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Streit um Multifunktionshalle : „Warum nicht die Festhalle umrüsten?“

In der Kritik: Die Multifunktionshalle würde das Verkehrsaufkommen im Kaiserleikreisel weiter erhöhen – wenn sie denn kommt. Bild: Frank Röth

Die meisten Konzertveranstalter stehen den Plänen für eine Multifunktionshalle zwischen Frankfurt und Offenbach kritisch gegenüber. Andere sehen durchaus Potential für einen neuen Veranstaltungsort.

          „Die ist so überflüssig wie ein Kropf.“ Ralf Scheffler, Konzertveranstalter und Betreiber der Frankfurter Musikhalle „Batschkapp“, ist selten um ein klares Wort verlegen. Mit seiner Meinung zu den Plänen, in der Mainmetropole eine Multifunktionshalle zu bauen, hält er sich daher auch nicht zurück: „Aus Veranstaltersicht braucht kein Mensch eine solche Halle.“ Und Scheffler ist in seiner ablehnenden Haltung nicht allein. Ossy Hoppe, Geschäftsführer der Konzertagentur Wizard Promotions, nennt die Pläne „Humbug“ und kritisiert vor allem den möglichen Standort einer solchen Halle: auf Frankfurter und Offenbacher Gemarkung in der Nähe des Kaiserleikreisels. „Dort herrscht doch jetzt schon im Berufsverkehr regelmäßig ein Verkehrschaos. Und dann sollen Abend für Abend dazu noch Tausende Menschen zu Veranstaltungen anreisen?“

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Anders als einige seiner Konkurrenten und Kollegen zweifelt Hoppe allerdings nicht grundsätzlich am Bedarf für eine weitere Veranstaltungshalle in Frankfurt oder in der Region. Seiner Ansicht nach fehlt ein Veranstaltungsort mit einer Kapazität für 6.000 bis 7.000 Zuschauer, also eine Halle mit einer Größe zwischen der Jahrhunderthalle und der Festhalle in Frankfurt. Letztere hält der Impresario ohnehin für eine der schönsten Hallen in Deutschland. „Außerdem ist sie super gelegen, man kommt von überall gut hin.“ Warum rüstet man die nicht auf und um?“

          Kosten dürften zwischen 120 und 150 Millionen Euro liegen

          Ähnliche Überlegungen hatte schon vor anderthalb Jahren Marek Lieberberg in einem Gespräch geäußert und war damit Aussagen entgegengetreten, die großen Konzertveranstalter würden in Frankfurt nach einer Halle mit einer Kapazität von mehr als 13.000 Besuchern rufen. Wie Scheffler und Hoppe verwies auch Lieberberg auf die Vielzahl von Veranstaltungsorten in der Region, die von der Fußball-Arena in Frankfurt über die SAP-Arena in Mannheim bis zu den Open-Air-Feldern in Mainz genügend Auftrittsmöglichkeiten für die großen Stars der Musikbranche böten, zumal die Zuschauer für solche Konzerte auch weitere Anfahrtswege in Kauf nähmen.

          „Man muss sich aber auch anschauen, wer derzeit die Massen anlockt“, sagt Hoppe. Tatsächlich sind im Wachstumsmarkt Entertainment, in dem allein in Deutschland im Jahr 2014 fast 3,2 Milliarden Euro umgesetzt wurden, derzeit viele Altstars die Zugpferde. So waren in den Vereinigten Staaten unter den 20umsatzstärksten Tourneen im vergangenen Jahr mit jenen von AC/DC, Fleetwood Mac, den Rolling Stones, Paul McCartney, Elton John, Billy Joel und Neil Diamond sieben von berühmten Musikern, die nicht mehr ewig auf den Bühnen zu erleben sein werden.

          Dabei sind Auftritte solchen Kalibers von großer Bedeutung für den wirtschaftlichen Betrieb einer Multifunktionshalle, wie sie in Frankfurt geplant ist und für die ein Investor gesucht wird, der Planung, Finanzierung, Bau und Betrieb einer Arena übernimmt, deren Kosten zwischen 120 und 150 Millionen Euro liegen dürften. Wie berichtet, haben sich zwei Interessenten bei der Stadt Frankfurt beworben: Einer ist das Unternehmen Lagardère Sports, das auch die Hälfte der Anteile an der Betreibergesellschaft der Frankfurter Fußball-Arena hält. Der andere Bewerber ist die Anschutz Entertainment Group, die unter anderem das Staples Center in Los Angeles, aber auch große Hallen in Deutschland betreibt, darunter in Berlin die Mercedes-Benz Arena, Spielstätte der Eisbären Berlin und des Basketballvereins Alba Berlin, sowie in Hamburg die Barclaycard Arena, wo die in wirtschaftlichen Nöten steckenden Vereine Hamburg Freezers (Eishockey) und HSV Hamburg (Handball) ihre Partien austragen.

          „Der letzte weiße Fleck ist, an dem es eine solche Halle noch nicht gibt“

          In Frankfurt sollen mit dem Eishockey-Team der Löwen und der Basketball-Mannschaft der Skyliners ebenfalls zwei Sportvereine als sogenannte Ankermieter der Multifunktionshalle fungieren. Sie könnten die Halle allerdings zusammen lediglich an insgesamt 75 Tagen im Jahr „bespielen“ – in der übrigen Zeit müssten Veranstaltungen wie Konzerte, Shows, Ausstellungen oder Kongresse für Einnahmen sorgen.

          Immobilienexperten sehen dafür durchaus Potential, auch weil Frankfurt unter den deutschen Großstädten „der letzte weiße Fleck ist, an dem es eine solche Halle noch nicht gibt“, wie Carsten Rennecke, Inhaber des Berliner Unternehmens Eventech, vor kurzem auf einer Diskussionsveranstaltung der Industrie- und Handelskammer Frankfurt sagte. Er gab allerdings zu bedenken, dass der Betrieb solcher Hallen sehr vom sportlichen Erfolg der darin aufspielenden Vereine abhängig sei.

          Derlei Erfolge zu prognostizieren, will sich Andreas Kunze, der das Mannheimer Büro von Semmel Concerts leitet, nicht anmaßen. Er wagt aber trotzdem einen optimistischen Ausblick für eine mögliche Multifunktionshalle in Frankfurt. „Solche Hallen gab es vor 20 Jahren noch kaum. Doch nachdem sie da waren, haben sich ganz neue Entertainment-Formate entwickelt, die dieses große Platzangebot angenommen haben“, sagt Kunze und nennt Dinosaurier- und Pferde-Shows, Jump-Wettbewerbe mit Motocross-Motorrädern und an TV-Formate angelehnte Shows. Die Inhalte würden immer vielfältiger und zielten auf die ganze Familie ab. „Und diese Formate haben auch ihr Publikum, wenn es mal keine großen Musik-Stars gibt“, ist sich Kunze sicher.

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