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Straßenstrich : Warten und Zittern im Minirock

  • -Aktualisiert am

Zuflucht im Wohnmobil: Im „Bus“ können sich die Prostituierten an der Theodor-Heuss-Allee wenigstens vorübergehend aufwärmen. Bild: Fricke, Helmut

Trotz eisiger Kälte stehen die Frauen aus Osteuropa auf dem Straßenstrich. Sie arbeiten, weil sie müssen. Doch die Kundschaft bleibt aus.

          Seit einer halben Stunde steht sie auf dem Parkplatz, im fahlen gelben Licht. Die schwarze Daunenjacke hat sie eng um ihren Körper geschlungen, statt Rock trägt sie an diesem Mittwoch Abend Jeans. Sie nennt sich Tatjana, ist 33 Jahre alt. Und während sie auf Kundschaft wartet, bibbert sie in der Kälte, und sagt, es sei so kalt, da komme niemand. Das werde wieder eine Nacht „mit Warten auf Nichts“.

          Der Straßenstrich, der sich neben dem Lastwagen-Parkplatz an der großen Ausfahrtstraße direkt an der Messe befindet, ist in diesen Tagen ein einsamer Ort. Es ist der einzige Platz, an dem Straßenprostitution erlaubt ist. Und der einzige Strich, auf dem die Frauen unter Aufsicht der Stadt ihrer Arbeit nachgehen können. Noch vor einem Jahr standen hier nur wenige Prostituierte. Größtenteils deutsche Frauen, die Stammfreier bedienten. Inzwischen sind es fast ausschließlich junge Mädchen aus Rumänien und Bulgarien.

          „Kann man nicht ändern“, meint sie nur

          Tatjana ist früh da an diesem Abend. Viertel nach sieben steht sie auf dem Bürgersteig. Nach und nach kommen immer mehr Frauen. Am Ende sind es mehr als ein Dutzend. Sie unterhalten sich auf Bulgarisch, denn Tatjana ist eine der wenigen Prostituierten, die deutsch spricht. Die Frauen kennen sich untereinander, sehen sich jeden Abend, haben mitunter sogar denselben Zuhälter. Und sie haben alle ähnliche Lebensgeschichten. Sie haben sich aus Rumänien oder Bulgarien nach Deutschland bringen lassen, um mehr Geld zu verdienen, als sie in ihren Heimatländern jemals würden. Sie sagen, sie hätten alle möglichen Jobs angenommen. Als Reinigungskraft oder Zimmermädchen. Irgendwann aber wurden sie auf die Straße zum Anschaffen geschickt - und sind geblieben.

          Dass sie auch in den Wintermonaten bei tiefen Minusgraden arbeiten müsse, störe sich nicht, sagt Tatjana. „Kann man nicht ändern“, meint sie und zuckt mit den schmalen Schultern, die unter der dicken Jacke nur zu erahnen sind. Dann sagt sie etwas verzweifelter: „Nur es kommt keiner“. Sie müsse jeden Tag 50 Euro für ein Hotelzimmer zahlen, in dem sie untergebracht sei. „Wenn keiner kommt, kann ich nicht bezahlen.“

          In einem Bus gibt es Beratung und Hygieneartikel

          Tatsächlich fahren an diesem Abend nur wenige Autos vor. Und die, die kommen, schauen nur. Mehrere Limousinen mit Kennzeichen aus München oder Stuttgart sind darunter mit Männern hinter dem Steuer, die aussehen, als seien sie geschäftlich in der Stadt. Ein Mann im dunkelgrauen Wagen fährt langsamer. Tatjana macht sich Hoffnungen, stellt sich näher an die Straße heran, aber der Mann fährt vorbei. Dann passiert ein Kleinbus mit der Aufschrift „Messeaufbau“. Mehrere Männer um die Dreißig schauen aus dem Fenster. Interessiert, aber unentschlossen. Schließlich fahren auch sie weiter.

          Langsam wird Tatjana ungeduldig. Sie trippelt von einem Fuß auf den anderen. Die Kälte dringt durch ihre dünnen Stiefel. „Wann öffnet endlich der Bus“, fragt sie. Eine andere Frau zuckt mit den Schultern. Der Bus - das ist jenes Wohnmobil, das seit September vergangenen Jahres an der Theodor-Heuss-Allee steht. Es ist von Polizei, Ordnungsamt und Gesundheitsdezernat als Nachtbus eingerichtet worden, damit die Frauen sich dort beraten lassen und Hygieneartikel kaufen können. In diesen Tagen wird er vor allem zum Aufwärmen genutzt. Die Frauen bekommen dort heißen Tee und Sandwiches. Betrieben wird der Bus von der Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“ und von der Frauenberatungsstelle des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten und des Vereins Arbeits- und Erziehungshilfe. Als der Bus schließlich die Tür öffnet, strömen die Frauen hinein. Nur wenige bleiben draußen stehen, in der Hoffnung, dass doch noch ein Freier anhält.

          Man sorge füreinander

          Tatjana sagt, der Bus sei gut. „Ohne Bus würden wir erfrieren.“ Nicht alle Frauen tragen Jeans wie Tatjana. Einige stehen im Minirock in der Kälte. Andere tragen wenigstens eine dickere Strumpfhose unter ihren Hotpants. Tatjana sagt, sie kenne die Kälte ja. In Bulgarien sei es jetzt mindestens genau so kalt. Aber im Rock auf der Straße zu stehen, das könne sie bei diesen Temperaturen nicht.

          Bis Mitternacht geht Tatjanas Schicht. Im Sommer bleibt sie länger. Aber jetzt reichen ihr fünf Stunden aus. Wieder fahren Autos vorbei. Männer, die in Schrittgeschwindigkeit in ihren sitzbeheizten Wagen die Straße entlang rollen. Sie neigen ihre Köpfe zur Seite und fixieren die Frauen am Straßenrand. Aber alle fahren vorbei.

          Irgendwann kommt jemand aus dem Bus und bringt den Frauen draußen Becher mit heißem Tee. Tatjana sagt, man sorge füreinander. „Das ist schon ganz gut.“ Als wieder ein Auto vorbei gefahren ist, verschwindet auch sie im Bus. Dafür übernehmen andere Frauen ihren Platz. Nun stehen sie im fahlen gelben Licht und warten vergeblich.

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