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Stromtrasse Südlink : Das verbuddelte Ärgernis

  • -Aktualisiert am

Die Alternative für Deutschlands Energiehunger: Erdkabel statt Strommasten Bild: dpa

Der Windkraftstrom von der Küste zur Industrie im Süden soll nun unter der Erde fließen. Der Protest gegen den Südlink lässt aber auch in Hessen kaum nach.

          Im Sommer vorigen Jahres jubelten die Gegner des Südlinks, jener Hochspannungsgleichstromübertragungsleitung (HGÜ), die elektrische Energie quer durch Deutschland aus dem Norden Europas in den Süden bringen und vor allem Süddeutschland für die Zeit nach der Kernenergie mit Strom aus Wind- und Wasserkraft versorgen soll. Denn die Politik hatte dem Widerstand der Trassengegner nachgegeben und den Vorrang einer Freileitung zugunsten einer Erdverkabelung aufgegeben.

          Obwohl Überlandleitungen seit dem Beginn der Elektrifizierung zum Landschaftsbild gehören, hatten die Anwohner vielerorts, wo der Südlink vielleicht vorbeigeführt worden wäre, Anstoß daran genommen. Sie lehnten den Anblick der Masten ab, fürchteten den Wertverlust ihrer Häuser, Leukämie, Asthma und Schlaflosigkeit. Und die Zahl der potentiellen Gegner war allein schon wegen der Dimension des Vorhabens groß. Um die Freileitung zu planen und auf alle möglichen Einwände mit einer Ausweichroute reagieren zu können, war ein Korridor von 800 Kilometer Länge und 400 Kilometer Breite zu untersuchen. Er umfasste halb Deutschland.

          Politik nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“

          Vor allem im Süden hatte der Südlink teils rabiaten Widerstand hervorgerufen. Bei Bad Hersfeld errichteten Gegner einen Scheiterhaufen an der Autobahn 7, der nachts als ein loderndes Feuer die Größe der vermeintlichen „Monstertrasse“ veranschaulichen sollte, und in Fulda, berichtete ein Bürgermeister aus Württemberg, der sich vom möglichen Widerstand in seiner Gemeinde im Nachbarland schon einmal ein Bild machen wollte, seien sich die Gegner beinahe untereinander an die Gurgel gegangen. Denn durch die Diskussion um verschiedene Trassenvarianten hatten sich die Bewohner verschiedener Orte und Ortsteile in ihrer Wut aufgeschaukelt.

          Getreu der Lebensweisheit „Aus den Augen, aus dem Sinn“ beschloss der Bundestag am 3. Dezember 2015 den Vorrang von Erdkabeln bei HGÜ-Leitungen. Schließlich laufen auch keine Anwohner in Scharen Sturm gegen Gaspipelines, die das Land kreuz und quer durchziehen, weil diese unsichtbar unter den Wiesen liegen. Zudem hofften die Politiker, wenn die Leitung schon nicht mehr zu sehen sei, dann könnte sie möglichst in der Ideallinie zwischen Brunsbüttel und Brokdorf im Norden sowie Bergrheinfeld bei Schweinfurt und Leingarten bei Heilbronn im Süden verlegt werden, womit die Zahl der potentiellen Gegner sinken dürfte.

          Darüber aber, dass sie damit vermutlich das Ziel endgültig aufgegeben haben, den Südlink bis in die frühen zwanziger Jahre fertigzustellen, wenn im Süden die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen, verloren die Politiker kein Wort. Denn die Verlegung eines Erdkabels, sagt der in Planungsfragen und Umweltrecht bewanderte frühere hessische Verkehrsminister Dieter Posch (FDP), ähnele in der Planung dem Bau einer Autobahn. Und die Angst vor den Strahlen, vor elektrischen und magnetischen Feldern bleibt dem, der von einer solchen Gefahr überzeugt ist. Auch die Verlegung des Südlinks als Erdkabel wird also kein Spaziergang. Der Triumph der bisherigen Gegner einer Freileitung ist ein Pyrrhussieg. Er gründet am Ende auf der Niederlage künftiger Gegner, denn irgendwer wird Windräder und elektro-chemische Speicher, dicht mit Raps und Mais bepflanzte Energiefelder sowie Leitungen und andere Energieinfrastruktur in seiner Nachbarschaft ertragen müssen, solange in Deutschland Strom verbraucht werden wird.

          Bürger in Kassel sind gelassen

          Den langen Weg zur Energiewende vor Augen wollte es der Bundeswirtschaftsminister diesmal besser machen als beim ersten Anlauf. Er schuf den „Bürgerdialog Stromnetz“ mit zehn „Bürgerbüros“ entlang möglicher Trassen von Stade, Quakenbrück und Hannover im Norden, Krefeld im Westen, Magdeburg und Erfurt im Osten, Nürnberg und Regensburg im Süden sowie Kassel und Fulda in der Mitte. Hessen ist, beim Strom wie beim Verkehr, das Haupttransitland. Fulda, sagt der hessische Bürgerdialogpartner Tim Wiewiorra, sei als ein deutscher Hotspot des Widerstands gegen die bisherige Südlink-Planung gewählt worden, Kassel, mit der Universität, dem Fraunhofer-Institut für Energiesystemtechnik und den zahlreichen Unternehmen aus der Energiebranche als Hotspot des Wissens. An beiden Städten dürfte der Südlink, wenn er einer Ideallinie folgt, vorbeigehen.

          Obwohl in Kassel, neben einer bestehenden großen Wechselstromtrasse schon der Bau einer weiteren großen Wechselstromtrasse sicher ist und der Südlink obendrein hinzukommen könnte, nehmen die Bürger dies relativ gelassen hin. Hundert Kilometer weiter südlich im katholischen Fulda schlagen hingegen die Wellen hoch. Kaum hatte Wiewiorra in beiden Städten im vergangenen Herbst je ein Büro eröffnet, blieb es in Kassel eher ruhig, während in Fulda die Bürger in die Sprechstunden kamen und anriefen, „um ihre Betroffenheit“ zu beteuern. Auch ein Informationsabend am 18. Februar in Kassel verlief nach Wiewiorras Einschätzung „konstruktiv“. Die sechs Vertreter von Bürgerinitiativen schäumten nicht über vor Wut, sondern grenzten von sich aus die Themen ein, um das Gespräch zu strukturieren. „In Fulda wäre das anders gelaufen. Da ist die Stimmung aufgeladen“, sagt Wiewiorra. Er bietet nun je zweimal in der Woche Sprechstunden in beiden Städten an, holt Fachleute in seine Büros, die Rede und Antwort stehen sollen, und sagt über sich: „Ich bin der kurze Draht zu den Bürgern.“ Ihm, dem jungen Sozialwissenschaftler, sei bisher „mit Respekt begegnet“ worden: „Die Leute haben sich viel eigene Expertise erarbeitet, sind kritisch, aber sie sind auch froh, dass es mich gibt.“ Er wolle „unabhängige Infos zum Thema geben“. Ob ihm die Bürger glaubten? „Es wird besser.“

          Dauert der Bau des Südlinks länger, wird es teurer

          Damals, beim ersten Anlauf, den Südlink zu spannen, luden vor allem die Übertragungsnetzbetreiber zu Hunderten von Dialogen, Konferenzen und Aufklärungsveranstaltungen ein, um den Bürgern das Planungsverfahren zu erläutern. Doch es kamen meist nur jene, die sich unmittelbar betroffen fühlten, und zahlreiche Bürger lehnten die Netzbetreiber als interessengeleitet von vornherein ab. Ihnen war die Rolle dieser Unternehmen offenbar nicht klar. Die Netzbetreiber sind keine Abenteuerkapitalisten, und sie dürfen laut Gesetz den Stromerzeugern eben nicht gehören, sondern sie sind staatlich hochreguliert. Sie planen auf der Grundlage eines Gesetzes und unter der Aufsicht der Bundesnetzagentur. Ihre Netzentgelte sind staatlich administriert. Ihre Renditen sind degressiv und limitiert. Dennoch, sagt Tim Wiewiorra, waren sie dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Informationen seien „eingefärbt“. Auch in Kassel auf der jüngsten Veranstaltung lautete der Vorwurf wieder: „Die machen ihr Ding, wie es ihnen am besten passt.“

          Vor der Methodenkonferenz am 3. März in Bonn waren auch mehr Bürger mit Fragen zu Wiewiorra gekommen. Auf der Konferenz wollten Netzbetreiber und Bundesnetzagentur über grundsätzliche Fragen sprechen. Wie weit soll der erdverkabelte Südlink von der Ideallinie abweichen dürfen? Sollen Wälder von der Trasse, die elf, zwanzig oder mehr Meter breit sein wird, durchschnitten werden, oder soll die Trasse um die Bäume herumführen? Kann der Südlink mit Gasleitungen gebündelt werden? Ist die Freileitung als Ausnahme zu wählen, wenn sie mit einer vorhandenen Freileitung gebündelt werden kann, oder weil sie zwar zu sehen ist, aber letztlich mit viel geringeren Eingriffen in die Natur verbunden ist, als ein Erdkabel? Erst wenn diese und noch mehr Fragen geklärt sind, wird sich später ein möglicher Trassenverlauf herausbilden.

          Je länger es aber dauert, bis der Südlink gebaut ist, desto teurer wird es. Denn der Aufwand, die Engpässe im Netz in der Mitte Deutschlands durch das Abschalten von Kraftwerken und die Vernichtung von Strom im Norden sowie den Zukauf von Strom im Süden auszugleichen, kostete im vorigen Jahr vermutlich mehr als eine Milliarde Euro, die auf die Stromkunden umgelegt werden. Zudem könnten neue Leitungen, je später sie gebaut werden, überflüssig werden, denn die Investoren nutzen die Zwischenzeit für den Ausbau der Windkraft auch im Binnenland.

          Ein Umverteilungseffekt wie beim Länderfinanzausgleich

          Jede neue Windkraftanlage, die irgendwo ins Netz einspeist, verändert den Bedarf an neuen Transportkapazitäten. Der Kampf gegen den Südlink als Freileitung war insofern auch ein mehr oder minder verdeckt geführter Kampf zahlreicher Kommunal- und Landespolitiker für den Ausbau der Windkraft im Binnenland, denn es geht um viel Geld, bei dem bekanntlich jede Freundschaft endet.

          Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat nämlich einen Umverteilungseffekt ähnlich wie der Länderfinanzausgleich. Werden die Zu- und Abflüsse von Zahlungen nach dem EEG saldiert, waren die Stromkunden in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2014 mit 3,1 Milliarden Euro die größten Nettozahler, denn sie entrichteten als Verbraucher in der Summe mehr für regenerativ erzeugten Strom, als sie für dessen Erzeugung erhielten. Verlierer waren auch Baden-Württemberg (minus 1,567 Milliarden Euro) und Hessen (minus 1,152 Milliarden Euro), Hamburg (minus 623 Millionen Euro), Berlin (minus 567 Millionen Euro), Rheinland-Pfalz (minus 536 Millionen Euro), das Saarland (minus 355 Millionen Euro), Sachsen (minus 225 Millionen Euro), Bremen (minus 221 Millionen Euro) und Thüringen (minus 29 Millionen Euro). Die Bayern legten im Saldo nur 115 Millionen Euro drauf. In dem Freistaat gibt es wenige Windräder, aber es entstanden große Photovoltaikparks, als diese Form der teuren Energiegewinnung noch sehr hoch subventioniert wurde.

          Bedarf an Trassen ist weiter hoch

          Gewinner des EEG waren 2014 unter dem Strich Brandenburg (plus 838 Millionen Euro), Schleswig-Holstein (plus 675 Millionen Euro), Mecklenburg-Vorpommern (plus 562 Millionen Euro), Sachsen-Anhalt (plus 493 Millionen Euro) und Niedersachsen (plus 435 Millionen Euro). Mit jeder Windkraftanlage, die nun im Norden, in der Mitte und im Süden gebaut wird, ändert sich der Fluss der elektrischen und - wenn man so will - auch der bilanziellen Ströme.

          Ob das den Bedarf an Stromtrassen verändern wird, lässt Wiewiorra offen: „Wir gestatten uns, unsere Meinung zu ändern.“ Aber die Beweislage sei erdrückend, dass neue Trassen benötigt werden und dass sie effektiver seien als der Bau von Speichern, denn jede Speicherung und Entspeicherung ist mit einem Energieverlust verbunden.

          Nach einer Studie von Greenpeace würde bei einem progressiven Ausbau der erneuerbaren Energien, bei dem die EU, Norwegen und die Schweiz schon bis 2030 zwei Drittel ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen stillten, ein Drittel der neu geplanten Trassen eingespart, aber es würden immer noch 26.000 neue Trassenkilometer in Europa benötigt. Der Bedarf an Hochspannungsgleichstromübertragungsleitungen wie dem Südlink würde sich sogar vervielfachen.

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