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Studentenwerk Darmstadt : Zwei Biorinder für die Mensa

Vorläufer: Schon im Jahr 2008 hat es in der Darmstädter Mensa an einem Tag der Woche ein Bio-Gericht gegeben. Bild: Frank Röth

1,9 Millionen Gerichte pro Jahr werden in den Mensen des Studierendenwerks Darmstadt ausgegeben. Gute Lebensmittel in dieser Menge zu finden, ist schwer. Die Darmstädter wollen zeigen, wie es geht.

          3 Min.

          Volker Rettig ist als Leiter der Hochschulgastronomie ein Großeinkäufer. Über die vier Mensen des Studierendenwerks werden während des Semesters täglich rund 10.000 Menüs ausgegeben, das summiert sich auf 1,9 Millionen Gerichte im Jahr. Dafür brauchen Rettig und seine Mannschaft allein 2300 Tonnen Lebensmittel, gerne auch biologisch hochwertige. Das Biosegment aller Warengruppen liegt inzwischen bei knapp 20 Prozent, Tendenz steigend. Gute Lebensmittel auf den Tisch zu bringen bleibt allerdings aus verschiedenen Gründen weiter ein anspruchsvolles Unterfangen. „Bio“ ist teuer, Studentenessen sollen aber preiswert sein. Außerdem ist das Angebot biologischer Lebensmittel begrenzt, insbesondere wenn sie aus der Region kommen sollen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Kein Wunder also, dass sich Rettig erfreut zeigte über eine Kooperation mit der Ökolandbau-Modellregion Südhessen, konkret mit einem Schlachter im Odenwald, der der Darmstädter Hochschulgastronomie für zwei Aktionswochen vom 4. bis 13. Mai das Fleisch von zwei Biorindern liefert, die er in dem biozertifizierten Schlachthof in Brensbach schlachten und für die Küchen des Studentenwerks zerlegen wird. Die beiden Rinder werden für 5600 Portionen Braten, Eintopf oder Gulasch reichen.

          Was für die mehr als 40.000 Studenten ein besonderes Angebot bedeutet, stellt für die Modellregion ein „Leuchtturmprojekt in der Gemeinschaftsverpflegung“ dar, wie die Projektkoordinatoren der Modellregion, Alexandra Hilzinger und Robert von Klitzing, sagten. Denn zu der größten Herausforderung gehöre, den Bauern und Landwirten im Umland von Darmstadt einen verlässlichen Markt zu erschließen. Andernfalls werde die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft schwierig.

          Lebensmittel aus Biobetrieben schwer zu bekommen

          Beim Rindvieh ist die Situation in der vor gut einem Jahr ausgerufenen Ökoregion noch vergleichsweise gut. „Im Odenwald haben wir durch die Mittelgebirgslage traditionell viel Rinderhaltung und in Brensbach einen biozertifizierten Schlachthof, was mittlerweile eine Seltenheit ist, weshalb man ihn unbedingt erhalten und weiter entwickeln sollte“, sagte von Klitzing. Bei Schweinen sieht es hingegen anders aus, die werden rund um Darmstadt kaum von Biobauern gezüchtet.

          Auch andere Lebensmittel aus zertifizierten Biobetrieben sind schwer zu bekommen. Rettig braucht zum Beispiel rund 200.000 Eier im Jahr, die ihm regional aber niemand liefern kann. Von seinem großen Kartoffelbedarf deckt der Sonnenhof in Nieder-Ramstadt, ein integrativer Betrieb, nur 100 Tonnen. Auch beim Gemüse sei noch „viel Luft nach oben“.

          Hier jedoch liegt eine weitere Herausforderung für die Modellregion, wie von Klitzing erläutert. „Was uns für die Zukunft als Puzzleteil fehlt, sind weitere Verarbeitungskapazitäten, insbesondere für Gemüseerzeugnisse.“ Großkantinen wie die des Studentenwerks brauchen den Salat, die Gurken oder Rüben nicht frisch vom Acker, sondern geschält, geschnitten, portioniert und fertig verpackt – alles auf hohem hygienischem Standard. Wie das gehen kann, versucht man im Büro der Ökomodellregion im Landratsamt Darmstadt-Dieburg im Austausch mit Praktikern herauszufinden.

          Bioanteil weiter steigern

          Für das Projekt einer regionalen Lebensmittelversorgung ist die jetzt probeweise begonnene Rindfleisch-Kooperation ein „Best Practice-Beispiel“ aus verschiedenen Gründen. Das Studentenwerk ist zum Beispiel bereit, die Qualität des Mensaessens zu steigern und dabei den Preis für die Studenten erträglich zu halten. Wie die Geschäftsführerin des Studierendenwerks, Ulrike Laux, erläuterte, ist das möglich, da das Land einen Essenszuschuss von 13 Cent je Euro gewährt und das Studentenwerk am Jahresende das Restdefizit ausgleicht. Was nicht bedeutet, dass alle Preise auf Dauer stabil bleiben. Das Schälchen Biokartoffeln als Beilage kostet zum Beispiel statt 50 nun 70 Cent. „Bei solchen Preisanpassungen hat es aber bisher zu keinen kritischen Anfragen von Studenten geführt. Wie spüren, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden“, sagt Rettig. Deswegen soll die Richtung beibehalten werden. Beabsichtigt ist, den Bioanteil weiter zu steigern sowie den Absatz von Menüs ohne Fleisch. Schon seit 2015 finden die Studenten jeden Tag ein vegetarisches oder veganes Gericht auf der Speisekarte und inzwischen auch die ganze Woche über ein „Vital-Menü“. Der Insektenburger, der vor einiger Zeit probeweise angeboten wurde, erwies sich als Renner, weshalb der Klops aus Mehl von Buffalo-Insekten am 28. Februar abermals in die Kantine kommt. Nächste kulinarische Innovation wird das Biogericht des Tages, bei dem alle Zutaten aus biologischem Anbau stammen.

          Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) hatte die Modellregion Südhessen 2019 zunächst für zwei Jahre ausgerufen. Regulär ginge das Projekt zur Förderung des Ökolandbaus also 2021 zu Ende. Wie Hilzinger sagte, gibt es aber Signale aus dem Ministerium für eine Verlängerung. „Wir haben die sehr sichere Aussicht, dass wir bis 2024 verlängern können.“ Das würde es auch erlauben, den Landkreis Bergstraße in die Modellregion zu integrieren.

          Von Klitzing wiederum hofft, demnächst einen weiteren „Leuchtturm“ vorstellen zu können. „Wir haben mittlerweile das Angebot eines Unternehmens, die Mehrkosten für Bioprodukte in der Kantine zu übernehmen, so dass der Essenspreis für die Mitarbeiter stabil bleibt.“ Solche Vorbilder könnten in einer dichtbesiedelten Region wie Südhessen ein Schlüssel für „mehr Bio“ sein. Womöglich taugt ebenfalls Darmstadts städtischer Eigenbetrieb EAD als Vorbild. Er will mehr Bioprodukte in der Schulverpflegung anbieten. Mit ihm sind die Ökomanager ebenfalls im Gespräch.

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