https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/streiks-begleiten-den-primeday-von-amazon-in-bad-hersfeld-17399591.html

Streiks begleiten „Prime-Day“ : „Keine Wertschätzung für Beschäftigte von Amazon“

Geduldsspiel: Die Gewerkschaft Verdi versucht seit Jahren, Amazon in den Handelstarif zu bekommen Bild: dpa

Als ein Gewinner der Corona-Krise kann Amazon nach Meinung der Dienstleistungs-Gewerkschaft mehr zahlen, als der Konzern bietet. Verdi geht es aber auch um Grundsätzliches.

          2 Min.

          Die Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi hat abermals Beschäftigte des Großversenders Amazon hierzulande zu Streiks aufgerufen, dieses Mal an den sogenannten Prime Days am Montag und Dienstag. Der Ausstand hat auch in den Versandzentren Fra1 und Fra3 in Bad Hersfeld begonnen. Die Arbeitnehmervertreter fordern von Amazon angesichts der guten Geschäfte des Konzerns höhere Entgelte, als das Unternehmen bisher anbietet, und fordert von ihm die Übernahme des Einzelhandels-Tarif in Hessen. Der Streikaufruf beschränkt sich auf sieben der 16 Logistikzentren, wie Amazon erläutert. Unterstützung bekommt Verdi vom gewerkschaftspolitischen Sprecher der Linken im Bundestag (siehe Kasten unten).

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Bad Hersfeld zählt das Unternehmen rund 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. An den „Prime Days“ bietet Amazon im Internet nach eigenen Angaben allerlei Produkte zu Tiefpreise an. Auch am Mittwoch sollen Gewerkschafter nach Angaben von Verdi dort nicht arbeiten. Verdi fordert von Amazon, die Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels Hessen anzuerkennen. Und zwar schon im neunten Jahr. Zudem zeigt sich die Gewerkschaft mit dem Tarifangebot des Konzerns unzufrieden.

          „Amazon hat unlängst Lohnerhöhungen angekündigt, die bei 2,5 Prozent liegen. Das ist gerade mal ein Ausgleich für die derzeitige Preissteigerung. Das ist keine Wertschätzung und Anerkennung der besonderen Belastungen in der Corona-Zeit“, zitiert Verdi seine für Bad Hersfeld zuständige Sekretärin Mechthild Middeke. Dabei sei Amazon im Handel einer der Gewinner der Corona-Krise. „Die Beschäftigten bei Amazon haben mehr verdient“, folgert sie. Rund 300 der 3500 Beschäftigten beteiligen sich laut dpa am Ausstand.

          4,5 Prozent im Monat gefordert

          Die Gewerkschaft will in den Tarifverhandlungen mit den Handelsarbeitgebern ein Lohnplus von 4,5 Prozent erreichen nebst 45 Euro mehr je Monat, dabei ein tarifliches Mindestentgelt von 12,50 Euro je Stunde sowie die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge.

          Amazon verweist auf eine Reihe von Zusatzleistungen mit etwa Mitarbeiteraktien, Boni und unentgeltlichen Versicherungen. Ein Sprecher der deutschen Landesgesellschaft bestätigte schon Mitte Juni die geplanten 2,5 Prozent für Bad Hersfeld. Er gab aber zu bedenken: „Die Löhne steigen von Region für Region unterschiedlich, das sind teilweise auch über 6 Prozent.“ Wichtig dabei sei: Eine Lohnerhöhung solle es vorbehaltlich der Betriebsratszustimmung für alle Beschäftigten im Versand geben, auch wenn sie schon über der genannten Marke lägen.

          Das Unternehmen erhöhe die Entgelte automatisch alle zwölf und 24 Monate. In der Folge bekämen Beschäftigte, die 24 Monate für Amazon tätig seien, geplant bei mindestens 13,52 Euro. Bisher betrage der Mindestlohn in Bad Hersfeld 11,73 Euro.

          Amazon zahlt laut Gewerkschaft immer noch unter dem einschlägigen hessischen Tarif. Als ermutigendes Signal werten die Arbeitnehmervertreter aber den Beitritt des Unternehmens zum Hauptverband des deutschen Einzelhandels. Middeke sieht dies als Hinweis an, dass sich Amazon nicht mehr als reiner Logistiker begreife, wie sie der F.A.Z. Mitte Juni sagte.

          Lohnlücke vergrößert sich

          Die Mitarbeiter des Versand- und Internethandels in Deutschland haben in den vergangenen Jahren bei den Entgelten im Vergleich zu Angehörigen anderer Branchen an Boden verloren. Das folgt zumindest aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Frage des Linken-Abgeordneten Pascal Meiser. Demnach sind die monatlichen Bruttoentgelte gemessen am Median, also der Mitte der Lohnstufen, von Ende 2010 bis Ende 2019 im Einzelhandel ohne Kraftfahrzeuge um gut 25 Prozent gestiegen, im Versand- und Internethandel dagegen um 12,3 Prozent. Der Median markiert die Mitte der Verteilung der Entgelte sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in Vollzeit.

          „Die Zahlen zeigen deutlich, dass der Boom des Versandhandels maßgeblich auf Lohndumping basiert. Unternehmen wie Amazon eilen von Rekordgewinn zu Rekordgewinn und knausern zugleich weiter bei den Löhnen. Deshalb haben die Beschäftigten bei Amazon auch völlig Recht, wenn sie dafür streiken, dass auch bei Amazon endlich der Tarifvertrag für den Versandhandel gilt“, meint der Abgeordnete angesichts dessen. Die Möglichkeit, Tarifverträge für eine gesamte Branche für allgemeinverbindlich zu erklären, müsse  als Mittel gegen Lohndumping erleichtert werden.

          Amazon hält dagegen: „Die Wahrheit ist, dass Amazon bereits exzellente Bezahlung, exzellente Zusatzleistungen und exzellente Karrierechancen bietet – und das alles in einer sicheren, modernen Arbeitsumgebung.“

          Weitere Themen

          Wird die Modemesse wachsen?

          Heute in Rhein-Main : Wird die Modemesse wachsen?

          Die Frankfurt Fashion Week ist vorüber, ebenso die Ironman-Europameisterschaft. Außerdem erklärt Bad Vilbels Bürgermeister, warum er keine Straßenbahn will. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Joe Biden auf dem G-7-Gipfel in Elmau

          Russische Öleinnahmen : Ein Rückschlag für den Westen

          Russland profitiert vom steigenden Ölpreis. Ein Preisdeckel, über den auf dem G-7-Gipfel in Elmau beraten wird, könnte eine Lösung sein. Die Folgen sollten aber genau geprüft werden.

          Supreme Court : Kulturkampf der Richter

          Abtreibung und Waffenrecht: Der Supreme Court urteilt gegen gesellschaftliche Mehrheiten in den Vereinigten Staaten. Das birgt Risiken für die Republikaner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.