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Studentenwohnungen : Hauptsache, es stinkt nicht und ist sauber

Kompaktlösung: Eng darf die Studentenbude sein - solange der Preis stimmt Bild: Lisowski, Philip

Kurz vor Beginn des Wintersemesters suchen viele Studenten immer noch ein Zimmer - und schrauben ihre Ansprüche herunter.

          3 Min.

          Richard Bertram hat viel versucht. Als er Mitte August die Zulassung von der Universität Frankfurt bekam, fing er sofort an, nach einer Wohnung zu suchen. Er klickte sich durch Anzeigen im Internet, rief Vermieter an, kam viermal nach Frankfurt, um Wohnungen zu besichtigen. Viereinhalb bis fünf Stunden war er dafür jedes Mal mit der Regionalbahn unterwegs, einmal ist er von seinem Dorf in der Nähe von Münster aus auch getrampt, „des Geldes wegen“. Erst kurz vor Beginn des Wintersemesters hat er ein Zimmer gefunden.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          “Die Suche war frustrierend“, sagt der Einundzwanzigjährige, der in Frankfurt Politik und Soziologie studieren wird. Rund 20 Wohnungen hat er sich angeschaut, „darunter auch einige richtige Löcher“. An einem Haus war die Tür aufgebrochen, es roch unangenehm, und als er die Schranktür öffnen wollte, hatte er den Knopf in der Hand, wie er erzählt. Bei einigen Terminen war das Zimmer schon vergeben, als er zur vereinbarten Zeit da war, bei anderen rechnete er sich Chancen aus und bekam dann doch eine Absage. Von dem Zettel, den er am Schwarzen Brett auf dem Campus Bockenheim aufhängte, hat niemand seine Telefonnummer abgerissen.

          1200 Namen auf der Warteliste

          Ähnliche Erfahrungen wie Richard Bertram machen viele Studienanfänger, die neu nach Frankfurt kommen. Denn das Angebot an günstigen Wohnungen für die mehr als 53 000 Studenten der Goethe-Universität, der Fachhochschule Frankfurt und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ist knapp, die Nachfrage groß. „Auch in diesem Jahr erleben wir kurz vor Beginn des neuen Semesters wieder den üblichen Ansturm“, sagt Katrin Wenzel, Sprecherin des Studentenwerks. 3615 Wohnheimplätze gibt es in Frankfurt insgesamt, 1850 davon stellt das Studentenwerk mit seinen 17 Häusern. Nur etwa 340 Plätze werden jedoch zum neuen Semester frei - schon seit Anfang September berücksichtigt das Studentenwerk wegen des großen Andrangs keine neuen Anträge mehr. Auf der Warteliste stehen zurzeit 1200 Namen.

          Als Lea Jansen (Name geändert) ein Ein-Zimmer-Apartement in einem Wohnheim in Bockenheim angeboten wurde, sagte sie deshalb sofort zu - ohne es vorher gesehen zu haben. „Ich war froh, überhaupt was zu bekommen. Da habe ich nicht lange überlegt“, sagt die Neunzehnjährige. Sie hat sich schon im Juni um einen Platz im Wohnheim beworben, noch bevor sie eine Zulassung für ihre beiden Fächer hatte, Japanologie und Jura. Zusätzlich hat sie auf dem freien Wohnungsmarkt nach einem Zimmer gesucht, etwa 50 E-Mails geschrieben und nur wenige Antworten bekommen. „Für die meisten Wohnungen gibt es so viele Bewerber, da hat man kaum eine Chance.“

          Niedrige Erwartungen

          An einem sonnigen Septembertag schließt sie zum ersten Mal ihre Wohnungstür im zweiten Stock auf, die Isomatte für die erste Nacht auf den Rücken geschnallt, den Schlafsack in der Hand. Zielsicher geht sie über den grauen PVC-Boden durch das Zimmer, öffnet die Tür von Kühlschrank und Gefrierfach, freut sich über die zweite Herdplatte, mit der sie nicht gerechnet hatte, und wirft schnell noch einen Blick in das weiß geflieste Badezimmer. „Gott sei Dank, es stinkt nicht und es ist sauber“, sagt sie schließlich. Ihre Erwartungen an ihr neues Zuhause waren niedrig, aber der Preis hat sie überzeugt. 313 Euro warm zahlt Jansen im Monat, bis zur Uni sind es 500 Meter.

          Das Studentenwerk würde gerne noch mehr solcher Plätze anbieten. Den größten Ansturm bei der Wohnungssuche erwartet es für das Jahr 2013, weil dann in Hessen der größte Teil der ersten G8-Schüler Abitur mache. „Danach wird der Andrang weiter groß sein“, sagt Sprecherin Wenzel. An der Hansaallee soll deshalb nach dem Abriss des ehemaligen Hauptzollamtes bis 2014 ein Wohnheim mit 400 Plätzen entstehen. Das Studentenwerk denkt zusätzlich darüber nach, weitere Gebäude in Wohnheime umzuwandeln. Um kurzfristig Wohnungen zu vermitteln, hat es zudem zum dritten Mal die Initiative „Wohnraum für Studierende“ gestartet. Gemeinsam mit den Hochschulen aus Frankfurt und Wiesbaden und deren Studierendenvertretungen ruft das Studentenwerk dazu auf, günstige Wohnungen zur Verfügung zu stellen. 500 Hausbesitzer und Vermieter sind im vergangenen Jahr dem Aufruf gefolgt und haben auf der Internetseite www.wohnraum-gesucht.de Angebote eingestellt. In diesem Jahr sind es bisher rund 100 Anzeigen. „Wir hoffen, dass es noch mehr werden“, sagt Wenzel.

          „Mindestens 30 Leute angeschrieben“

          Viel Zeit, um eine Wohnung zu finden, bleibt den Studenten nicht mehr. Am 15. Oktober fangen die Vorlesungen an, in der nächsten Woche beginnt die Orientierungsphase für Erstsemester. Daran wird auch Jana Harder (Name geändert) teilnehmen. Sie ist 19 Jahre alt, kommt aus Mannheim und wird in Frankfurt Zahnmedizin studieren. Mehrere Wochen hat sie nach einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft gesucht, hat „mindestens 30 Leute angeschrieben“ und nur eine Antwort bekommen: eine Absage. Auch Zimmer, die mehr Miete kosteten, als sie eigentlich für 10 bis 17 Quadratmeter ausgeben wollte oder die weiter vom Campus in Niederrad entfernt liegen, bekam sie nicht. Ihren Wunsch, in einer WG zu leben, hat sie inzwischen aufgegeben, gerade hat sie den Mietvertrag für eine Einzimmerwohnung unterschrieben.

          Auch Richard Bertram hat seine Ansprüche an die erste eigene Wohnung heruntergeschraubt. In seinem Ein-Zimmer-Apartment in Heddernheim, 20 Quadratmeter, Dachgeschoss, gibt es kein Badezimmer - Dusche und Toilette teilt er sich mit einem anderen Studenten und den Mitarbeitern eines kleines Büros, das auf dem gleichen Flur liegt. Gezögert hat er trotzdem nicht, denn mit U-Bahn und S-Bahn ist er schnell am Campus Bockenheim. So war er der erste, der nach der Besichtigung am Wochenende gleich am Montagmorgen die Vermieterin anrief - und bekam den Zuschlag, wie er berichtet: „Man muss auch mal Glück haben.“

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