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SV Darmstadt 98 : Ein Höhenflug für Gelehrte

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Versuchsreihe: Die Universität St. Gallen beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Erfolg der „Lilien“. Bild: dpa

Für Darmstadt interessieren sich nun auch Wissenschaftler beruflich: In einer Fallstudie versucht ein Forscherteam der Universität St. Gallen das Phänomen Darmstadt 98 zu erklären. Wie kam es zu diesem Aufstieg? Welche Rolle spielt der Trainer?

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          Der sportliche Höhenflug des SV Darmstadt 98 ist ein Phänomen, das auch mit wissenschaftlichen Standards nicht umfassend zu erklären ist. Die Protagonisten selbst tun sich ja schwer, zu begründen, wie eine im Sommer 2013 sportlich in die vierte Liga abgestiegene Fußballmannschaft keine zwei Jahre später die zweite Liga aufmischen und nach 23 Spieltagen auf Rang zwei stehen kann. Ein kleines Wissenschaftlerteam von der renommierten Wirtschaftsuniversität St. Gallen hat den Versuch unternommen, anhand einer Fallstudie herauszuarbeiten, wie die „Lilien“ trotz (oder gerade wegen) ihrer schwierigen Bedingungen zu dieser Blüte gelangen konnten. Michael Betz vom Institut für Marketing der Uni und seinen Mitstreiter ging es freilich nicht nur um Sport, sondern darum, ob Facetten des Erfolgs des südhessischen Traditionsvereins auch auf Unternehmen übertragbar sein könnten. Im bislang veröffentlichten Teil ihrer Arbeit haben sich die Forscher der Rekrutierung und Führung der Mitarbeiter, ergo: der Profis, gewidmet. „Vom Grabmal zum Denkmal“ lautet der Titel der Studie. Die Wissenschaftler haben Präsidiumsmitglieder, das Trainerteam und fünf Spieler interviewt – der Titel stammt in leicht abgewandelter Form aus dem Munde von Mannschaftskapitän Aytac Sulu.

          Ausgangspunkt der Studie war das vielzitierte „Wunder von Bielefeld“, also der Aufstieg via Relegation im dramatischen Rückspiel in Ostwestfalen. Betz wollte wissen, wie man im Team Erfolg haben kann ohne große Namen, adäquate Infrastruktur und Finanzkraft für einen an sich zunächst einmal unattraktiven Arbeitgeber. Wie man den Standortnachteil im Vergleich zu den meisten Konkurrenten ausgleichen kann und aus einer „Truppe von Bankdrückern und Arbeitslosen“ (Originalton eines Spielers) ein Siegerteam formen kann. In großen Unternehmen und großen Fußballklubs, erklärt Betz, werde meist nach dem Prinzip „Coopetition“, der Dualität aus Kooperation und Wettbewerb, gehandelt. Das heißt auf den Fußball bezogen: Die Führung besetzt alle Positionen im Team doppelt und hofft darauf, dass derjenige, der auf der Bank sitzt, Druck ausübt und mehr Leistung herauskitzelt aus dem, der spielt, weil dieser seinen Platz nicht verlieren will. Bei den „Lilien“, so Betz, werde aber bewusst kaum mit Druck gearbeitet, sondern die Spieler könnten sich auch nach schwächeren Spielen des Vertrauens der Trainer sicher sein. Das erhöhe die Loyalität zum Arbeitgeber.

          Trainer mit „Trüffelschwein-Fähigkeiten“: Dirk Schuster soll ein gutes Händchen bei der Verpflichtung der Spieler bewiesen haben.

          Zumal bei den „Lilien“ die meisten Spieler im Kader schon eine Erfahrung des Scheiterns gemacht haben, woraus sich der unbedingte Wille speise, dies nicht abermals erleben zu müssen. Profis wie Dominik Stroh-Engel, Marcel Heller, Marco Sailer oder Jerome Gondorf konnten angesichts ihrer Vita in der Tat nicht mehr damit rechnen, nochmal als Stammspieler um den Bundesliga-Aufstieg kämpfen zu können. Auch die namhafteren Winterneuzugänge Jan Rosenthal und Yannick Stark haben zuletzt bei ihren vorherigen Stationen eine schwere Zeit durchgemacht, was ein verbindendes Element bei der Integration in die Darmstädter Mannschaft sein kann. Aus den prägenden Krisenerlebnissen heraus entwickelten jene Spieler einen großen Willen und enormes Durchhaltevermögen, es sich und jenen zu beweisen, welche sie andernorts aussortiert haben. „Diese individuellen Motivatoren“, so Betz, seien besonders wirksam für den Erfolg eines Teams.

          Der 35 Jahre alte Wissenschaftler sagt – „und da stehen wir entgegen der Literatur und Wissenschaft“ –, dass gerade Mitarbeiter mit Dellen und Krisen in ihren Lebensläufen häufig teamfähiger, motivierter und loyaler arbeiteten als sogenannte „High Potentials“ (im Fußball: Stars), denen der eigene Auftritt mitunter wichtiger ist als das Teamergebnis. Trainer Schuster bescheinigt der Wissenschaftler bei der Verpflichtung von Spielern „Trüffelschwein-Fähigkeiten“ und belegt dies mit nur zwei Fehlgriffen in zwei Jahren: Angreifer Freddy Borg in der dritten Liga und Torhüter Christian Wetklo in der zweiten Liga. Die Fähigkeit, Spieler zu finden, die finanziell, spielerisch und charakterlich ins Kollektiv passen und unter den speziellen Darmstädter Bedingungen ihr (zuvor verschütt gegangenes) Potential abrufen können, gehe auf die „Darmstädter Schlüsselfigur Dirk Schuster“ zurück, so Betz. Als leistungsförderlich bezeichnen die Forscher auch die „vordergründig weichen Ziele“, die Schuster auszugeben pflegt: in der zweiten Liga bleiben, Woche für Woche Leistung abrufen und punkten. In dieser Konstellation würden die Angestellten/Profis das Vakuum mit eigenen Zielen füllen. Bei den „Lilien“ wäre dies beispielsweise die beste Abwehr der Liga zu stellen oder die Fortsetzung der nunmehr 14 Spiele währenden Serie ohne Niederlage. Und dies, sagt Betz, wäre das Beste, was einem Arbeitgeber passieren könnte.

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