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Studie : Suche nach Unternehmensnachfolger oft schwierig

Generationenübergang noch nicht gelungen: Schlapp-Möbel in Neu-Anspach. Bild: Rüchel, Dieter

Zahlreiche Unternehmensinhaber finden in der Familie keine Nachfolger. Deshalb raten Banken, frühzeitig geeignete Kandidaten für die Geschäftsführung oder einen Käufer zu suchen.

          Was wird bloß nur aus meinem Betrieb? Diese Frage bereitet zahlreichen Unternehmern in Hessen und Deutschland schlaflose Nächte. Gut ein Drittel der Seniorchefs findet keinen passenden Nachfolger, wie eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags ergeben hat. Und fast die Hälfte der Unternehmer unterschätzt die Dauer des Nachfolge-Prozesses, der sich über Jahre hinziehen kann.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Wilhelm Blatz gilt das nicht. Er hat für seine Nachfolge an der Spitze der einst von ihm und seiner Frau gegründeten Ille Papier-Service GmbH mit Sitz in Altenstadt gesorgt. Seit Februar 2010 führt seine Tochter Marion Gottschalk den Spezialisten für Waschraumhygiene in Restaurants, Hotels und Bürogebäuden. Zudem gehört Marion Gottschalks Ehemann seit Dezember zur Geschäftsleitung. Auch die Gessler GmbH aus Rodgau bleibt in der Familie. Firmengründer Helmut Gessler führt das Unternehmen, das Sicherheitsbeleuchtung herstellt, schon seit 1999 gemeinsam mit seinem Sohn Marcus.

          Strategische Gespräche

          Wilhelm Schlapp hingegen ist dieses Glück nicht beschieden. Noch steht der Mittachtziger hinter der Schlapp-Möbel GmbH&Co.KG in Neu-Anspach, die aus heimischem Buchenholz gefertigte Betten und Stühle für Jugendherbergen liefert und Bibliotheken ausstattet. Doch nun steht das 60 Mitarbeiter starke Handwerksunternehmen, das seit 1984 Wilhelm Schlapp allein gehört, vor der Übernahme durch einen Investor. Ein solcher Fall ist alles andere als selten: „Fast jeder zweite Unternehmer möchte seinen Betrieb gerne an einen Nachfolger aus der Familie übergeben - doch wie die Realität zeigt, ist dies nur bei etwas mehr als jedem dritten Unternehmen der Fall“, heißt es in der Studie des Industrie- und Handelskammertags. Acht Prozent der Firmen würden sogar letzten Endes aufgegeben - mangels Nachfolge.

          Von einem solchen Fall aus Hanau kann Klaus Kahlert berichten. Kahlert zeichnet als Regionalleiter Offenbach der Commerzbank und führt ebenso wie seine Kollegin Ilona Schmitt, die in Frankfurt das Geschäft mit Mittelständlern leitet, regelmäßig strategische Gespräche mit Unternehmensinhabern - auch über die Nachfolge. „In diesen Gesprächen spielt die Frage eine Rolle: Wo wollen Sie in fünf oder in zehn Jahren sein?“, erläutert Schmitt. Schließlich ist die Nachfolgeregelung auch für das Kredit-Rating des jeweiligen Betriebs erheblich: Unklarheit vergrößert nicht nur für den Inhaber, sondern auch für die Bank als Kreditgeber das Risiko. Das sagen Kahlert und Schmitt und der Frankfurter Firmenkundenchef der Deutschen Bank, Tilmann Wittershagen, unisono.

          Erst wird in der Familie gesucht

          Vor diesem Hintergrund geben Kahlert und Schmitt zu bedenken: „Nachfolge ist Chefsache.“ Und zwar in doppeltem Sinn. Wenn es um dieses Thema gehe, redeten die Regionalleiter und Firmenkundenchefs der Commerzbank und ihrer Mittelstandsbank mit den Inhabern. Die Gespräche seien nicht immer einfach. So wisse der Gesprächspartner manchmal selbst nicht genau, in welche Richtung es gehen solle. Zudem schwinge die Frage mit: „Wer kann gut genug sein, etwas weiter zu führen, das ich aufgebaut habe?“ Druck auf die eigenen Kinder, die die Nachfolge antreten sollen, aber nicht unbedingt wollen, sei der falsche Weg. Nicht von ungefähr sage der Volksmund: „Der Vater erstellt’s, der Sohn erhält’s, und den Enkeln zerfällt’s.“

          Der „deutsche Vollblutunternehmer“ wolle seinen Betrieb in jedem Fall bewahren, meinen die Bankmanager. Genau deshalb suche er auch zuerst in der Familie nach einem Nachfolger. Ihm nahezubringen, dass der Sohn nur die „suboptimale Lösung“ wäre, stelle eine Herausforderung dar. Vor dem Verkauf an einen Investor von außen stehe eine andere Hürde: „Viele Firmeninhaber wissen nicht, was ihr Betrieb wert ist.“ Faustregeln gibt es laut Kahlert und Schmitt nicht. Der Preis sei abhängig von Größe, Branche, wirtschaftlicher Verfassung und der Konjunkturlage.

          Verfassung geben

          Als Käufer kommen auch im Mittelstand durchaus Finanzinvestoren in Frage. Laut Wittershagen kann sich jeder siebte Unternehmer vorstellen, einen solchen Geldgeber an Bord zu holen. Das heiße jedoch nicht, dass das jeder siebte auch tatsächlich mache. Schließlich seien viele Emotionen im Spiel.

          Auch muss geklärt werden, was der jeweilige Unternehmer nach dem Abschied von seinem Betrieb mit seiner neuen Freizeit mache. Eine denkbare Lösung stellt nach Schmitts Worten ein schrittweiser Übergang dar - ähnlich der Altersteilzeit bei Angestellten: Der Inhaber könne seine Anteile nach und nach innerhalb der Familie oder an einen Investor abgeben. Dies passe wiederum zur Aussage vieler Unternehmer, ihrem Betrieb nicht von heute auf morgen den Rücken kehren zu wollen. Wählt ein Unternehmer doch den harten Schnitt, sollte er sich vorher seine Zukunft gut überlegen - damit er etwas Sinnstiftendes hat für die Zeit nach dem „Tag X“, wie Wittershagen sagt.

          Er rät Familien mit einem Betrieb grundsätzlich, sich eine Verfassung zu geben - so wie sie sich zum Beispiel die hinter dem Arzneimittelhersteller Merz aus Frankfurt stehende Familie gegeben hat. Was bedeutet das Unternehmen für die Familie? Welche Rolle sollen die Mitglieder der Familie im Betrieb spielen und welche dürfen sie nicht einnehmen? Solche Fragen sollten in dieser Familienverfassung beantwortet werden. Wichtig sei, dass der Patriarch die Inhalte nicht vorgebe, sondern die Verfassung über die Vermittlung eines Beraters von außen geschrieben werde. Das könne schon ein Jahr dauern - es lohne sich aber: Unternehmen, hinter denen Familien mit einer eigenen Verfassung stünden, seien erfolgreicher als Betriebe, deren Inhaber eine solche Leitlinie nicht hätten. Denn es gebe viel weniger Streitereien.

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