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Moderne Kommunikationstechnik : Immer erreichbar zu sein ist auch nicht gut

  • -Aktualisiert am

Immer das Handy am Ohr: Verzichteten Menschen zu lange auf „Me-Time“, verschlechtert sich ihr Wohlbefinden (Symbolbild). Bild: dapd

Haben Sie sich heute schon ein wenig „Me-Time“ gegönnt? Zeit für sich selbst, ohne Erwartungen und Störungen? Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt haben das Wort erfunden, um die Folgen der ständigen Erreichbarkeit zu umschreiben.

          Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt haben ein neues Wort erfunden, um die Folgen der ständigen Erreichbarkeit durch Smartphone, Handy und Internet zu umschreiben: „Me-Time“. Gemeint sind damit Zeiten, in denen Menschen etwas für sich tun, frei von den Erwartungen und Störungen anderer. „Für eine gute Life Balance genügt es nicht, Rollen wie die der fürsorglichen Eltern oder des kompetenten Beschäftigten zu erfüllen“, sagt Ruth Stock-Homburg. Verzichteten Menschen zu lange auf „Me-Time“, verschlechtere sich ihr Wohlbefinden.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die Hochschullehrerin Stock-Homburg ist Leiterin einer Forschergruppe, die am Fachgebiet Marketing und Personalmanagement des Fachbereichs Rechts- und Wirtschaftswissenschaften eine Studie erstellt über die Konsequenzen der ständigen Erreichbarkeit durch mobile Kommunikationstechnologien. Dass es sich um ein wichtiges Thema handelt, steht außer Frage. Es gibt Unternehmen, die sich angesichts der digitalen Rundum-Verfügbarkeit veranlasst gesehen haben, verbindlich zu regeln, wann Mitarbeiter außerhalb der Arbeitszeiten angerufen werden dürfen. Die Darmstädter Wissenschaftler erforschen allerdings nicht nur, wie störend und stresserzeugend sich Anrufe des Chefs oder von Kollegen am Wochenende auswirken können, sondern auch, was Unterbrechungen am Arbeitsplatz beispielsweise durch ständige E-Mails bedeuten. Dazu wurden mehr als 500 Menschen interviewt oder über mehrere Wochen hinweg regelmäßig befragt.

          Interne Absprachen sind wichtig

          Die ersten Ergebnisse, die Stock-Homburg jetzt vorstellte, deuten darauf hin, dass mobile Kommunikation nicht einfach gut oder schlecht ist. So haben drei von vier Befragten angegeben, dass bei ihnen die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben durchlässig sei, und diese Flexibilität als positiv bewertet. Noch vor weniger Jahren sei es undenkbar gewesen, dass man sich während eines Meetings mit den Handwerkern zu Hause habe abstimmen können, sagt Stock-Homburg. Arbeit und Privatleben seien heute besser zu vereinbaren, und Leerzeiten könnten sinnvoll genutzt werden.

          Ob diese Vorteile dauerhaft überwiegen oder doch in Stress umschlagen, hängt nach den vorliegenden Ergebnissen von der Art und Weise der Nutzung ab. „Wenn der Nutzer frei entscheiden kann, wann, wie lange und wie häufig kommuniziert wird, überwiegen die Vorteile“, sagt Gisela Bieling, Mitarbeiterin im Projekt. Entscheidend sei dabei nicht das Ausmaß der Erreichbarkeit, sondern die persönliche Zufriedenheit damit.

          Es kommt also auf das „Erwartungsmanagement“ an, und das ist laut der Forschergruppe unzureichend. Die Befragung von Studienteilnehmer und deren Kollegen haben gezeigt: 36 Prozent schätzten die Erwartung ihrer Führungskraft an die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeit höher ein als der Chef selbst. Gleichzeitig unterschätzten 47 Prozent die Erwartungen ihrer Kollegen. Als Hinweis auf den möglichen Grund verweisen die Forscher auf einen anderen Wert: 85 Prozent der Befragten haben weder mit ihrem Vorgesetzten noch mit ihren Kollegen irgendeine Absprache getroffen.

          Stock-Homburg empfiehlt daher, dass Unternehmen interne Absprachen fördern, damit die tatsächlichen Erwartungen für alle ersichtlich würden. „So können Mitarbeiter wirklich abschalten, ohne unsicher zu sein, ob jemand erwartet, dass sie erreichbar sind.“

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