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Geld und gute Gespräche

Von CAROLINE BECKER

23. April 2020 · Spitzennoten schaden nicht, aber wer ein Stipendium will, sollte noch andere Vorzüge mitbringen. Fünf Stipendiaten berichten, wie sie ausgewählt wurden und was sie von der Förderung haben.


JANIS HECKER
Heinrich-Böll-Stiftung

Grüne Ideale willkommen

Janis Hecker ist Mitglied der Grünen, Stipendiat der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung – und Student einer Wirtschaftshochschule. Dass er an der Frankfurt School of Finance and Management „weltanschaulich ein Exot“ sein werde, „das habe ich mir schon gedacht, aber ich hatte schon immer Spaß am Debattieren“. Auch deshalb studiert er außer Management, Philosophy and Economics an der privaten Hochschule obendrein Philosophie an der Goethe-Universität. „Ich wollte Menschen finden, die ähnlich denken, und eine ideelle Förderung.“

Eine prägende Erfahrung war sein privat finanziertes Highschool-Jahr in den Vereinigten Staaten, wie der Zweiundzwanzigjährige schildert. „Meine Gastfamilie in Amerika war ehrenamtlich sehr engagiert, und das hat mich nachhaltig beeindruckt“, sagt Hecker. Wieder zu Hause, begann er damit, einmal in der Woche Flüchtlingen Deutsch beizubringen, um „ein bisschen was von den Privilegien zurückzugeben“.

Sein Abitur bestand er 2017 mit der Note 1,1, weshalb ihn seine Direktorin für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorschlug. Er bewarb sich, erhielt nach einer Auswahltagung im März 2018 jedoch eine Absage. „Da ist man natürlich erst mal enttäuscht“, sagt Hecker. Am Ende seines zweiten Semesters bewarb er sich dann bei der Heinrich-Böll-Stiftung. „Man muss kein Parteimitglied sein, aber man sollte schon weltoffen und europäisch sein.“

Für die Bewerbung habe er ein langes Formular mit Essay-Fragen ausfüllen, ein Ehrenamt nachweisen und ein Empfehlungsschreiben einreichen müssen. Darauf folgte ein Gespräch mit einem Vertrauensdozenten der Stiftung in Frankfurt. Schließlich wurde er noch zu einem Auswahlworkshop in Berlin eingeladen. Dort musste er in Gruppendiskussionen zu politischen Themen und einem weiteren Interview überzeugen. Er erhielt eine Zusage und bekommt seitdem eine monatliche Studienkostenpauschale von 300 Euro. Je nach Gehalt der Eltern können monatlich bis zu 744 Euro dazukommen.

Hecker ist verpflichtet, jährlich mindestens zwei Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung und zwei Initiativtreffen zu besuchen, die von Stipendiaten organisiert werden. Dabei habe er viele Anregungen mitgenommen, sagt er. „Ohne das Stipendium hätte ich nicht die Möglichkeit, so viele Menschen mit unterschiedlichen Studienrichtungen kennenzulernen, die sich mit grünen Idealen identifizieren.“


ANNA-BENITA SCHMIDT
Stiftung der Deutschen Wirtschaft

Zu Besuch bei Skychefs

Die 21Jahre alte Anna-Benita Schmidt studiert International Management an der Frankfurt School of Finance and Management. Die Gebühren sind hoch, was für sie bedeutete: „Entweder privat studieren oder ausziehen.“ Die kleineren Gruppen, die engen Kontakte zu Professoren und Unternehmen schätze sie an der Frankfurt School jedoch sehr. „Ich glaube, das ist es einfach wert“, sagt Schmidt und pendelt seitdem zwei Stunden am Tag.

Von Kommilitonen erfuhr sie von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und beschloss im April 2018, sich zu bewerben. Von angehenden Stipendiaten werden Noten im oberen Drittel des Leistungsspiegels, ehrenamtliches Engagement, Zielstrebigkeit, Allgemeinwissen, soziale Kompetenz und vernetztes Denken verlangt. Schmidt hatte ihr Abitur 2016 mit 1,3 abgeschlossen, und ehrenamtliches Engagement konnte sie auch vorweisen. „Ich war lange Klassensprecherin und ein Jahr lang Schulsprecherin, trainiere eine Jugendturnmannschaft und war fünf Jahre lang Sprecherin der Jugend meiner Stadt.“

Für die Bewerbung musste sie noch ein Motivationsschreiben und ein Empfehlungsschreiben eines Professors hochladen. „Dann wurde ich im Juni zu einem Interview eingeladen, wo Allgemeinwissen und soziale Kompetenzen erfragt wurden“, sagt Schmidt. „Ich musste zum Beispiel fünf Themen nennen, die aktuell diskutiert werden.“ Schließlich wurde sie zu einer Auswahltagung eingeladen. Sie musste sich an einer Gruppendiskussion zum Thema „Drohnen als Waffen“ beteiligen, hielt eine fünfminütige Präsentation zu einem Thema, das ihr dort zugeteilt wurde, und wurde noch einmal interviewt. Die Zusage kam eine Woche später per Post.

Monatlich erhält sie nun eine Studienkostenpauschale von 300 Euro. Je nach Einkommen der Eltern können bis zu 744 Euro dazukommen. Doch das Stipendium bietet nicht nur finanzielle Unterstützung. „Einmal pro Monat gibt es Gruppentreffen. Da haben wir schon das Unternehmen Skychefs besucht oder waren zusammen 3D-Minigolf spielen.“ Pro Jahr solle man auch an einem bis zwei Workshops teilnehmen. „Ohne das Stipendium würden mir neue Perspektiven fehlen.“


MARIE FUCHS
Konrad-Adenauer-Stiftung und Studienstiftung des deutschen Volkes

Auch ideell gefördert

Marie Fuchs hat gleich zwei Stipendien. Sie war Klassensprecherin, engagierte sich ehrenamtlich in der Kirche und nahm während der Osterferien an Freiwilligenprojekten in Spanien und Panama teil. Schon zwei Jahre vor ihrem Abitur bewarb sich Fuchs an der Frankfurt School of Finance and Management und der KfW-Bankengruppe für ein duales BWL-Studium. „Ich wusste, dass ich unbedingt Entwicklungszusammenarbeit machen wollte, und da hat man nicht viel Auswahl“, sagt die 22 Jahre alte Studentin.

Nach dem Abitur 2017 bewarb sie sich bei der Konrad-Adenauer-Stiftung für ein Stipendium. Dazu musste sie online einen ausformulierten Lebenslauf einreichen und einen Fragebogen ausfüllen. Zusätzlich benötigte sie noch ein fachliches und ein persönliches Gutachten.

Ihr Abitur bestand sie mit einem Schnitt von 1,1, weshalb ihre Schulrektorin sie der Studienstiftung des deutschen Volkes vorschlug. Fuchs musste nur noch einen Lebenslauf einreichen, und sie wurde in ihrem ersten Semester zu einer Auswahltagung eingeladen. Dort hatte sie zwei Interviews, hielt einen kurzen Vortrag und nahm an Gruppendiskussionen teil.

Zu Beginn ihres zweiten Semesters lud auch die Adenauer-Stiftung sie zu einer Auswahltagung ein. Während das Auswahlverfahren der Studienstiftung vor allem auf Persönlichkeit und Motivation abgezielt habe, sei es bei der Adenauer-Stiftung mehr um das Abfragen von Wissen gegangen.

Da sie zuerst von der Studienstiftung eine Zusage erhielt, nahm sie deren Stipendium an. Ein Jahr lang wurde Fuchs gefördert – sowohl finanziell mit 300 Euro im Monat als auch ideell. „Bei der Studienstiftung gibt es kein Pflichtprogramm, aber wenn man will, dann kann man so viel da rausziehen.“ Es gebe stark bezuschusste Sprachkurse im Ausland, von Stipendiaten organisierte Initiativseminare und Hochschulgruppen, die sich regelmäßig träfen. „Diese sozialen Events nehme ich super gerne wahr“, sagt Fuchs. „Ich weiß die stundenlangen Diskussionen mit Leuten aus allen Fachrichtungen sehr zu schätzen. Das inspiriert mich, mich selbst ständig weiterzubilden.“

Kurz nach ihrer Entscheidung für die Studienstiftung erhielt Fuchs auch die Zusage der Adenauer-Stiftung. „Eigentlich kann man aber nicht zwei Stipendien gleichzeitig bekommen.“ Daher wechselte sie im Herbst 2018 zur Adenauer-Stiftung, die sie ebenso mit 300 Euro monatlich unterstützte. Von der Studienstiftung wurde sie nur noch ideell gefördert. Die Adenauer-Stiftung habe ein Semesterprogramm, bei dem die Teilnahme Pflicht sei, sagt Fuchs. Fester Bestandteil dieses Stipendiums sind ein einwöchiges Grundlagenseminar sowie Aufbau- und Kompaktseminare zu verschiedenen gesellschaftspolitischen Themen. „Ohne die Stipendien wäre ich jetzt nicht die Person, die ich bin. Für mich bedeutet das Stipendium, dass ich Selbstvertrauen in meine eigenen Pläne bekommen habe – ich kann gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.“


KAI JULIAN KEMMLER
Evangelisches Studienwerk

Ein Gutachten vom Pfarrer

Beim Evangelischen Studienwerk gibt es keine erforderliche Mindestnote. Der Abischnitt ist hier nur eins von vielen Kriterien, weil die Studenten als Individuen gefördert werden sollen . Der 24 Jahre alte Kai Julian Kemmler hat seine Reifeprüfung 2016 mit einer guten Zweier-Note bestanden. Jetzt studiert er Jura an der Uni Frankfurt.

In seinem ersten Semester trat Kemmler der Jungen Union bei. „Die Uni politisiert ja schon extrem“, sagt er. „Man kommt gar nicht drum herum, sich eine Meinung zu bilden.“ Zum Ende seines zweiten Semesters bewarb sich Kemmler bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und beim Evangelischen Studienwerk für ein Stipendium. „Ich bin getauft und konfirmiert und der jungen Gemeinde treu geblieben“, sagt er.

Für seine Bewerbung beim Evangelischen Studienwerk musste Kemmler einen tabellarischen und einen ausformulierten Lebenslauf, ein fachliches und ein gesellschaftliches Gutachten einreichen. Die beiden Beurteilungen haben eine Lehrerin und sein Pfarrer für ihn geschrieben. Zudem musste er eine Reflexion des vergangenen Jahres verfassen. Im Dezember 2017 wurde er zu einem Vorauswahlgespräch des Studienwerks nach Berlin eingeladen und im Anschluss zu einem zweitägigen Auswahltreffen in Villigst, wo er an Diskussionsrunden teilnahm und ein weiteres Interview mit Repräsentanten der Stiftung hatte.

Innerhalb von zwei Wochen erhielt er die Zusage des Studienwerks. Fast gleichzeitig bekam er auch die Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer Auswahltagung, die er dann aber nicht mehr besuchte. Finanziell wird er monatlich mit einer Studienkostenpauschale von 300 Euro unterstützt. Je nach Gehalt der Eltern können bis zu 744 Euro dazukommen. „Ich muss nicht jedes Semester meine Noten einreichen, sondern Förderleistungen erbringen“ – zum Beispiel an Schulen über das Stipendium informieren oder zu Kirchentagen fahren. In Frankfurt gebe es zudem eine Hochschulgruppe, die sich regelmäßig treffe, und er könne sich für Seminare zu verschiedensten Themen bewerben. „Ohne das Stipendium hätte ich viele interessante Menschen nicht kennengelernt, mit denen ich jetzt befreundet bin.“


JULIANE KOSWIG
Deutschlandstipendium

Manche Firma lädt zum Essen ein

„Ich bewerbe mich halt mal und schaue, was dann dabei rauskommt“, ist das Motto von Juliane Koswig. Nach dem Abitur 2017 bewarb sie sich mit ihrem Schnitt von 1,2 unter anderem an der Uni Frankfurt für Politikwissenschaften. „Ich wollte von zu Hause wegziehen und in eine große Stadt“, sagt die Einundzwanzigjährige. Doch das kostet. „Es war mir gleich klar, dass ich mich auf ein Stipendium bewerbe, um meinen Umzug zu finanzieren.“

Durch eine E-Mail der Goethe-Universität wurde sie auf das Deutschlandstipendium aufmerksam. „Die anderen Stipendien sind immer an irgendwelche Institutionen und Parteien gebunden.“ Deutschlandstipendiaten bekommen monatlich 150 Euro von privaten Unterstützern, der Bund gibt nochmals 150 Euro dazu. „Wenn man Glück hat, dann lernt man seinen Förderer auch kennen“, sagt Koswig. Bei der Bewerbung habe sie angeben können, für welche Unternehmen sie sich interessiere. „Manche werden von ihren Firmen auch zweimal pro Jahr zum Essen eingeladen.“ Koswig selbst hatte nur E-Mail-Kontakt zu ihrem Finanzier.

„Der Bewerbungsprozess war recht einfach“, sagt die Studentin. Nach der Online-Registrierung musste sie Fragen zu ihrer Persönlichkeit beantworten und ihre Noten einschicken. In der ersten Studienwoche erhielt sie die Zusage. Auf der Vergabefeier stellten sich Projektgruppen vor, für die sich die Stipendiaten bewerben konnten. Koswig half bei der Organisation eines Diktatwettbewerbs.

„Im zweiten Förderjahr habe ich kein Projekt mehr gemacht, weil ich das zeitlich nicht mehr geschafft habe“, berichtet sie. Ein paarmal ging sie jedoch zu den für die Stipendiaten kostenlosen Konzerten, Diskussionsrunden oder Ausstellungen. „Man bekommt bei dem Stipendium schon viele Möglichkeiten, man muss sie nur einfach nutzen.“ Für das zweite Förderjahr – und somit die Höchstförderdauer – musste sich Koswig 2018 abermals bewerben. Inzwischen finanziert sie sich mit einem Werkstudentenjob. „Ich bin sehr dankbar, dass ich am Anfang meines Studiums nicht gleich arbeiten musste“, sagt sie rückblickend. „Ohne das Stipendium wäre mein Studienbeginn stressiger gewesen.“

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 22.04.2020 10:41 Uhr