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Studentenbuden in Rhein-Main : "Das Bett kann hochgeklappt werden"

  • -Aktualisiert am

Mit Signalfarbe: Wohnungsgesuch an einem Schwarzen Brett in Mainz Bild: dapd

Viele Studenten in Frankfurt haben noch kein WG-Zimmer. Die Suche in der Stadt und im Umland ist zwar mühsam, aber nicht immer erfolglos. 300 Euro für 15 Quadratmeter sind nicht unüblich.

          Vor einem siebenstöckigen, mit Graffiti beschmierten und von Gestrüpp dicht bewachsenen Haus in der Frankfurter Innenstadt wartet freundlich lächelnd ein älterer Herr. Er bietet dem Studenten, der eine Wohnung sucht, vierzehn Quadratmeter, noch dazu möbliert. Zwar bewirbt der Vermieter eine "reine Zweck-WG", womöglich fehlende Geselligkeit werde jedoch von der "nagelneuen" Ausstattung mehr als aufgewogen, heißt es. Fünf Berufstätige, die offenbar gerne feiern, leben in der Wohnung. Schon im Flur stapeln sich Dutzende Bierflaschen, halbvolle Pizzakartons im Wohnzimmer komplettieren das gewöhnungsbedürftige Bild. Obwohl der Vermieter einem Einzug sofort zustimmt, ist die Entscheidung für weitere Besichtigungen längst gefallen. Und die erste Erkenntnis ist gewonnen: In einer typisch studentischen WG wohnen nicht unbedingt Studenten.

          Die Universität muss von einer Studentenwohnung mit Bus und Bahn gut erreichbar sein - nicht mehr als 400 Euro sollte die Bleibe kosten. Angesichts der Wohnungsnot zum Semesterbeginn ist eine Suche außerhalb des Stadtgebiets sinnvoll. Ein Blick in die bekannten Internetportale stimmt zunächst hoffnungsvoll. Zum Beispiel ist in Offenbach und im Umkreis von Hanau noch allerhand frei. Einziges Hindernis: Ist keine Telefonnummer angegeben, erhoffen sich Suchende oft vergeblich eine Reaktion auf ihre Anfrage. Gerade Männer haben schlechte Karten, denn für etliche Zimmer wird ausdrücklich eine Frau gesucht. Allein in Offenbach fällt durch diese Vorgabe die Hälfte aller Angebote weg. In der Stadt und im Umland gibt es hingegen viele für Studenten bezahlbare sogenannte Singlewohnungen. Allerdings verlangen Makler dafür meist eine Provision in Höhe der 2,38-fachen Monatsmiete - hinzu kommt eine ähnliche Summe als Kaution. Schnell sind mehr als 1500 Euro Startinvestition ausgegeben.

          Schwuler sucht Mitbewohner

          Teilweise finden sich skurrile Angebote. In Bruchköbel verspricht jemand ein möbliertes Acht-Quadratmeter-Zimmer für 200 Euro warm. Wer dabei Platzangst bekommt, wird vom Vermieter beruhigt: "Das Bett kann hochgeklappt werden." In einer Anzeige aus Offenbach ist zu lesen, dass ein homosexueller Mann eine Zweier-WG gründen möchte. Er suche ausschließlich Männer und könne nur E-Mail-Bewerbungen mit Foto akzeptieren - um die Suche nach einem Partner geht es ihm angeblich nicht.

          Findige Geschäftsleute profitieren umso mehr von der studentischen Wohnungsnot. So etwa ein junger Marokkaner, dessen Augen zu glänzen beginnen, als er auf sein Inserat angesprochen wird. Ein "extrem lukratives Geschäft" sei die tageweise Vermietung von Zimmern. In Frankfurt-Bornheim bietet er zwei Unterkünfte für maximal eine Woche. Seine Begründung für die kurze Verweildauer klingt zynisch: Neuankömmlinge lebten sich zu sehr ein, wenn sie länger bei ihm wohnten. Nach sieben Tagen hätte man schon 140 Euro gezahlt - für ein winziges Zimmer, kaum größer als zehn Quadratmeter, ein stolzer Wochenpreis. Und die Suche müsste ohnehin weitergehen.

          300 Euro für Dachgeschoss-Bleibe

          Mehr Platz bekommt man in Hanau: Fünfzehn Quadratmeter im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses kosten hier 300 Euro. Wer einzieht, teilt sich die Wohnung mit drei Mitbewohnern. An einem familiären WG-Leben liegt ihnen nichts. Während der Besichtigung kommt ein Bewohner aus seinem Zimmer erst gar nicht heraus. "Wir hatten heute schon zwei Interessenten zu Gast", versucht der Vermieter das Verhalten zu rechtfertigen. Einen weiteren Besucher kennenzulernen ist offensichtlich kaum zumutbar. Die Wohnung scheidet deshalb aus.

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