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Posen am See : Strandgebärden

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Mund am Pfeifchen, Füße im Wasser: Badegäste David Sudon-Hernandez, Volcan Esmer und Cihan Harmanci (von links) am Langener Waldsee Bild: Cornelia Sick

Wer einen Tag am Langener Waldsee verbringt, erlebt Menschen, die gern im Mittelpunkt stehen. Und erfährt mitunter, wozu Babyöl mit Karottenextrakt so alles gut ist.

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          Der Soziologe Max Weber hätte am Langener Waldsee seine Freude gehabt. Denn auf dem 900 Meter langen Sandstrand tummelt sich ein Potpourri der Gesellschaft. Wenn jeden die Hitze plagt, suchen dort Menschen aus der gesamten Region Erfrischung im Wasser, sofern das in einem 25 Grad warmen See überhaupt möglich ist. Geld, Macht, Status: In Bikini und Badehose ist das herzlich wenig wert. Wer auffallen will, braucht Waschbrettbauch, Coolness und perfekte Sommerbräune - oder einen lauten Ghettoblaster.

          Ein Mann mit neongelber Badehose und Arnold-Schwarzenegger-Figur fällt definitiv auf. Er schlendert breitbeinig über den Rasen, die muskulösen Oberarme hält er etwas abseits vom Körper. Laut unterhält er sich mit Kumpels.

          Auch Volkan und seine Freunde fallen auf. Im knöcheltiefen Wasser haben die muskulösen Männer eine Wasserpfeife aufgestellt. Jeder nimmt ein paar Züge, der Rauch wird kunstvoll ausgeblasen. „Ich kenne hier mindestens so 50 bis 60 Leute“, sagt Volkan und nickt irgendjemandem aus der Ferne zu.

          Liebestipps auf Facebook

          Volkan, Cihan und David kommen aus Frankfurt und gehen gern an den See. Selbstbewusst stehen sie im Wasser, die Schultern aufrecht, die Haare gegelt. Die Blicke richten sich auf sie. Volkan kennt das Gefühl von Aufmerksamkeit, wenn auch eher virtuell. Auf Facebook haben 10.000 Personen seine Seite abonniert, auf der er Liebestipps gibt. Für Sätze wie „Sei der Mann, den du deiner Schwester wünschst“ erhält er Hunderte nach oben gestreckte Daumen. Cihan beeindruckt das. „Er postet ein Bild von einem Apfel und hat mehr Likes als Brad Pitt.“

          Die Badegäste Lenny Greene und Nelly Wendler liegen auch bei über 30 Grad in der Sonne und bräunen sich. Bilderstrecke

          Ins Aussehen investieren Volkan, 21, Cihan, 21, und David, 31, ziemlich viel. Mehrmals in der Woche gehen sie ins Fitness-Studio. Einen Schönheitstipp hat auch die 22 Jahre alte Buket aus Offenbach parat. „Babyöl mit Karottenextrakt ist perfekt zum Braunwerden“, berichtet die junge Frau, die in einer Drogerie arbeitet. Würde sie sehr empfehlen, sagt sie mit Blick auf die bleiche Haut einer Frau in der Nähe.

          Ein paar Meter weiter sitzen zwei Speditionskauffrauen mit einer großen Kühltasche. Magdalena und Sanja schwitzen auf ihren Handtüchern im brennend heißen Sand und blicken vom Strand aus auf das Treiben im Wasser. „Mir ist das Wasser etwas zu dreckig“, sagt Sanja, während sie sich mit Sonnencreme aus der Sprühdose benebelt. „Und der Fußmarsch hierher war so lang“, wirft ihre Kollegin ein. Den hätten sie sich wirklich gern erspart an diesem heißen Tag. 37 Grad sind wirklich warm. Wo ist hier eigentlich der Schatten? Schatten, wer braucht den schon? Umut, 20, Habib, 20, und Oguzhan, 18, jedenfalls nicht. Sie liegen gern in der prallen Sonne. Oguzhans Oberkörper hat rote Flecken. Sonnenbrand sieht anders aus, sagt er.

          Bräunen, wieder ins Wasser, wieder bräunen

          Die drei Jungs aus Mörfelden kennen sich vom Flughafen, wo sie in der Abfertigung arbeiten. Habib und Umut lernen nebenbei an der Abendschule für ihr Abitur. Ihr Tagesablauf am See: zuerst ins Wasser, danach bräunen, wieder ins Wasser, wieder bräunen. So geht das weiter, bis sie irgendwann keine Lust mehr haben. Und, ja, dabei gucken sie natürlich auch ein wenig den Frauen nach, aber nur den schönen. Soll heißen: denen mit knackigem Po.

          Von dem Schaulaufen am Wasser bekommen die vier Freundinnen Anna, Laura, Lara und Madeleine wenig mit. Etwas abseits haben sie es sich auf einer Picknickdecke unter einem Baum gemütlich gemacht. Sie spielen mit Lauras kleiner Tochter Lina.

          Die Imbissbude ist so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt des Langener Waldsees. Dort begegnen sich Babyöl-Anwender und Im-Schatten-Döser immer wieder im Laufe eines Langener-Waldsee-Tags. Im Minutentakt ruft die Bedienung: „Der Nächste, bitte.“ Und wenn keiner reagiert, wiederholt sie es mit energischerer Stimme.

          Pommes und Wurst gehen über die Theke, Ketchup-Duft liegt in der warmen Luft. Betreiberin Elsbeta Zeller hat täglich mit Hunderten Gästen zutun. Sie kennt die Seebesucher, und sie kennt die Posen. „Man muss nur auf die Körpersprache achten“, sagt sie knapp. Denn wer fast nichts trägt, trägt nur sich selbst. Und wem das zu wenig ist, zieht sich zum Eisessen ein T-Shirt über.

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