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Pilotprojekt : Neues Ultranet verunsichert Bürger

  • -Aktualisiert am

Upgrade: Durch eine Leitung sollen künftig Gleichstrom und Wechselstrom fließen (Symbolbild) Bild: dpa

Hybridleitungen sollen auf bestehenden Strommasten montiert werden. Das Projekt „Ultranet“ des Netzbetreibers Amprion elektrisiert derzeit viele Bürger im Idsteiner Land.

          3 Min.

          Wenn die Energiewende gelingen soll, muss das Stromnetz erweitert und leistungsfähiger werden. Wo und wie neue Stromtrassen das Land durchziehen sollen, ist allerdings umstritten. Das Projekt „Ultranet“ des Netzbetreibers Amprion elektrisiert derzeit die Bürger im Idsteiner Land. Dort soll zwar keine neue Leitung gebaut werden, um nach Abschaltung der letzten Atomkraftwerke 2022 Windstrom von Nord nach Süd zu transportieren. Doch erstmals in Deutschland sollen auf einer schon bestehenden Leitung sowohl Wechselstrom als auch Gleichstrom durchgeleitet werden.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Ein Pilotprojekt, für das Amprion seine 340 Kilometer lange Freilandleitung zwischen Osterath in Nordrhein-Westfalen und Philippsburg in Baden-Württemberg ausgesucht hat. Der Projektleiter Oliver Cronau sprach auf einer Informationsveranstaltung in Niedernhausen von einem „bedeutenden Projekt der Energiewende“. Er sehe allenfalls überschaubare Auswirkungen auf die Gemeinde. Schon jetzt würden die rund 60 Meter hohen Masten nur teilweise genutzt, weil ein 220-Kilovolt-Stromkreis außer Betrieb sei.

          Über die Freileitung fließt daher aktuell nur der in Deutschland übliche 380-Kilovolt-Wechselstrom. Nun soll Gleichstrom hinzukommen, damit größere Mengen zuverlässig und ohne größere Verluste in beide Richtungen transportiert werden können. „Hybridleitung“ nennt sich das in Deutschland bislang unbekannte Nebeneinander von Wechsel- und Gleichstrom auf einer Trasse.

          Mehr Leistung ohne wesentliche Veränderungen

          Laut Cronau handelt es sich um ein „Upgrade für das Stromnetz“, das mehr Leistung ohne wesentliche Veränderungen bringt. In der Regel müssten auf bestehenden Masten nur neue Isolatoren und Steuereinheiten angebracht werden. Insgesamt verläuft die Trasse auf einer Strecke von rund 18 Kilometern durch den Rheingau-Taunus und von 14 Kilometern durch den Main-Taunus sowie über 17 Kilometer durch den Kreis Groß-Gerau. Auf der Gemarkung von Niedernhausen geht es bei dem zwei Gigawatt starken Netz um eine Länge von fünf Kilometern. Zwölf der 17 Masten bleiben unverändert stehen. Vier Masten müssen um 2,50 bis 7,50 Meter erhöht werden, um Vorgaben für Mindestabstände zur vorhandenen Bebauung einzuhalten. Ein - im Wald stehender - Mast muss aus Altersgründen durch einen neuen ersetzt werden.

          Ultranet ist ein kleiner Teil des 6100 Kilometer langen Leitungsnetzes, das zur Hälfte neu gebaut und zur Hälfte verstärkt und ertüchtigt werden muss. Matthias Otte von der Bundesnetzagentur bestätigt die Bedeutung von Ultranet unter den 16 länderüberschreitenden Netzprojekten, für die seine Behörde zuständig ist. Im Februar muss Amprion seine Pläne einreichen, damit das Genehmigungsverfahren beginnen kann; für 2021 ist dann die Inbetriebnahme geplant.

          Doch so harmlos und wenig aufregend, wie Cronau die Amprion-Pläne beschreibt, sehen viele Bürger den Ausbau nicht, selbst wenn es nur um die Ertüchtigung einer bestehenden Trasse geht. Sie sehen sich als „Versuchskaninchen“ und bewerten das Pilotprojekt der Hybridleitung als „Experiment über unseren Köpfen“. Stefan Gutjahr von der Bürgerinitiative Eitelborn nennt die Energiewende „ein trojanisches Pferd“: Es solle Kohlestrom aus Nordrhein-Westfalen nach Hessen transportiert werden, weil ein Anschluss an die Windstromparks in der Nordsee über den Knotenpunkt Emden nicht vor 2025 möglich sein werde.

          Gesundheitliche Gefahren sieht das Bundesamt für Strahlenschutz aber nicht. Zwar seien Freileitungen immer auch „Quellen elektrischer und magnetischer Felder“, doch seien von ihnen keine Risiken für die Gesundheit zu erwarten, sagt Dirk Geschwentner vom Bundesamt.

          BI-Sprecher Gutjahr wertet diese Äußerungen als Verharmlosung der möglichen Gesundheitsrisiken, beispielsweise durch die kaum beachtete „Ionisation der Luft“ in der Nähe der Stromtrasse. Die Lebensqualität könne leiden, der Wert der Grundstücke sinken.

          Vor allem aber beklagt Gutjahr eine Ungleichbehandlung der Bürger im Untertaunus gegenüber den Anwohnern von Neubautrassen, denn für diese gelte ein Mindestabstand von 400 Metern zum nächsten Dorf und der Grundsatz der Erdverkabelung. Die Bürgerinitiative beruft sich zudem auf Fachleute wie Lorenz Jarass von der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden, der erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der deutschen Stromnetzplanung äußert.

          Die Gemeinde Niedernhausen hat sich diese Zweifel und die Bedenken der Bürger insofern zu eigen gemacht, als die Gemeindevertretung per Beschluss ebenfalls eine Erdverkabelung fordert. Dies vor allem deshalb, weil die bestehende Leitung durch die Wohngebiete Schäfersberg, Fuchsbau und Dachsbau führt.

          Bürgermeister Joachim Reimann (CDU) weist zudem darauf hin, dass Niedernhausen schon jetzt durch die Autobahn 3, die ICE-Strecke Frankfurt-Köln, die Regionalbahnstrecke und Fluglärm belastet sei. Die Fragen der Bürger nach der Notwendigkeit der Gleichstromtrasse und den Wirkungen auf die Wohngebiete seien berechtigt.

          Hoffnungen auf eine Erdverkabelung sind allerdings nicht realistisch, wie Netzexperte Otte erkennen lässt. Das sei keine Entscheidung von Amprion oder der Bundesnetzagentur, sondern allein des Bundestags. Laut Otte hat der Gesetzgeber mit der Verabschiedung des Bundesbedarfsplangesetzes im Dezember vergangenen Jahres festgelegt, dass beispielsweise für die ebenfalls umstrittene Trasse Südlink ein Erdkabelvorrang nötig ist, für Ultranet aber nicht - und zwar deswegen, weil dieser Trasse eine Pilotfunktion für die gemeinsame Führung von Gleich- und Wechselstromkreisen auf einem Mast zukommt. Zusätzlich solle durch den Bau von Ultranet eine Überlastung der deutschen, niederländischen und belgischen Stromnetze vermieden werden.

          Laut Otte könnte der Bundestag zwar seine Meinung wieder ändern, doch wäre der Zeitverlust für dieses wichtige Vorhaben enorm. Daher sei eine Korrektur nicht zu erwarten.

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