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Finanzplatz braucht Hilfe : „Frankfurt verschafft sich zu wenig Gehör“

Leuchtendes Beispiel: Frankfurt gilt als Zentrum für Regulierung. Das Foto zeigt den Sitz der Bankenaufsicht der EZB. Bild: dpa

Eine Studie zeigt: Der Finanzplatz braucht mehr Unterstützung durch die Bundespolitik. Zum Beispiel, um Regulierungshauptstadt zu werden.

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          Hubertus Väth war der einzige Redner aus Deutschland. Vor einigen Monaten, lange vor dem Referendum der Briten über den Austritt aus der Europäischen Union, war der Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance wieder einmal in London. Nicht ganz ohne Stolz berichtet er davon, dass er auf einer Konferenz in der Londoner Guild Hall sprechen durfte. Nun muss man wissen, dass die Halle in der an historischen Bauten nicht armen britischen Hauptstadt eine besondere ist, schließlich ist sie mehr als sechshundert Jahre alt und ein optisches Prachtstück. Einst diente sie als Rathaus der City of London. Zu Väths Gastspiel dort kamen beim „Innovate Finance Global Summit“ 1500 Finanzexperten aus 80 Ländern zusammen, um über Fintechs zu reden.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Väth möchte die Geschichte von der Konferenz als Sinnbild verstanden wissen: Dafür, dass die Briten ihren Finanzplatz besser zu verkaufen wissen als die Deutschen und dabei auch mehr Unterstützung durch die große Politik erhalten. Denn zu Beginn dieses riesigen Fintech-Events an exponierter Stelle wurde ein Brief von Prinz Charles verlesen, und am Ende gab es eine Videobotschaft des Premierministers, der damals noch David Cameron hieß.

          Von dem Blick nach London, wo man dieser Tage fürchtet, den Status als europäische Finanzhauptstadt zu verlieren, lassen sich zwei Forderungen ableiten, die auch als Handlungsanweisungen aus einer aktuellen Studie hervorgegangen sind. Die WHU Business School mit Sitz in Vallendar bei Koblenz hat im Auftrag von Frankfurt Main Finance 35 Experten aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz nach ihrem Eindruck über den Finanzplatz Frankfurt befragt. Aus den Ergebnissen hat Studienleiter Lutz Johanning, der an der WHU den Lehrstuhl für Empirische Kapitalmarktforschung innehat, Empfehlungen formuliert.

          Aber auch viele Vorteile am Finanzplatz

          Eine davon lautet: Die Kooperation zwischen der Politik und der Finanzindustrie muss gestärkt werden. Die deutsche Stimme, so hat Johanning in den Gesprächen festgestellt, werde international geschätzt, „aber sie verschafft sich zu wenig Gehör“. Ein aktuelles Beispiel: Im Werben um internationale Finanzinstitute, die Geschäftseinheiten nach dem Brexit-Votum der Briten von London nach Kontinentaleuropa verlegen wollen, machen Frankreichs Staatspräsident Hollande und Regierungschef Valls mächtig Stimmung für Paris – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hingegen schweigt seit Wochen dazu.

          In der Regel seien die Finanzzentren der Länder Europas in den jeweiligen Hauptstädten angesiedelt, argumentiert Johanning – siehe Paris, Amsterdam, Mailand oder Dublin. Frankfurt sei eine Ausnahme, „umso wichtiger ist es, dass auch aus der Hauptstadt Unterstützung kommt“. Insgesamt, das ist die zweite Empfehlung, müsse die Kommunikation des Finanzplatzes nach außen und innen verstärkt werden, damit Frankfurt im Ausland besser wahrgenommen werde.

          Bei allen Schwächen: Bei der qualitativen Umfrage haben sich die größtenteils aus dem Ausland stammenden Experten auch über die Stärken des Finanzplatzes geäußert. An erster Stelle wird die deutsche Wirtschaft genannt, die eine hohe Liquidität und einen großen Wohlstand im Land erzeuge und dadurch Auslandsbanken anziehe.

          Auch die räumliche Nähe zur Europäischen Zentralbank und zur Deutschen Börse sind Standortfaktoren, die im Wettbewerb mit anderen Metropolen Europas für Frankfurt sprechen. Lobend erwähnt werden die Infrastruktur der Stadt und die Lebensqualität am Main. Gerade Letzteres überrascht, hatte doch die Unternehmensberatung Boston Consulting jüngst bei einer ähnlichen Umfrage herausgefunden, dass Banker aus dem Ausland das Rhein-Main-Gebiet für wenig attraktiv halten.

          Fintechs als wichtige Chance für Frankfurt

          In der Außenwahrnehmung gilt Frankfurt als das europäische Zentrum für Bankenaufsicht und Geldpolitik. WHU-Professor Johanning rät, diesen Punkt auszubauen und den Finanzplatz als Hauptstadt der Regulierung zu positionieren. So solle die Zusammenarbeit der Behörden mit Forschungseinrichtungen gestärkt werden. Die universitäre Ausbildung solle sich zudem stärker auf Ethik, moralisches Verhalten und Verantwortung in der Finanzindustrie fokussieren.

          Und noch eine weitere Chance sieht die Hochschule für die Stadt am Main. Sie könne sich nämlich als Zentrum für Fintechs etablieren. Das neue Fintechzentrum könnte ein wichtiger Schritt, das Brexit-Votum eine weitere Chance dafür sein. Und vielleicht gibt es in Frankfurt ja auch bald eine ähnlich große Veranstaltung wie jener Fintech-Summit in London. Dann müsste Väth auch nicht mehr so weit reisen.

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