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Die hessische AfD feiert : Suppe, Sekt und Leberwurst

Im Schein: AfD-Spitzenkandidat: Rainer Rahn (Mitte) Bild: Jana Mai

„Mission completed!“ In Wiesbaden feiert die hessische AfD ihren Wahlerfolg – und verbittet sich Fragen nach noch höheren Zielen.

          2 Min.

          Als kurz nach 18 Uhr die erste Prognose kommt, ist der Jubel im Bürgersaal Wiesbaden-Biebrich groß. Zwölf Prozent für die AfD – die Männer in der ersten Reihe recken die Fäuste in die Luft, heben die Sektgläser, brüllen ihre Erleichterung hinaus in den Saal. „Wir haben’s geschafft, wir haben’s geschafft“, sagt Klaus Herrmann immer wieder, schüttelt Hände, klopft auf Schultern.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Herrmann, der sich die Position des Landessprechers der hessischen AfD mit Robert Lambrou teilt, ist an diesem Abend der Mann in Biebrich, auf den sich alle Augen richten. Er hat Listenplatz 3, direkt hinter dem Spitzenkandidaten Rainer Rahn und Lambrou. Er hat es geschafft, so viel ist schon um 18 Uhr klar, er wird im nächsten hessischen Landtag sitzen – aber die „15 Prozent plus x“, die seine Partei als Ziel ausgegeben hat, die haben er und seine Kollegen nicht erreicht.

          „Mission completed!“

          „Die Wähler können heute entscheiden, ob diese Wahl in die Annalen eingehen wird“, hatte er den Gästen im voll besetzten Saal zugerufen, kurz bevor die erste Prognose kam. „Wird sie“, rief prompt ein Zuhörer. Von einer Schicksalswahl für die Bundesregierung sprach er, von einem Abend, der die Entmachtung der Bundeskanzlerin einleiten könne. Dann stehen die zwölf Prozent auf der Leinwand, wenig später sogar 12,8, und der Saal kann sich kaum halten. In allen 16 Landtagen ist die Partei jetzt vertreten, und der extra angereiste Bundesvorsitzende Jörg Meuthen ruft: „Mission completed!“ Einen Meilenstein nennt er das Ergebnis und warnt die anwesenden Journalisten davor zu fragen, ob man davon enttäuscht sei, weil man doch mehr als Ziel ausgegeben hatte.

          „Wir haben es von vier auf zwölf Prozent geschafft“, ruft Meuthen. Es solle heute gefeiert werden, ob es nun ein Prozent mehr oder weniger, ob es nun 14 oder 18 Sitze seien. Herrmann sagt: „An alle unsere Wähler: Danke, dass Sie den Mut gehabt haben, AfD zu wählen.“ Und: „Der Himmel über Deutschland ist jetzt komplett blau – aber ich merke an, als Sicherheitsaspekt, nicht grenzenlos blau.“ Da klatschen die vielen Kandidaten, Anhänger, die Mitglieder aus dem Bundesvorstand und dem Bundestag, die gekommen sind, im Rhythmus und skandieren „AfD, AfD“. Zur Nationalhymne hält jemand eine große Flagge in die Höhe.

          Gulaschsuppe und Leberwurst

          Hin und her geht es mit den Zahlen den Abend über, mal sinken sie, und die Gesichter werden länger, um halb neun rechnen die Institute wieder mit 13 Prozent und Herrmann lacht in Richtung Leinwand, auf der die Zahlen vorbeiflackern. Zwischen Gulaschsuppe und Leberwurst bangen die Kandidaten auf den hinteren Listenplätzen um ihren Einzug in den Landtag. Dimitri Schulz, Wahlkreis Wiesbaden I, trinkt Cola, er ist nervös, er ist nur die Nummer 14. „Ich habe gemischte Gefühle, es kann noch viel passieren“, sagt Schulz. Endgültig fest steht das Ergebnis erst spät in der Nacht. Schulz hat vor ein paar Wochen die Vereinigung von Juden in der AfD gegründet, für die will er sich einsetzen. Und für junge Familien – im Frühjahr wird er selbst zum ersten Mal Vater.

          Wie dem auch sei, das „hervorragende Ergebnis“ will sich Herrmann nicht nehmen lassen. Dass seine Partei vor allem wegen ihrer harten Gangart bei den Themen Asyl und innere Sicherheit gewählt wurde, glaubt er nicht. „Es geht da um eine generelle Unzufriedenheit mit der Politik der alten Parteien“, sagt er. Und da gebe es noch deutlich mehr Wähler zu holen als bisher. „In Zukunft ist noch viel mehr möglich“, sagt Herrmann – und als Spitzenkandidat Rahn später am Abend noch nach Biebrich kommt, ist die AfD endgültig im Siegestaumel.

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