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Moderne Kunst in Frankfurt : Das Drama des menschlichen Alltags

Seine Installationen aus Geschirr haben Subodh Gupta international bekannt gemacht. Jetzt widmet das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt dem indischen Künstler eine Werkschau.

          3 Min.

          Marcel Duchamp hätte vermutlich seine helle Freude an dieser Ausstellung. Nicht dass Subodh Gupta satte 100 Jahre nach dem Erfinder des Readymade noch einen Flaschentrockner in die ohnehin schon längst entweihten Hallen des bürgerlichen Museums stellte und zur Kunst erklärte. Aber allenthalben scheinen die Bezüge zur Kunstgeschichte, namentlich auf Duchamp, auf van Goghs „Kartoffelesser“ oder auf die Menschen des 20. Jahrhunderts, die August Sander gezeigt hat, bis hin zur Pop-Art und Konzeptkunst auf. Sie sind nicht zu übersehen in dem so vielschichtigen wie vielgestaltigen, in allen Medien Form werdenden Werk des indischen Künstlers.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das erscheint zunächst verwegen, aber auch nicht wirklich überraschend. Denn der Künstler ist zwar in Indien geboren und aufgewachsen, hat dort studiert und lebt dort bis heute. Aber schon seit fünfzehn Jahren stellt er auf der ganzen Welt aus. Und spätestens, seit er von einem der global player unter den Galerien, Hauser & Wirth, vertreten wird, ist er mit seinen raumgreifenden Installationen aus glänzend poliertem Edelstahlgeschirr nicht nur auf allen großen Messen und auf Ausstellungen wie der Biennale vertreten, sondern auch am Kunstmarkt außerordentlich erfolgreich.

          Der Betrachter denkt vielleicht an angebrannte Milch

          Guptas retrospektiv konzipierte Schau „Everything is Inside“, mit der er nun das gesamte Erdgeschoss des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) bespielt, erscheint denn auch insofern paradigmatisch für den globalisierten Kunstbetrieb, als sie im Kern eine Übernahme der gleichnamigen Ausstellung ist, die ihm die National Gallery in Neu-Delhi Anfang des Jahres eingerichtet hat. Und doch erscheint in Frankfurt alles anders, sinnlicher vor allem, umfassender auch und zugleich präziser. Zwar sind es auch hier zunächst die gewaltigen Installationen wie die aus Hunderten fabrikneuer Essgeschirre und Lunchboxes bestehende Arbeit „Faith Matters“ aus dem Jahr 2007, welche die Blicke auf sich ziehen; sind es bekannte Arbeiten wie „All in the same Boat“ oder die schon im Titel auf Duchamp verweisende Installation „This is not a fountain“ in der großen Halle.

          Welche Masse von Geschichten ist hier eingewoben gerade in den aktuellen, nunmehr aus gebrauchten Blechtöpfen und -pfannen, Schüsseln, Sieben, Krügen bestehenden Installationen, in all den Löchern, Dellen, perforierten Böden, den Spuren von offenem Feuer. Der Betrachter steht still und neugierig, denkt an die eigene Kindheit vielleicht, an angebrannte Milch, an Suppen- oder Marmeladentöpfe, Milchkannen und Kesselflicker und die Designerküchen unserer Tage. Und doch sind die Schlüsselwerke in der von MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer und Anna Goetz für Frankfurt kuratierten Schau zwei vergleichsweise unspektakuläre Arbeiten, auf die in der National Gallery merkwürdigerweise verzichtet worden war.

          „Kunst handelt vom Leben“

          Klarer als in dem vor zehn Jahren entstandenen Video „I go home every single day“ einerseits, als in der rekonstruierten Installation „Pure I“ aus dem Jahr 1999 andererseits kann man Guptas kontinuierliche Beschäftigung mit den immergleichen Themen kaum fassen. Denn es stimmt ja, die Modernisierung des indischen Subkontinents, die grundlegenden, alle Lebensbereiche eines jeden Inders verändernden Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre sind sein künstlerisches, in Film, Skulptur und Malerei, in Fotografie und Installation immer wieder variiertes Thema.

          „Kunst“, sagt der 1964 im Nordosten Indiens geborene Gupta, „handelt vom Leben, also beschäftige ich mich in meiner Arbeit mit mir selbst und dem, was ich weiß.“ Nirgends aber legt er seine Parameter so vollständig offen wie in dem eine Reise von Delhi in seine Heimatregion dokumentierenden Film und der aus einer Performance hervorgegangenen Installation „Pure I“. Wie auf einem archäologischen Grabungsfeld bewegt sich der Besucher bloßen Fußes auf dem eigens im MMK angelegten Lehmboden, schaut auf eine in den Boden eingelassene Sichel, eine Hacke oder ein ganzes hölzernes Joch, Gerätschaften mithin, die ihren einstigen Besitzern einmal unersetzlich waren und es ihnen auf dem Land vermutlich noch bis heute sind. Das ist alles.

          Doch von den ökonomischen über die sozialen Umwälzungen, den strukturellen und den familiären bis zu den je individuellen Veränderungen steckt eine ganze auf den Kopf gestellte Welt darin. Neugier, Zuversicht und Nostalgie, Fortschritt und Entfremdung, Verlust und Orientierungslosigkeit, hier scheint die Ambivalenz jedweder Entwicklung eingegossen. Und genau diese Ambivalenz zeichnet Guptas Kunst am Ende aus. Fast nie taucht der Mensch auf in seinen Arbeiten, doch alles in seinem Werk dreht sich um ihn.

          „Die menschliche Gestalt war mir immer sehr nah sowie das gesamte Drama des Alltags.“ Und der Betrachter, ob in Frankfurt, London oder in Neu-Delhi, ist einer seiner Hauptdarsteller. Wer daran nach der Ausstellung noch Zweifel hat, der gehe zu einer von Guptas im Kontext der Schau inszenierten Kochperformances. Auch hier darf man sich als Teil der Inszenierung fühlen. Vor allem aber geht hier die Kunst unwiderstehlich durch den Magen.

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