https://www.faz.net/-gzg-944jk

Streichquartett-Tage : Wie Helmut Lachenmann zu Bethmännchen kam

Vorfreude: Clemens Greve, Leiter der Bürgerstiftung, und Anita Bauer, die an der Kammermusikreihe arbeitet. Bild: Maria Klenner

Die Streichquartett-Tage sind Clemens Greve, Leiter der Frankfurter Bürgerstiftung, eine Herzensangelegenheit. Morgen fangen sie neu an.

          3 Min.

          Wo immer sich die Musiker postierten und wo der Flügel auch stand – wirklich befriedigend klang es nie im früheren Saal Holzhausenschlösschen. Die Decke war niedrig, die Akustik trocken, die Töne konnten sich nicht richtig entfalten. Bisweilen war unter filigranem Klassikklang dafür umso besser zu hören, wie im Erdgeschoss die Vorbereitungen für die Pause getroffen wurden, die Gläser klirrten und es in einem kleinen Lastenaufzug schepperte. Wer sich darüber wohl am meisten ärgerte, war Clemens Greve, der Geschäftsführer der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen, für Programm und Ablauf gleichermaßen als Hausherr verantwortlich. Abhilfe sollte geschaffen werden, doch das erwies sich als schwer. Denn es kam heraus, dass eine akustische Verbesserung nur durch einen Umbau in großem Stil samt dem Herausbrechen der Etagendecke über dem Saal zu erreichen sei. 2012 bis 2014 fand der Umbau statt.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So entstand in ständiger Abstimmung mit einem Akustiker ein klanglich und von der Atmosphäre her für Kammermusik ideal geeigneter Saal mit 142 Plätzen. Das war allein schon ein Kraftakt, doch ist es Greve darüber hinaus gelungen, den Saal sofort von hochkarätigen Ensembles bespielen zu lassen. Zu den herausragenden Projekten zählten von Anfang an die Streichquartett-Tage. Sie begannen gleich im Herbst 2014, kurz nach der Wiedereröffnung, mit Unterstützung des Violinisten Oliver Wille vom Kuss-Quartett und einem Haydn-Schwerpunkt und setzten sich im Jahr darauf in einer November-Woche fort mit fünf Konzerten und viel Musik des 20. Jahrhunderts samt den Quartetten Helmut Lachenmanns. Mit dem Arditti, dem Hagen- und Kuss-Quartett sowie dem Quatuor Ébène war dazu die Crème de la crème der Streichquartette zu Gast – und genau an seinem 80. Geburtstag Helmut Lachenmann als einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart.

          Erinnerungen an alte Zeiten

          Greve erinnert sich im Gespräch mit dieser Zeitung vergnügt daran, wie das Holzhausenschlösschen von Bussen, Fernseh- und Rundfunkteams umlagert war und Lachenmann, der den intimen Rahmen mit der Aufführung seiner drei Streichquartette genießen wollte, sich dann draußen in aller Seelenruhe ins Gespräch mit einer Ordensfrau vertiefte, so dass erste Umstehende schon glaubten, sie müssten die wohl etwas zudringliche Nonne nun mal von seiner Seite ziehen. „Das war aber Lachenmanns Schwester, die in Frankfurt lebt“, lacht Greve. Sie habe ihrem Bruder zum Geburtstag seine geliebten Bethmännchen mitgebracht.

          Die kleine Anekdote ist bezeichnend für den Ansatz, den Greve mit dem inzwischen jährlich etwa 300 Veranstaltungen umfassenden Programm für die Bürgerstiftung vertritt: Das Holzhausenschlösschen soll als traditionsreicher Frankfurter Ort erkennbar bleiben und Gästen wie Künstlern ein anregend schönes Ambiente bieten. Denn schließlich habe die Adelsfamilie Holzhausen schon im 18. Jahrhundert in dem kleinen barocken Wasserschloss am Rande des heutigen Holzhausenparks Bürgerkonzerte ausgerichtet. Deren Gastfreundlichkeit soll weiter gepflegt werden mit einem Programm, das zum altehrwürdigen Gebäude passt. Es sei zwar zentral, aber doch so gelegen, „dass man aus dem Getriebe der Stadt heraus ist“, wie Greve sagt. Die Besucher könnten hier eine „Höroase“ finden.

          Gegenwartskomponist Jörg Widmann im Fokus

          Die Streichquartett-Tage liegen Greve dabei besonders am Herzen. In der promovierten Musikwissenschaftlerin Anita Bauer, die als Mitarbeiterin bei Programmplanung und Veranstaltungsbetreuung beteiligt ist, hat er eine Mitstreiterin gefunden, die ebenso für die seit alters her besonders hoch geschätzte Kammermusik-Gattung eintritt. So lasse sich anhand des reichen Streichquartett-Repertoires musikhistorisch vieles bis in die Gegenwart nachvollziehen, sagt sie.

          Einer der bekanntesten Gegenwartskomponisten, der schon fünf Quartette geschrieben hat, steht dazu im Zentrum der kommenden Streichquartett-Tage von morgen an bis zum 2. Dezember: Jörg Widmann. Unmittelbar sei in seinem ersten Quartett von 1997 zu hören, wie vorsichtig und respektvoll er sich der Gattung angenähert und mit sich und der Tradition gerungen habe, finden Bauer und Greve. Sein drittes Quartett habe Widmann dann selbst als „Jagdquartett“ tituliert und so die Verbindung zu Mozarts ebenso genannten Quartett B-Dur KV 458 hergestellt. Beide Werke erklingen im Eröffnungskonzert mit dem Signum-Quartett am morgigen Sonntag von 17 Uhr an. Widmanns erstes und zweites Quartett kombiniert das Minguet-Quartett unterdessen am Abend darauf von 19.30 Uhr an mit einem denkbar gewichtigen Spätwerk: mit Beethovens Opus 131. Das vierte und fünfte Quartett lässt das Ensemble, das auch die erste Gesamteinspielung der Widmann-Quartette vorgelegt hat, am 30. November folgen, das Streichquartett aus der Oper „Absences“ am 2. Dezember.

          Nahtlos folgt am Abend darauf der Auftakt zur ebenso anspruchsvollen Reihe der Klavierabende: Alfred Brendel hält dazu den Eröffnungsvortrag unter dem Titel „Mein musikalisches Leben“. Am 10 Dezember tritt dann Martin Stadtfeld auf, dem die Frankfurter Bürgerstiftung mit seiner später von Sony übernommenen Einspielung der Goldberg-Variationen Bachs den Karriereweg ebnete.

          Weitere Themen

          Eine Legende sagt laut Servus

          Heute in Rhein-Main : Eine Legende sagt laut Servus

          Das Flugzeug MD-11 wird aus dem Verkehr gezogen. Knapp 70.000 Menschen in Deutschland sind trotz vollständiger Impfung an Corona erkrankt. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Geheimes Leben im Dunkeln

          Ausstellung über Pflanzen : Geheimes Leben im Dunkeln

          „Die Intelligenz der Pflanzen“, eine Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, setzt sich mit unserer Umwelt auseinander. Auf drei Etagen werden jene Teile der Pflanzen gezeigt, die der Mensch ansonsten kaum wahrnimmt.

          Topmeldungen

          Innen nur 2-G: Und trotzdem bleibt, auch in diesem Braunschweiger Gasthaus, die Ansteckungsgefahr relativ groß.

          Vorschlag von Forschern : Acht Parameter gegen Corona

          Trotz 2-G-Regeln bleibt die Gefahr für eine Corona-Ansteckung in Innenräumen groß. Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck haben eine Checkliste entworfen, wie sich die Gefahr etwa in Restaurants verringern lässt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.