Darmstadt 98 hielten. Der spät erreichte 2:1-Heimsieg am Dienstagabend gegen den FC St. Pauli war bedeutungsvoller als der reine Hinzugewinn von drei Punkten.

          Die Südhessen haben sich nach sechs sieglosen Partien gegen einen Zweitliga-Aufstiegsaspiranten erfolgreich selbst vergewissert, dass sie es noch können. Dass sie mit ihren, in mancherlei Hinsicht beschränkten Mitteln reüssieren können. Dass sie sich und den Fans noch emotionale Erlebnisse ermöglichen können. Als Serdar Dursun die Vorarbeit von Felix Platte in der 89. Minute entschlossen zum Siegtreffer nutzte, erreichte der Jubel im Böllenfalltor die bekannte Fonstärke.

          „Für Momente wie nach dem 2:1 spielst du Fußball. Diese Glücksgefühle, die da ausgeschüttet werden, sind unglaublich“, sagte der neue Darmstädter Kapitän Fabian Holland. Bei diesem Finale mit Knalleffekt fiel das Fehlen von rund 5000 „Lilien“-Anhängern auf der abgerissenen Gegengeraden, von der nur „ein Haufen Dreck“ (Schuster) übrig geblieben ist, gar nicht mehr auf. Nunmehr neun Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze sind ein echtes Pfund im Darmstädter Streben nach einer Spielzeit ohne Abstiegssorgen. Was für Schuster aber entscheidend war und was er zur Kernbotschaft des Abends machte: „Das war Darmstadt 98, so wie man es kennt.“

          Leidenschaft, Kampfgeist und gute Defensive

          Soll heißen: Die Darmstädter Grundtugenden, die in den vergangenen Monaten zu oft verwässert daherkamen, wurden von den Profis wieder mit Leben erfüllt. Die „Lilien“ kamen dem, was sie spielen wollen (und können), nach dem vielen Grau der Hinrunde, sehr nahe. Leidenschaft und Kampfgeist stimmten defensiv wie offensiv. Zwar wirkten die Darmstädter nach dem Rückstand in der 37. Minute durch den Hamburger Japaner Miyaichi eine Weile auf verlorenem Posten. Doch dann fanden sie zur Mitte der zweiten Halbzeit wieder hinein ins Spiel, bissen sich regelrecht fest und wurden durch die Tore von Marcel Heller (81.) und Dursun (89.) mit der späten Wende belohnt. „Wir haben an Moral, Einsatz und Laufbereitschaft alles in die Waagschale geworfen und nie die Ruhe verloren“, sagte Schuster. Einen Satz, den er gerne nach jedem Match sagen würde, aber nach vielen dürftigen Darmstädter Vorstellungen in dieser Saison nicht sagen konnte.

          Nun sind die „Lilien“ gut beraten, bei aller berechtigten Freude über einen gemeinschaftlichen Kraftakt mit Happy End, die aufgetretenen Schwächen nicht zu ignorieren. Wäre nach 80 Minuten Schluss gewesen, die Lesart des Spiels wäre wohl folgende gewesen: Ein ausgebufftes Spitzenteam wie St. Pauli hat effizient seine Chance zum Führungstor genutzt und nach dem Auslassen von drei Großchancen durch Angreifer Diamantakos (44., 46. und 54. Minute) den Auswärtssieg nach Hause geschaukelt. Denn in langen Phasen erinnerte die fehlende Kreativität im Offensivspiel und das äußerst zögerliche Nachrücken, selbst wenn sich mal Umschalt-Situationen ergaben, sehr an die Probleme im vorigen Jahr. „In der Hinrunde sind wir nach Rückständen einige Male zerfallen. Jetzt haben wir ein anderes Gesicht gezeigt“, sagte Torschütze Heller.

          Willkommensgruß an Patrick Herrmann

          Schuster hatte in seiner Startformation mit Victor Palsson nur einen Zugang aufgeboten. Der Isländer bestätigte den Darmstädter Vorschusslorbeer in der Hinsicht, dass mit ihm ein kampferprobter und zweikampfstarker Mittelfeldspieler verpflichtet worden ist. Ordnend, aber nicht gestaltend trat er in der Zentrale auf. Und einigermaßen rauflustig, was ihm, stark gelb-rot-gefährdet eine Auswechselung nach 69 Minuten einbrockte. Mit Sören Bertram, der unauffällig blieb, kam für Palsson ein weiterer Neuer.

          Beinahe kurios, dass Schuster kurz vor Spielschluss noch Patrick Herrmann einen Willkommensgruß übersandte und den erst zweieinhalb Stunden vor Anstoß als Neuverpflichtung bekanntgegebenen Rechtsverteidiger von Holstein Kiel direkt ins Spiel schickte. Mal sehen, wie Schuster es mit Mathias Wittek hält beim kommenden Match beim MSV Duisburg an diesem Freitag (18.30 Uhr). Die Verpflichtung des langjährig als Innenverteidiger bei Ligakonkurrent Heidenheim angestellten 29-Jährigen gegen eine nicht bekanntgegebene Ablösesumme erfolgte am Mittwochnachmittag.

          Weitere Themen

          Ohne Rücksicht auf Verluste

          Heute in Rhein-Main : Ohne Rücksicht auf Verluste

          In Frankfurt bleibt die Party von Hunderten Menschen im Hafenpark nicht ohne Konsequenzen. Polizei und Politik treffen sich zum Krisengespräch. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Müller? Boateng? Hummels? Bundestrainer Joachim Löw schraubt derzeit an seinen Formulierungen zum Thema.

          Rückkehrer für DFB-Team : Die Verrenkungen des Joachim Löw

          Um die Form von Müller, Boateng und Hummels muss man sich keine Sorgen machen. Es ist der Bundestrainer, der in Form kommen muss, wenn es in diesem Sommer bei der Fußball-EM etwas werden soll.
          Bundesinnenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang

          Kritik an Verfassungsschutz : Geschwätzige Geheimnisträger

          Bei dem Versuch, die AfD zu beobachten, handelt sich der Verfassungsschutz Kritik ein. Schon wieder sind Details nach außen gedrungen. Dabei steht der Dienst eigentlich für Verschwiegenheit. Was ist da los?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.