https://www.faz.net/-gzg-7bhar

Studentenverbindungen : Neben Luxus gibt es auch Pflichten

  • Aktualisiert am

Farbig: Studenten einer Burschenschaft. Bild: dpa

Manche von ihnen haben einen zweifelhaften Ruf, fast alle locken mit luxuriösen Wohnungen: Studentenverbindungen sind beliebt. Ein Blick hinter die Wohnungstüren.

          2 Min.

          Das Angebot klingt verführerisch: „Die Studentenverbindung Corps Hassia Gießen zu Mainz bietet 200 Jahre Tradition, eine schöne Altbauvilla mit Sommerpool, Grill, Internet sowie Telefonflat und natürlich einem Zimmer für dich!“ Kostenpunkt: gerade einmal 210 Euro im Monat. Unzählige solcher Angebote finden verzweifelte Erstsemester an den Schwarzen Brettern der Unis. Doch welche Konsequenzen bringen diese Angebote neben Vorteilen wie günstiger Miete und toller Ausstattung eigentlich mit sich? Wer einer Verbindung beitritt, bleibt ihr oft ein Leben lang treu.

          Nach dem Studium tragen die älteren Mitglieder durch ihre Beiträge wesentlich zur Finanzierung der Verbindung bei. Das ermöglicht studentischen Mitgliedern günstige Zimmerpreise und Häuser mit toller Ausstattung. Natürlich könne man aus einer Verbindung auch wieder austreten, sagt der Sprecher des Cartellverbands der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV), Wolfgang Braun. „Das Ideal ist aber, dass man dabeibleibt und seine Erfahrungen an die Jüngeren weitergibt.“ Die Gießener Politikprofessorin Alexandra Kurth, die sich intensiv mit den Verbindungen befasst hat, spricht von einer „hohen psychologischen Hürde“ beim Ausstieg. Schließlich sei zu Beginn ein Eid geleistet worden. „Studentenverbindungen sind aus politikwissenschaftlicher Sicht zunächst einmal Interessenorganisationen.“ Dabei müsse aber strikt zwischen den vielen Verbindungsarten unterschieden werden. Allzu häufig würden ganz unterschiedliche Verbindungen über einen Kamm geschoren.

          Bei vielen wird gefochten

          Vorwürfe wie Nähe zu rechtsextremem Gedankengut träfen vor allem Burschenschaften. Ende Mai diskutierten die Mitglieder der Deutschen Burschenschaft (DB) - dem Dachverband der einzelnen Burschenschaften - einmal mehr über die Einführung eines „Arierparagrafen“. Mitglied könnte demnach nur noch werden, wer „deutscher Abstammung“ ist. Die Bundesregierung hält die DB aber nach wie vor nicht für verfassungsfeindlich. Das erklärte das Innenministerium kürzlich in einem Schreiben an die Linksfraktion im Bundestag.

          Wichtiger Unterschied zwischen den Verbindungsarten wie Corps, Landsmannschaften, Burschenschaften oder christlichen Verbindungen: das Fechten. Burschenschaften sind beispielsweise pflichtschlagend, katholische Verbindungen fechten nicht. „Unter der Woche trainieren wir täglich eine Stunde“, sagt Sebastian Noll von der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz. Um Vollmitglied zu werden, müssten die Fux genannten Anwärter zwei Fechtkämpfe, die Mensur, erfolgreich absolvieren. Dabei fechten stets zwei Männer aus unterschiedlichen Verbindungen miteinander. Johannes Diegelmann vom Corps Marchia Brünn zu Trier sagt: „Die Mensur ist eine gewisse Mutprobe, die zeigen soll, dass man hinter der Verbindung steht.“ Expertin Kurth bezeichnet das Fechten hingegen als Männlichkeitsritual. Wer dabei nicht aufpasst, trägt einen „Schmiss“ davon, die typische Verletzung vieler Verbindungsmitglieder.

          „Kommen aus einer anderen Zeit“

          „Das Mensur-Schlagen ist ein Erziehungsmittel, es geht nicht um den sportlichen Wettkampf“, sagt Kurth. Andere Verbindungen sind weniger brachial. „Wir sehen unsere Aufgabe vor allem darin, jungen Menschen mit unserer Erfahrung im Studium zu helfen“, sagt CV-Sprecher Braun. Zudem könne eine Verbindung den neuen Studenten Halt und Orientierung geben. Diese Geborgenheit steht meist nur Männern offen. Braun, Noll und Diegelmann bezeichnen Frauen unisono als „gern gesehene Gäste“. Mitglied werden können sie nicht. „Das hat nichts mit der Ablehnung von Frauen generell zu tun“, beteuert Diegelmann. Zwar gibt es auch gemischte Verbindungen und reine Damenverbindungen. „Es sind aber nur wenige“, sagt Kurth.

          Beim Allgemeinen Studierendenausschuss der Uni Mainz stößt die Abgrenzung der Verbindungen auf Ablehnung. „Im 21. Jahrhundert ist es mit unseren Werten nicht vereinbar, dass ganze Gruppen ausgeschlossen werden“, erklärt Christian Bohne vom Mainzer Studentenausschuss. Seine Kritik richtet er vor allem gegen die Burschenschaften. „Sie kommen aus einer anderen Zeit, wir halten sie deshalb für überflüssig.“

          Weitere Themen

          Deutsch-jüdische Geschichte anders erzählt

          Comic : Deutsch-jüdische Geschichte anders erzählt

          „Nächstes Jahr in“ versammelt elf herausragende Comics und viele Informationen zu Stationen jüdischen Lebens in Deutschland. Dabei kann man viele unbekanntere Geschichten jüdischen Lebens kennenlernen.

          Am Ende des „Friedensmarschs“ bleibt nur Wut

          „Querdenker“-Protest : Am Ende des „Friedensmarschs“ bleibt nur Wut

          Mit einer „Großdemo“ will das sogenannte Querdenker-Lager durch Frankfurt ziehen. Doch die Polizei bereitet dem Protest ein schnelles Ende. Demonstranten reagieren mit blanker Wut. Und kündigen gleich die nächste Kundgebung an.

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
                        Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

          Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

          Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.