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Studierendenwerk und Corona : „Wir bieten auch mal Insektenburger an“

  • -Aktualisiert am

Die Mensen des Studierendenwerks stellen sich für die Zukunft mit einem erweiterten Angebot auf, darunter auch Insektenburger. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Corona-Krise trifft Uni-Mensen hart. Derweil nutzen Studierendenwerke die Zeit, sich fit für die Zukunft zu machen – neue Essensangebote inklusive, wie das Beispiel Darmstadt zeigt. Ein Interview.

          3 Min.

          Ulrike Laux führt die Geschäfte des vor 100 Jahren gegründeten Studierendenwerks Darmstadt. Es ist eine Einrichtung zur gemeinnützigen Förderung der Studierenden der Technischen Universität Darmstadt und der Hochschule Darmstadt. Im Interview sagt Laux, wie sie das Studierendenwerk fit für die Zukunft macht, welche Nöte ihre Kundschaft hat, weshalb ihre Mensen auch Insektenburger anbieten und wie ihr dieser Fleischersatz schmeckt.

          Ist Corona eine der größten Krisen in der Geschichte des Studierendenwerks?

          Ja, das kann man sagen. Die Pandemie hat einen enormen Veränderungsdruck ausgelöst und für erhebliche Belastungen vor allem bei Mitarbeitenden der Hochschulgastronomie gesorgt. Die Unsicherheit, wie es weitergeht, schwingt immer mit. Auch für die übrigen Beschäftigten gibt eine Zeit vor und nach Corona. In der Beratung und Finanzhilfe ist die Pandemie allgegenwärtig. Es gibt viele Probleme, die Studierende mit Corona haben, und auf die müssen wir Antworten finden. Kurzfristig haben wir darauf mit neuen Angeboten wie Video-Beratung, Mutmach-Videos oder digitalen Workshops reagiert. Wir lernen derzeit viel, Corona ist nicht nur negativ.

          Hart hat es die fünf Mensen in der Stadt getroffen.

          Der Lockdown hat uns von März bis Mai und Mitte Dezember bis jetzt getroffen. 150 Mitarbeitende mussten wir die meiste Zeit in Kurzarbeit null schicken. Wir haben das Kurzarbeitergeld aber aufgestockt auf 100 Prozent. Bewusst, um den Gastronomie-Beschäftigten, deren Verdienst ohnehin nicht so hoch ist, ein Leben möglich zu machen. Sukzessive konnten wir einige Standorte und Bistros wieder öffnen, aber mit weniger Personal. Statt der üblichen 10.000 Essen am Tag im Semester haben wir nur rund 1000 Essen verkauft. Mehr als 15 Prozent des Vorjahresumsatzes haben wir nicht erreicht.

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          Mit welchen Folgen?

          Dank des Kurzarbeitergeldes, der Sozialbeiträge der Studierenden und der Zuschüsse des Landes ist unsere finanzielle Situation im Moment sicher. Schwierig wird es in den Mensen, wenn wir wieder öffnen dürfen, aber der Besuch nur tröpfelt. Wir werden 100 Prozent unseres Personals brauchen, weil wir speziell reinigen, desinfizieren und mehr miteinander kommunizieren müssen.

          Wir rechnen damit, dass anfangs nur 60 bis 70 Prozent der Studierenden wieder in die Mensen kommen. Dann wird es schwer, das Angebot vorzuhalten. Deshalb werden wir entsprechend mit dem Land verhandeln müssen. Das gilt generell für die Höhe der Zuschüsse der nächsten Jahre, damit wir auch künftig nicht in finanzielle Schieflage geraten.

          Steigt bei den Studenten der Beratungsbedarf?

          Die Zahlen sind merklich gestiegen: 997 Beratungen waren es 2020 gegenüber 772 im Jahr zuvor. In 34 Prozent war die Pandemie der Grund für die Kontaktaufnahme. Bei der psychotherapeutischen Beratung steigt der Bedarf stark. Dort haben wir, obwohl wir die Beschäftigten auf acht Teilzeitkräfte verdoppelt haben, mittlerweile eine Wartezeit von zehn Wochen. Das ist sehr lang in einer Krise, selbst wenn wir Soforthilfen im Notfall anbieten.

          Corona legt sich auf die Seele?

          Anfangs vermittelte das Arbeiten und Studieren im Homeoffice noch eine Art Urlaubsgefühl, aber jetzt werden die Defizite wahrgenommen. Viele sind am Ende ihrer Geduld.

          Ulrike Laux leitet das Studierendenwerk Darmstadt seit 2006.
          Ulrike Laux leitet das Studierendenwerk Darmstadt seit 2006. : Bild: Studierendenwerk Darmstadt

          Plus der Geldsorgen, weil Studentenjobs und Einnahmen der Eltern wegbrechen?

          Das Land hat im April 2020 einen Nothilfefonds in Höhe von 250.000 Euro aufgelegt. Über uns konnten davon 63. 600 Euro an „lockdowngeschädigte“ Darmstädter Studierende ausgezahlt werden. Es folgte die Überbrückungshilfe des Bundes, und bis Mitte Februar haben wir rund 6500 Anträge unserer Studierenden bearbeitet, von denen über 4600 bewilligt wurden.

          Gesamt rund zwei Millionen Euro. Das alles war – neben der Bafög-Bearbeitung – ein Kraftakt für unser Team. Wir haben mehr Stunden gearbeitet, weil wir unsere Studierenden nicht im Stich lassen wollen. Bei 45 Prozent der Ablehnungen befanden sich die Studierenden zwar in einer finanziellen Notlage, aber nicht nachweislich infolge von Corona. Die auf die Pandemie zugeschnittene Überbrückungshilfe greift hier nicht. Das empfinden Studierende wie auch Mitarbeitende als Belastung. Es muss einen Mechanismus für alle in Not geratenen Studierenden geben. Auch die Bafög-Reform ist dringend nötig und muss sich an Bedarf und realer Einkommensentwicklung orientieren.

          Welche Veränderungen bringt die Pandemie für das Studierendenwerk?

          Vieles wird sich verändern. Videokonferenzen werden wir sicherlich auch künftig einsetzen. Die Digitalisierung erlebt einen Schub, aber ich hoffe, dass persönliche Kontakte in Zukunft mehr wertgeschätzt werden. In der Beratung müssen wir unsere Kapazitäten erhöhen und an der Nachfrage ausrichten. Insgesamt sind wir da aber schon gut aufgestellt.

          Änderungen planen wir vor allem beim Essenskonzept, um Studierende mit attraktiven Angeboten in die Mensen zu holen. Wir wollen mehr „Food-Courts“ umsetzen – Essecken mit Erlebnisgastronomie. Erstmals geplant haben wir das für das neue Studierendenhaus der Hochschule Darmstadt im Sommer. Die Küche wird einsehbar sein, die Studierenden sollen die Essenszubereitung beobachten können.

          Künftig mehr bio statt Schnitzel mit Pommes?

          Das Schnitzel wollen wir niemandem nehmen, aber insgesamt stellen wir die Küche auf Bioprodukte, vegane und vegetarische Kost um. Wir experimentieren auch schon mal und bieten Insektenburger als Fleischersatz an. Schmeckt überraschend lecker und kam gut an.

          Neue Ideen und Rezepte haben wir während der Pandemie entwickelt. Wenn wir Fleisch ordern, dann künftig ganze Biorinder, die wir komplett verwerten. Wir verwenden nur Bioeier, Biogewürze, bestellen bei regionalen Lieferanten, Produzenten und legen Wert aufs Tierwohl. Der Bioprodukte-Anteil ist von vier Prozent 2017 auf 26 Prozent in der Corona-Zeit gestiegen. Bei Studierenden ist bio gefragt, und wir versuchen, die Preise günstig zu halten.

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