Willi van Ooyen : Straßenkämpfer im Landtag
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Jubilar: Willi van Ooyen ist 70 und scheidet bald aus dem Landtag aus Bild: dpa
Für manche ist er einfach „der nette Kommunist von nebenan“, andere sehen ihn ganz anders. Linken-Fraktionsvorsitzender Willi van Ooyen ist gerade 70 geworden. Bald sagt er dem Landtag adé.
Für manche ist er einfach „der nette Kommunist von nebenan“, für andere eine Bedrohung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Er wolle keinen System-, sondern lediglich einen Politikwechsel, hält Willi van Ooyen seinen Kritikern entgegen; den allerdings in radikaler Form. Seit neun Jahren streitet der kämpferische Frankfurter im Landtag für soziale Gerechtigkeit, unentgeltliche Bildung von der Wiege bis zur Bahre, staatlich geförderte Arbeitsplätze, mehr Geld für Kindergärten, Krankenhäuser und Bibliotheken, für die Abschaffung des Verfassungsschutzes und die Begrenzung der Macht von Großbanken und Industriekonzernen, gegen Rüstungsexporte, Schuldenbremse und die Präsenz der Bundeswehr beim Hessentag.
Als einer von zwei Fraktionsvorsitzenden und haushaltspolitischer Sprecher der Linken, einer Partei, die „Reichtum für alle“ propagiert, bringt Ooyen auch die Frage nach der Finanzierung seiner mannigfaltigen Wünsche nicht aus dem Konzept. „Wir brauchen höhere Steuern auf große Vermögen und Einkommen“, lautet die lapidare Antwort. Das Geld für mehr soziale Gerechtigkeit sei in Deutschland vorhanden, es müsse nur von oben nach unten umverteilt werden, meint Ooyen. Den Kapitalismus sieht er in der Systemkrise, auch wenn das bisher nur eine Minderheit bemerkt habe.
Der Liebhaber französischer Weine und Lebensart argumentiert in der Sache hart, aber meist geschmeidig im Ton. Hämische Zwischenrufe aus den Reihen anderer Fraktionen können ihn aus dem Konzept, aber nicht aus der Ruhe bringen. Ooyen ist kein typischer Politiker und wollte auch nie einer werden, er sieht sich eher als verlängerter Arm der außerparlamentarischen Opposition im Landtag. „Die Linken-Landtagsfraktion muss die Prügel von CDU und FDP aushalten, damit die außerparlamentarische Bewegung Luft zum Atmen hat.“
Abschied im April
Ooyens Lebenslauf liest sich wie der eines Vorzeige-Linken. Geboren wurde der Marxist, Pazifist und unverbesserliche Optimist in Weeze am Niederrhein als ältestes von sieben Kindern. Erst Elektriker gelernt, dann Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Zivildienst, Studium der Geschichte und Pädagogik, Engagement gegen den Vietnamkrieg und die Berufsverbote für Kommunisten. Kampf gegen Neonazis und Pinochet-Diktatur, Einsatz für die Friedensbewegung, Initiator von Ostermärschen und Protesten gegen die Globalisierung, von 1997 bis 2008 Pädagogischer Leiter der Praunheimer Werkstätten, einer Beschäftigungseinrichtung für geistig Behinderte in Frankfurt.
Heute feiert Ooyen seinen 70. Geburtstag. Im April wird er sich aus eigenem Entschluss, eineinhalb Jahre vor Ende der Wahlperiode, aus dem Landtag zurückziehen und den Weg für einen Jüngeren freimachen. Der 36 Jahre alte Marburger Jan Schalauske, seit zwei Jahren einer der beiden Linken-Landesvorsitzenden in Hessen, rückt für ihn nach. Ein Rückzug ins Private ist der Abschied des verwitweten Vaters zweier erwachsener Söhne aus dem Parlament allerdings keineswegs. „Ich mache weiter Politik“, sagt Ooyen. „Künftig eben nur wieder auf der Straße.“