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Studie zum Weinkauf : Nische für teure Weine ist größer als gedacht

  • -Aktualisiert am

Laut einer Studie sind Weinkäufer qualitätsbewusst. Bild: ddp

Von wegen möglichst billig: Eine Geisenheimer Weinmarktstudie weckt Zweifel an der Dominanz der Billigweine aus den Discountmärkten. Sie zeigt, Deutsche sind in erster Linie treue Weinkäufer.

          3 Min.

          Sind die deutschen Weintrinker in ihrer großen Mehrheit Banausen, die durchschnittlich weniger als drei Euro für eine Flasche Wein ausgeben und diese vorrangig beim Discounter um die Ecke kaufen? Diesen Eindruck erweckt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit jedem neuem Weinmarktbericht. Nach ihren Erhebungen wurden im Jahr 2011 im Lebensmitteleinzelhandel und im Discount sogar etwas weniger als zwei Euro je 0,75-Liter-Flasche ausgegeben. Deutschland ein Land der Billigweintrinker? Eine brandneue Studie der Hochschule Geisenheim kommt zu anderen Ergebnissen als die GfK. Der seit sechs Wochen emeritierte Ökonomieprofessor Dieter Hoffmann und Gergely Szolnoki vom Institut für Betriebswirtschaftslehre und Marktforschung haben eine repräsentative Befragung von mehr als 2000 Bürgern umfassend analysiert und nach unterschiedlichen Modellen zur Segmentierung des Marktes und der Kunden ausgewertet. Sie zeichnen auf 140 Seiten eines noch unveröffentlichten Berichtes ein neues, differenziertes Bild vom deutschen Weinkunden.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Studie kommt zu zahlreichen, teils überraschenden Ergebnissen, die nach Überzeugung von Hoffmann und Szolnoki dem Bild der Wirklichkeit aber viel näher rücken als die ihrer Ansicht nach verzerrte Darstellung der GfK. Nach den Geisenheimer Erhebungen ist es nicht rund die Hälfte der Weinkonsumenten, die ihren Bedarf bei Aldi deckt, sondern weniger als ein Drittel. Der Durchschnittspreis für einen Liter Wein liegt auch nicht bei unter drei Euro, sondern immerhin bei 4,70 Euro. Für Szolnoki besonders überraschend ist die ermittelte Treue der Kunden zur ihren Einkaufsstätten. Wer seinen Wein gerne bei Aldi & Co. kauft, der deckt dort regelmäßig fast 90 Prozent seines gesamten Bedarfs. Wer hingegen zum Winzer seines Vertrauens fährt und dort den Kofferraum vollpackt, der deckt dort 75 Prozent seines Verbrauchs.

          Premiummarkt mehr als die Hälfte des Marktes

          Nur jeder fünfte Weinkäufer fällt in die Kategorie der sogenannten Multichannel-Konsumenten, die sich überall ihren Wein besorgen, auch beim Discounter. Dort vermutlich aber immer nur dann, wenn besondere Weine im Aktionsangebot sind wie ein echter Champagner vor Silvester oder teure Rotweine aus Bordeaux. Die meisten Kunden aber „sind auf ihre Einkaufsstätten fixiert“, sagt Szolnoki. Nach seinen Untersuchungen kaufen auch weit mehr Bürger direkt beim Winzer (16 Prozent) und bei Winzergenossenschaften (sieben Prozent) ein, als es bisher vorgelegte Studien glauben machen. Immerhin vier Prozent beziehen ihre Weine sogar direkt vom Erzeuger im Ausland.

          Hoffmann sieht durch die Studie seine eigenen Beobachtungen am Markt bestätigt: Der Erfolg der Düsseldorfer Messe Prowein, die guten Absatzzahlen des Fachhandels und der Erfolg vieler Weingüter auch mit vergleichsweise teuren Weinen sprächen für sich. Für Hoffmann ist die Studie daher auch ein Beleg für seine These, dass der Weinmarkt komplexer, differenzierter und damit auch chancenreicher ist als bislang angenommen. Rund 20 Prozent der deutschen Verbraucher stehen für 80 Prozent des Weinkonsums, sagt Hoffmann. Wein werde vorwiegend in der Oberschicht getrunken. Zudem sei der Premiummarkt keine kleine Nische, sondern mehr als die Hälfte des Marktes: „Der Premiummarkt ist wichtiger als gedacht.“ Zu den weiteren, bemerkenswerten Schlussfolgerungen der Analyse gehören diese Feststellungen: Frauen sind für das Weingeschäft wesentlich bedeutender als Männer, weil sie 55 Prozent der Konsumenten stellen. Der Weinkonsum ist über die deutschen Regionen und Landschaften gleichmäßig verteilt. Jenes Drittel der Weinliebhaber, die in Weingütern oder Weinfachgeschäften einkaufen, steht für mehr als 60 Prozent der Gesamtausgaben für Wein. Allerdings lehnen immerhin 40 Prozent der Befragten Wein als Getränk rundweg ab. Ein Wert, dem die Geisenheimer Wissenschaftler noch genauer nachspüren wollen.

          Deutscher Weinmarkt drittgrößter der Welt

          Dass die Geisenheimer Forscher zu ganz anderen Einschätzungen des Weinmarktes gelangen als die Konsumexperten der GfK, erklärt Hoffmann unter anderem mit der Methodik und der Gewichtung von Weinwert und Weinmenge. Erstmals will das Geisenheimer Institut das Forschungsergebnis als Buch präsentieren und dem Fachhandel und der Weinbranche zum Kauf anbieten. Das soll nicht nur Nachfolgeprojekte finanzieren, sondern dem Wert der ermittelten Daten gerecht werden. Zudem wollen die Geisenheimer mit ihrer Veröffentlichung auch eine Diskussion anstoßen. Für Hoffmann und Szolnoki steht jedenfalls schon jetzt fest: Der deutsche Weinmarkt, immerhin der drittgrößte der Welt, „ist nicht nur billig“.

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