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„Struwwelpeter“ : Bauz! Perdauz!

Minz und Maunz, die Katzen: Michael Quast und Sabine Fischermann in mimischer Aktion. Bild: Niko Neuwirth

Mit einem musiktheatralischen „Struwwelpeter“ wird die Volksbühne am Großen Hirschgraben eröffnet. Zur Premiere gibt sich die städtische Gesellschaft ein Stelldichein.

          3 Min.

          Nach der Premiere waren viele davon überzeugt, dass es der einzig mögliche Auftakt war. Auch wenn die Volksbühne schon im September vorigen Jahres mit Goethes „Reineke Fuchs“ eröffnet werden sollte und der „Struwwelpeter“, wie Theaterleiter Michael Quast vor der Vorstellung sagte, als „Sahnehäubchen“ auf der ersten Spielzeit seines nunmehr nach langen Irrflügen endlich im erneuerten Cantate-Saal mit sesshaft gewordenen Ensembles vorgesehen war. Aber die Baustelle wollte nicht weichen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          So begann die Saison jetzt verspätet mit dem gewissen Extra. Das allerdings so blendend zur Stadt passte, dass man sich einen anderen Anfang nach der Aufführung gar nicht mehr denken konnte. Eine Frankfurter Melange vom Feinsten. Gelegentlich so dissonant wie diese architektonisch zwischen Hochhäusern und der neuen Altstadt, mentalitätsmäßig zwischen Größenwahn und provinziellen Anwandlungen changierende Stadt. Mitunter so harmonisch, wie sich das Zusammenleben der Hessen und der vielen Zugewanderten dann doch immer wieder offenbart.

          Kritischer Kommentar zur schwarzen Pädagogik

          Die Heftigkeit der real existierenden urbanen Kontraste spiegelte sich gleichsam wider in einer Ästhetik der permanenten Übertreibung. Das 19. Jahrhundert und die Moderne überlagerten sich, das Althergebrachte und das Experimentelle, das hübsch in Verse Gebrachte und das Chaos der Gefühle, das von Heinrich Hoffmann durchaus ironisch betrachtete Familien-Idyll, das etwa am Tisch der Zappelphilipp-Familie im Wortsinn kippt, und die sadistischen Erziehungsmethoden des bürgerlichen Zeitalters.

          Dieser „Struwwelpeter“ mit dem allzeit exaltierten und sich selbst nur schwer zur Räson bringenden Erzähler und Darsteller Michael Quast, der umwerfend komischen Sabine Fischmann und dem Ensemble Modern, das für diesen Klangkörper erstaunlich viele ungewöhnliche Töne produzierte, hatte alles, was eine zeitgenössische populäre Dramatik der Frankfurter Art braucht. Da war nichts Tümliches, aber doch viel Heimatliches. Das war kein netter Bilderbogen, sondern ein mit makabrem Humor gewürzter kritischer Kommentar zur schwarzen Pädagogik ebenso wie eine lustvoll-kakophonische Deutung eines voller grausamer und kurioser Grotesken steckenden Werks.

          Wenn etwa Minz und Maunz, die Katzen, Paulinchens Tod beweinen, „und ihre Tränen fließen, wie’s Bächlein auf den Wiesen“, schwillt das in der Version von Volksbühne und Ensemble Modern zu einem Strom an, der nur noch mit Smetanas „Moldau“ musikalisch adäquat in Szene gesetzt werden kann. An anderer Stelle erklingt Ennio Morricones „Lied vom Tod“, schließlich reißt der böse Friederich den Fliegen die Flügel aus und schlägt sogar Vögel tot. Zwischen Lärm und Lautmalerei, Tonalität und Atonalität, anschwellendem Drohklang und nervöser Heiterkeit zieht das Ensemble Modern alle Register. Die Kompositionen von Uwe Dierksen, Christian Hommel und Hermann Kretschmar lassen das Drastische der zehn „Struwwelpeter“-Geschichten förmlich hören, und die Inszenierung von Co-Theaterchef Matthias Faltz bringt das Umstrittene des gar nicht harmlosen Bilderbuchs ins musiktheatralische Spiel. Da wird das Weihnachtsgeschenk, das vom Christkind gebracht wird, zur unverhohlenen Drohung. Ein plötzlich aus dem Nichts auftauchender Schneider mit Riesenschere, der die Daumen des Knaben abschneidet, nur weil er, nachdem die Mutter das Haus verlassen hatte, daran gelutscht hat, gehört schließlich zum Albtraum-Inventar der frühen „Struwwelpeter“-Lektüre.

          So hat man den „Struwwelpeter“ noch nie gesehen

          Einzig die Mundart kam zu kurz, obwohl der sonst heftigst deklamierende und ausufernd zeternde Prinzipal auch noch einen hessischen Satz unterbrachte, als er zwischendurch ruhig und sachlich vom Leben des Nervenarztes Heinrich Hoffmann erzählte. Sein Freundeskreis nannte sich „Tutti Frutti“, er selbst war dort als „Zwiebel“ bekannt, und wenn man sich traf, hieß das „Bad im Ganges“. Ein Kind von Traurigkeit war der Frankfurter Arzt offenbar nicht, in dessen Familie viel gereimt und gezeichnet wurde. Den „Struwwelpeter“ schrieb er, weil er für seinen drei Jahre jungen Sohn kein Buch fand, das er für geeignet hielt, um es ihm unter den Christbaum zu legen, und fertigte auch selbst die Illustrationen dafür an. Ausschnitte daraus mit charakteristischen Objekten wie Paulinchens Feuerzeug oder dem Schirm des fliegenden Robert oder auch den drei Fischen, die sich rasch verstecken, wenn Hanns Guck-in-die-Luft in den Fluss fällt, genügen, um Erinnerungen an frühkindliche Erfahrungen mit diesem Bilderbuch wachzurufen.

          Das Ensemble und Regieteam beim Schlussapplaus

          Zumindest hierzulande kennt es jeder, und die Persiflagen und Adaptionen gehen in die Dutzende. So spielen ikonische Details aus dem Werk eine tragende Rolle bei der visuellen Umsetzung des Stoffs auf der Bühne, aber auch die gestisch-mimische Aneignung der Figuren, die Quast und Fischmann leisten, sorgt für überraschende Wiedererkennungseffekte. Zu jeder Geschichte werden Rollbilder vom Schnürboden herabgelassen, und immer mehr comicsprachliche, aber in Hoffmanns Text enthaltene Ausrufe zieren die Bühne: Bauz! Perdauz! Miau! So hat man den „Struwwelpeter“ noch nie gesehen und schon gar nicht gehört. Obwohl alles ganz anders hätte sein sollen: ein gelungener Beginn.

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