https://www.faz.net/-gzg-9clwa

Studierende als Versuchsperson : Stromschläge zum Wohl der Wissenschaft

  • -Aktualisiert am

Des Geldes wegen nehmen Studierende gerne an wissenschaftlichen Studien teil. Bild: Helmut Fricke

Für Studien werden gerne Studierende als Versuchspersonen herangezogen. Als Belohnung winkt den Freiwilligen ein wenig Geld. Aber die Teilnahme kann strapaziöser werden, als mancher denkt.

          4 Min.

          Aller Anfang ist einfach. So wie eine Routineuntersuchung beim Hausarzt: Größe und Gewicht sind schnell ermittelt, die Blutprobe läuft rasch ins Röhrchen, nach der Haarprobe braucht man keinen neuen Haarschnitt. Aber auch eine Stuhlprobe und ein Urintest zum Drogenscreening werden verlangt. Es folgt ein längeres Interview, um auszuschließen, dass der Proband psychische Vorerkrankungen hat.

          Dann geht es an eine Tastatur mit Bildschirm. Zwei Knöpfe und ein schnell über den Monitor flackernder Pfeil, dessen Richtung zu bestimmen ist. Zwischendurch erscheinen friedliche Bilder von Tieren, Pflanzen, Gesichtern freundlicher Menschen. Doch plötzlich ändern sich die Motive: Kriegsszenen, Unfallopfer, schwerverletzte kleine Kinder, üble Brandwunden und Menschen mit verstümmelten Gliedmaßen.

          „Das war schon sehr, sehr heftig und hat mir ganz schön zugesetzt“, sagt der 20 Jahre alte Christian Schneider. In Wirklichkeit heißt er anders und studiert im vierten Semester Biowissenschaften an der Universität Frankfurt. An den schwarzen Brettern auf dem Campus Riedberg hat er schon mehrfach Aushänge entdeckt, mit denen Probanden für wissenschaftliche Studien angeworben werden, oft in der Medizin oder Psychologie. Das Thema „Resilienz“ habe ihn sofort angesprochen, sagt der Student, denn er interessiere sich brennend für Neurowissenschaften.

          Nichts für Zartbesaitete

          Neurobiologen, Psychologen und Mediziner der Universitäten Frankfurt und Mainz versuchen gerade, das Phänomen der Resilienz messbar zu machen. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit mancher Menschen, trotz schwierigster Lebensumstände psychisch und körperlich gesund zu bleiben. Andere zerbrechen unter solchen Bedingungen. Eine halbe Milliarde Menschen auf der ganzen Welt erkrankt jährlich an stressbedingten psychischen Leiden, die zu Ängsten, Depressionen oder Burnout führen.

          Dadurch entstehe enormes subjektives Leid, zudem belaste der Arbeitsausfall die Gesellschaft finanziell, erläutern die Wissenschaftler um Christian Fiebach im Aufklärungsblatt zu der Studie namens Lora, an der Schneider teilnimmt. Aus den Erkenntnissen der Resilienzforscher könnten sich neue Möglichkeiten der Vorbeugung ergeben. „Werden Sie Teil dieser global bedeutenden Gesundheitsforschung!“, lautet der animierende Aufruf an potentielle Probanden.

          Eine mehrstündige Prozedur

          Die Bilder im Stresstest setzen auch weniger zartbesaiteten Menschen zu – das ist so gewollt und Teil der Untersuchung. Wer schon traumatische Erfahrungen gemacht hat, die so geweckt werden könnten, sollte sich also besser nicht als Freiwilliger melden. Das steht ausdrücklich in den Handreichungen, die jeder Interessierte zuvor bekommt.

          Doch nicht nur die Psyche, auch die körperliche Belastbarkeit wird auf die Probe gestellt: Elektroden auf dem Handrücken verpassen dem Studenten immer heftigere Elektroschocks, um die individuelle Schmerzgrenze zu ermitteln. „Das fand ich schon ziemlich grenzwertig“, sagt Christian Schneider hinterher. Auf dem Bildschirm erscheinen Quadrate und andere geometrische Formen, er muss angeben, wie gestresst er gerade ist. Kaum erscheint eine Raute – zack, bekommt er den nächsten Stromschlag. „Ich habe angestrengt versucht, Regelmäßigkeiten festzustellen und mich auf den Schmerz vorzubereiten. Der psychische Stress entsteht aber dadurch, dass man nie weiß, wann der Stromschlag kommt.“

          Des Geldes wegen

          Der Schmerz sei auszuhalten, „aber deutlich stärker als irgendein Alltagsschmerz“. Er hat sich anschließend erkundigt, ob seine Schmerztoleranz denn höher oder niedriger gewesen sei als die von anderen Probanden. „Das fragen nur die Männer“, lautete die Antwort. Als Jammerlappen will bei einer solchen Testreihe niemand dastehen, aber Schmerz ist eine sehr subjektive Empfindung.

          Rund fünf Stunden dauert die ganze Prozedur, in Abständen müssen die Teilnehmer sie über viereinhalb Jahre dreimal wiederholen, zwischendurch Fragebögen am Computer ausfüllen und Blut- und Haarproben abgeben. Insgesamt bekommen sie 240 Euro. Um die zehn Euro pro Stunde kämen dabei wohl für ihn raus, rechnet der angehende Biowissenschaftler vor.

          Es gibt sicher einfachere und vor allem schmerzärmere Wege, etwas Geld zu verdienen, aber die empfindet Schneider als weniger spannend. Wer abbricht, erhält anteilig Geld für den geleisteten Teil der Untersuchungen. Dass einige Probanden aufgeben, bestätigt Johanna Schlomann, die mit Hilfe der Studie ihre medizinische Doktorarbeit verfasst. Insgesamt 1200 Teilnehmer benötigen die Wissenschaftler in Frankfurt und Mainz. Die meisten, die sich meldeten, seien Studenten, sagt Schlomann. „Es ist interessant, verschiedene wissenschaftliche Methoden kennenzulernen und zu sehen, wie andere solche Studien aufbauen“, sagt Schneider. Für ihn war es nicht das erste Mal, er hat schon an einer anderen Studie zur Resilienz teilgenommen. Dabei wurden ein Elektro-Enzephalogramm und eine Magnetresonanztomographie seines Kopfes angefertigt. In der visuellen Studie hatte ein Brasilianer, der in Portugal studiert, bei Schneider und anderen untersucht, wie die verschiedenen Hemisphären des Gehirns bei bestimmten Aufgaben kooperieren.

          Doktoranden bei der Arbeit beobachten

          „Von meinen Kommilitonen in den Naturwissenschaften machen ziemlich viele bei solchen Studien mit“, sagt Schneider. Es sei für Studenten in den unteren Semestern schließlich auch sehr interessant zu sehen, „wie andere Leute ihre Doktorarbeit schreiben“. Die Untersuchungen liefern umfangreiche Datensätze, deren Auswertung Grundlage vieler wissenschaftlicher Arbeiten ist. Über die Lora-Ergebnisse etwa werden gleich fünf Studenten promoviert.

          Mehr als bei dieser Studie hat Christian Schneider bei den Gehirnuntersuchungen des brasilianischen Forschers verdient: Dort betrug sein Stundenlohn 15 Euro. Das Frankfurter Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik kann selbst dieses Honorar überbieten: Dort können Probanden demnächst für zehn Euro je angefangene halbe Stunde an sich testen lassen, von wann an sie die Verbindung von Tönen als Musik wahrnehmen. Zumindest physische Schmerzen werden die Probanden dabei nicht erdulden müssen.

          Für die Lora-Studie werden noch einige Teilnehmer gesucht. Auf Wunsch können sie einen unentgeltlichen Fitness-Check bekommen. Wer mitmachen möchte, muss zwischen 18 und 50 Jahre alt sein. Informationen gibt es im Internet unter lora-studie.de.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Im Mittelpunkt der Kritik steht die von Kanzlerin Merkel angestrengte Ausgangssperre.

          F.A.Z. Frühdenker : Wann greift die Notbremse?

          Opposition und Fraktionen debattieren weiter über die neue Bundes-Notbremse. In New York geht das größte amerikanische Crypto-Unternehmen an die Börse. Die Nato beruft ein außerordentliches Treffen ein. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.