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Frankfurt/Offenbach : Streit am Kaiserlei: Am Kreisel läuft es nicht rund

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Szenetreff, Knotenpunkt, Firmenstandort: Kaiserlei an der Grenze von Frankfurt und Offenbach Bild: dpa

Das Kaiserlei-Gebiet zwischen Offenbach und Frankfurt liefert Anschauungsmaterial, wie schwierig es um die Kooperation im Rhein-Main-Gebiet teilweise bestellt ist. An der Schnittstelle zwischen den Nachbarstädten klemmt es.

          Kaum ein freies Grundstück im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet, auf dem derzeit nicht Gebäude hochgezogen werden. Doch ein riesiges Areal liegt seit Jahren brach: das Kaiserlei-Gelände zwischen Frankfurt und Offenbach. Es liegt in Sichtweite der neuen Europäischen Zentralbank und wenige Kilometer vom Frankfurter Flughafen entfernt; die Autobahn 661 führt direkt hindurch.

          Ein Konzept zur Weiterentwicklung gibt es seit mehr als 15 Jahren. Die geplante Zusammenarbeit der beiden Nachbarstädte geht jedoch nur im Schneckentempo voran. Und so beherrschen unschöne Betonbauten, leere Flächen und Billigläden das Bild eines Areals, das Planer wegen seiner Lage und guten Verkehrsinfrastruktur gerne als Filetstück bezeichnen. Von der aus den neunziger Jahren stammenden Vision eines Dienstleistungszentrums mit 21 000 Arbeitsplätzen haben sich die Kommunen verabschiedet. Der Bau von Wohnungen scheitert am Fluglärm.

          Ziel: hochwertiger Bürostandort

          Am Kaiserlei treffen unterschiedliche kommunale Interessen aufeinander. Offenbach braucht die Fläche zur Ansiedlung von dringend benötigtem Gewerbe. Es sei „das wichtigste Element der weiteren Entwicklung Offenbachs zum hochwertigen Bürostandort“, umreißt Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) die Bedeutung des Geländes für die Stadt. Trotz des Immobilienbooms hakt die Vermarktung. Stattdessen gibt es Leerstand.

          „Die Leerstandsquote bei Büros beträgt etwas mehr als 15 Prozent. Der Durchschnitt in Frankfurt liegt bei 12 Prozent. Das zeigt, dass der Standort eher zu den Problemfällen gehört“, sagt Manfred Binsfeld, Teamleiter Immobilien Research bei der Ratingagentur Feri EuroRating in Bad Homburg. Binsfeld untermauert dies mit den Mietpreisen. Während im Bankenviertel 39 Euro pro Quadratmeter erreicht werden, liegt die Spitze am Kaiserlei bei 12 Euro. „Ein niedriges Niveau lässt auf die Werthaltigkeit eines Standorts schließen“, rückt der Experte das Bild vom Filetstück zurecht.

          In nächster Zukunft ist keine Besserung zu erwarten: Der Atomkraftwerksbauer Areva schließt seinen Ingenieur-Standort im kommenden Jahr. Dann werden nicht nur mehr als 10.000 Quadratmeter Bürofläche frei, sondern Offenbach verliert zudem rund 700 Arbeitsplätze.

          „Größer als die Festhalle“

          Frankfurt hat im Unterschied zur Nachbarkommune weder Not noch Druck bei der Gestaltung des Grenzgebiets. Die Stadt könne Investoren andere Optionen bieten, heißt es aus der Verwaltung. Allerdings will Wirtschafts- und Sportdezernent Markus Frank (CDU) eines seiner Lieblingsprojekte am Kaiserlei verwirklichen: den Bau einer Halle für Sport und Kultur. Das Vorhaben ist seit mindestens fünf Jahren in der Schwebe. Bisher fehlen aber sowohl Angaben zur Kapazität als auch zu den Kosten der Multifunktionsarena.

          Die Größenvorstellungen der geplanten Multifunktionsarena schwanken zwischen „größer als die Festhalle und kleiner als das Stadion“; in die Festhalle passen etwa 10.000 Menschen, in die Frankfurter Commerzbank-Arena gut 51.000. Ein privater Investor soll die Arena bezahlen, bauen und betreiben. Der Investor ist noch nicht gefunden; die mehrfach angekündigte europaweite Ausschreibung steht aus.

          Für die Arena hat Frankfurt sich bereits Offenbacher Terrain gesichert. Das „interkommunale Projekt stärkt die Zusammenarbeit der beiden Städte Frankfurt und Offenbach“, ist Wirtschaftsdezernent Frank überzeugt. Trotz solcher Beteuerung haben die Offenbacher einen Bebauungsplan beschlossen, der Gewerbeansiedlung auf der für die Halle vorgesehenen Fläche ermöglicht. Dieser Plan müsste geändert werden, falls Frankfurt die Arena bauen will.

          Der kleinere Nachbar fürchtet außerdem, dass die Arena ihm mehr Verkehrsbelastung bringt. Schon jetzt droht am Kaiserlei-Kreisel im Zentrum des Viertels der Auto-Kollaps. Deshalb soll der Verteiler zu zwei Kreuzungen umgebaut werden. Mit dem auf rund 37 Millionen Euro kalkulierten Bauprojekt verhält es sich wie mit der Multifunktionshalle - die Umsetzung lässt auf sich warten. Erst 2016, und damit ein gutes Jahr später als vorgesehen, wird es voraussichtlich losgehen. Nach dem Umbau soll zumindest die Verkehrsverbindung zwischen den Städten besser werden.

          Derzeit arbeiten zwei Investoren gegen den Stillstand am Kaiserlei an. Zum einen wächst direkt neben der A661 eine Niederlassung von Mercedes-Benz aus dem Boden. Zum anderen plant die Berliner CG Gruppe die Umwandlung eines leerstehenden Bürogebäudes in Miniappartements für sogenanntes temporäres Wohnen.

          Der Immobilieninvestor steckt nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro in die auf Offenbacher Gemarkung gelegenen „NewFrankfurt Towers“, die projektierten Geschäfte und in ein Hotel. „Im Oktober reichen wir den Bauantrag ein“, kündigte CG-Manager Frank Intra an. Parallel solle der Rückbau beginnen. Beide Vorhaben könnten die Reputation des Kaiserlei-Areals verbessern.

          Doch es gibt auch Skepsis. „Der Standort ist nicht repräsentativ genug, um große Namen anzuziehen“, findet Manfred Binsfeld. Von den Kommunen zu Hilfe geholte Fachleute des Urban Land Instituts empfahlen jüngst, den Kaiserlei zwecks Imagepolitur in Mainhöhe umzutaufen.

          Szenetreff, Knotenpunkt, Firmenstandort

          Der Kaiserlei liegt an der Grenze zwischen Offenbach und Frankfurt. Das 40 Hektar große Areal ist berüchtigt bei Autofahrern und beliebt bei Szenegängern. Sie treffen sich im Kulturzentrum Hafen 2 und im international bekannten House-Club Robert Johnson.

          Das Kaiserlei-Quartier ist ein Gewerbestandort, nur rund 2000 Menschen leben dort in Wohnungen, die trotz des Fluglärms noch Bestandsschutz haben. Im Norden und Osten begrenzt der Main das Areal, im Westen die Bahnlinie und der Main; im Süden und Südwesten schließen sich das Offenbacher Westend und der Frankfurter Stadtteil Oberrad an. Die Autobahn A661 führt mitten durch das Gebiet.

          Die Bezeichnung Kaiserlei hat historische Wurzeln. Die Endung „lay“ oder „lei“ bezeichnete im Mittelalter einen Felsen. Das Wort „Kaiser“ geht vermutlich auf die Zeit der Frankenherrscher zurück. Der im Main liegende Kalkfelsen „Kaiserlay“ wurde 1852 gesprengt, um die Fahrrinne des Flusses zu begradigen. (lhe)

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