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Stretchlimousinen : Im Partypanzer durch die Nacht

Die Nacht, die Lichter: Was sich hinter den Fenstern abspielt, ist in der Kabine kaum zu erkennen. Bild: Max Kesberger

Stretchlimousinen stehen für Reichtum, Luxus und Exzess. Etwas, das es nur noch in den Vereinigten Staaten gibt – oder in Frankfurt. Auf der Suche nach der Ausschweifung.

          5 Min.

          Eigentlich ist es ganz einfach: Wir suchen den Exzess. Dämmerlicht hat die Hochhäuser von Frankfurt umhüllt, der Fotograf schießt ein paar Testblitze ins Halbdunkel. An der Düsseldorfer Straße haben sich Drogendealer in Stellung gebracht, direkt vor dem Skyclub, in ihren Blicken scheint die Frage zu liegen, ob wir potentielle Kunden seien oder verdeckte Ermittler. Bevor wir antworten können, rollt am Seitenstreifen eine Stretchlimousine heran, ein zehn Meter langes Monstrum, ein Panzer auf Rädern, der nur durch seine weiße Lackierung beruhigend auf die Umgebung einwirkt. Ansonsten schreit dieser Hummer H2 in die Welt hinaus, mit allem, was die Karosse zu bieten hat, und zwar die Buchstabenfolge: VIP.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Ein bulliger Mann entsteigt der Limousine, scannt die Umgebung und hält uns die Tür auf. Wir klettern ins Innere - und in einen Hollywoodfilm aus den neunziger Jahren. Wir wollen über die Boulevards der Stadt rauschen, den Nachthimmel über unseren Köpfen, die Welt zu unseren Füßen. Es wird Champagner geben, Moët, Dom Pérignon, Veuve Clicquot, verheißungsvolle Getränke, die in verheißungsvolle Gespräche münden.

          Nirgendwo kann man so geil Party machen

          Wenn wir aussteigen, dann in Alkohol getränkt, wenn wir wieder einsteigen, dann getrocknet von Blitzlichtgewitter. Wir sind auf der Suche nach dem Lebensgefühl des „Wolf of Wall Street“, nach einer Zeit, in der man dem Finanzkapitalismus noch keine Zügel angelegt hatte, in der nur Fachleute etwas mit dem Begriff Klimawandel anfangen konnten und nur Science-Fiction-Fans etwas mit Überbevölkerung. „Wozu braucht die Welt Stretchlimousinen?“, fragte vor einigen Jahren eine deutsche Tageszeitung. Ein Vermieter antwortete sinngemäß: Nirgendwo könne man so geil und dekadent Party machen. Außerdem zückten draußen alle neidzerfressen ihre Handys, um dieses Großereignis wenigstens auf Video festzuhalten. Das sollte Werbung sein. Denn eine Stretchlimousine steht für den ungeschönten Exzess hinter getönten Scheiben. Für etwas, das es nur noch in den Vereinigten Staaten gibt - oder in Frankfurt, der einzigen deutschen Stadt mit amerikanischem Blut in den Adern.

          Lack und Leder: Eine Stretchlimousine glänzt nicht nur von außen. Bilderstrecke

          Im Innenraum läuft Radio FFH. Die Gäste, vier Frauen im Alter von etwa 30 Jahren, schießen Selfies. Sie haben den Wagen eine Stunde lang gemietet, beziehungsweise: Ihre Männer haben ihnen den Wagen eine Stunde lang gemietet, für 220 Euro. Die Jungs machen einen Jungsabend, die Mädels einen Mädelsabend. Katrin Schmid - Lederhose und T-Shirt mit der Aufschrift: „Everyday is a good day“ - sagt: „Wo unsere Männer sind, wissen wir nicht, und wir wollen es auch gar nicht wissen.“ Schmid ist Bürokauffrau, an einer HEM-Tankstelle in Friedberg. Heute aber ist sie Julia Roberts oder Keira Knightley.

          Eine Welt, die sich selbst bespiegelt

          Die beiden Fahrer können durch ein offenes Sichtfenster beobachten, was im Innenraum passiert. Bisher passiert wenig. Die Mädels heben ihre Sektgläser in die Höhe, als wären es Kaffeetässchen. Sie finden, diesen Abend hätten sie sich verdient. „Weil wir es können“, sagt Susann Busse, eine Einzelhandelskauffrau bei Sportscheck, die vorher 15 Jahre bei Schuh Hako auf der Zeil gearbeitet hat. Eine weitere Mitfahrerin, roter Mantel, roter Lippenstift, erklärt, sie sei „Marketing Executive“. „Das hört sich jetzt natürlich ziemlich toll an“, sagt Katrin. Der letzte Gast ist Daniela H. Ob sie eigentlich adelig sei, fragt Katrin. Daniela bejaht, mit vornehm gesenktem Kopf und gesenkter Stimme.

          Auf Wunsch der Gäste wird Radio FFH durch Hip-Hop ersetzt. Gnadenlos schallt die Musik durch die Kabine, es geht um Bitches, Sex und alkoholische Getränke. Währenddessen rauscht die Stretchlimousine durch die Frankfurter Innenstadt, vorbei an Bars und Hochhäusern, außen Gesichter, die sich in den getönten Scheiben spiegeln, dahinter eine Welt, die sich selbst bespiegelt. Binnen Minuten verliert man die Orientierung. Der Fotograf kriecht über die Lederbänke, eingezwängt von Handtaschen und Holzarmaturen, die Mädels unterhalten sich über Schmuck aus Mallorca.

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