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Süskinds ’Kontrabass’ : Bier ist Bier

  • -Aktualisiert am

Süskinds Stück handelt nicht nur von einem Mann und seinem Lieblingsinstrument, dem Kontrabass. Die reizende Mezzosopranistin Sarah spielt auch eine Rolle... Bild: Stalburg Theater

Der Hass, der Neid und das Musikinstrument: Dreißig Jahre alt ist Patrick Süskinds „Kontrabass“ inzwischen. Nun ist das Stück am Stalburg Theater zu sehen.

          Wird er es tun? Wird er, noch bevor Riccardo Muti den ersten Ton erklingen lässt, aus dem Orchestergraben heraus „Sarah“ schreien, und wenn es ihn auch die Lebensstellung kostet? Wenn er sich traut, dann können wir es morgen in der Zeitung lesen, sagt der Kontrabassist und verschwindet, in Frack und Fliege, zum Dienst. Dass an dieser Stelle nun nicht vermeldet wird, im Staatsorchester Wo-auch-immer habe gestern ein 35 Jahre alter Kontrabassist Mutis Gala-Vorstellung in Anwesenheit des Ministerpräsidenten empfindlich gestört, darf nicht als Hinweis darauf gewertet werden, der unbenannte Bassist habe sich nicht getraut. Das Ende ist offen in Patrick Süskinds Solostück „Der Kontrabass“, das vor genau dreißig Jahren geschrieben wurde. Seither tingelt es über die Bühnen, nicht nur in deutscher Sprache, das Schicksal des Kontrabassisten, nun macht es Station im Frankfurter Stalburg Theater.

          In dessen Programm passt so ein Soloabend mit einem noch jungen Schauspieler sehr gut, das dürfte sich auch der künstlerische Leiter Michael Herl gedacht haben, als er das Gastspiel aus dem Heidelberger Taeter-Theater gleich für mehrere Termine gebucht hat. Benjamin Hille, der aus Bremen gebürtige und in Hannover ausgebildete Solist, wirkt, als sei er ein echtes Stalburg-Gewächs, wenn er da so auf die Bühne poltert. Als verklemmter Mittdreißiger mit Bart und Brille erinnert Hilles Kontrabassist in seiner Lebensbürde doch stark an die von Herl geschaffenen Figuren, die Ilja Kamphues etwa in dem Erfolgsstück „Wer kocht, schießt nicht“ verkörpert. Er extemporiert vor dem Publikum über die Vorzüge des Kontrabasses, die Minderbegabung der Dirigenten an sich und der meisten Orchesterkollegen ohnehin. In einer bündigen Fassung führt Hille, in Strickjoppe und Bügelfaltenhose ganz der Kunstbeamte vom zweiten Pult, den Zuschauer allerdings sehr rasch an einen Punkt, an dem deutlich wird: Diesen Mann macht nichts froh, an ihm nagen der Hass, der Neid, allerhand Ressentiments und die aufkeimende Liebe zu jener Mezzosopranistin Sarah, die er von ferne und völlig unbemerkt anhimmelt.

          Ein Beamter schreit nach seiner ’Sarah’

          Hille redet sich in Rage, gestikuliert und entwickelt so, wenn auch mit bisweilen etwas zu großem Nachdruck, die spannungsvolle Ambivalenz, von der Süskinds Stück lebt: Amüsement und ein leichter Grusel vor diesem unauffällig wirkenden Bündel dunkler Triebe. Warum es, obgleich Hilles Gestik und die Strichfassung das Tempo rasch anziehen, eine Pause geben muss in dem eigentlich durchaus bündigen Stück, erschließt sich recht schnell: Bier um Bier kippt der Musikus, vorgeblich, um den Flüssigkeitsverlust der mühevollen Streicherarbeit auszugleichen. Das Publikum sieht Hille sein Weißbier leeren und staunt - ansonsten gibt es Lehre, und wenn etwas einen ähnlich kleinen Bart hat wie der Kontrabassist selbst, dann sind es die bildungsbürgerlich-rauschhaften musikhistorischen Exkurse, die reichlich eingefügt sind in den „Kontrabass“. Hille aber hat mit seinem Regisseur Wolfgang Graczol nicht nur die Namen und Daten aktualisiert, er spielt Musikbeispiele auf dem iPhone ein und wendet sich immer wieder direkt an das Publikum, was amüsiert und für Abwechslung sorgt. Und dass nun mal wieder ein junger Darsteller den „Kontrabass“ samt seinem schwer gefährdeten Instrument auf der Bühne zeigt, ist ein hübscher Tupfer in den Frankfurter Spielplänen - auch wenn der Bassist selbst sich mit 35 fast schon zu alt für die Liebe hält. Immerhin: Er ist Beamter. Wenn er nicht doch noch „Sarah“ schreit.

          Nächste Vorstellungen

          Nächste Vorstellungen am 6. und 7. Januar von jeweils 20 Uhr an im Stalburg Theater.

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