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Stolpersteine in Frankfurt : Mahnmal und Grabstein zugleich

  • -Aktualisiert am

Mahnmal und Grabstein: Auf den Stolpersteinen sind Izaak, Meta, Walther, Hans und Kurt de Jong verewigt. Bild: Aders, Hannah

Stolpersteine sollen an von den Nazis ermordete Juden erinnern. Viele liegen auch in Frankfurt, seit Donnerstag gibt es fünf weitere. Sie erinnern an die Familie de Jong.

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          An der Königswarterstraße in Frankfurt gab es eine sehr lange Zeit keinen Hinweis auf Izaak und Meta de Jong oder ihre drei Kinder. Selbst der Straßenname hat sich verändert: Aus der ehemaligen Quineckstraße, an der sie wohnten, ist die Königswarterstraße geworden – die schmale Straße verläuft heute hinter dem Roten-Kreuz-Krankenhaus und verbindet den Sandweg mit dem Zoo. Das Haus mit der Nummer 13, in dem die Familie bis zur ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1939 gelebt hatte, wurde zerstört und mit ihm das Ladengeschäft, in dem Meta ihre Hüte verkaufte. Heute steht an der Stelle ein langgezogener Riegel Nachkriegsarchitektur.

          In den Gehweg vor diese Häuserzeile wurden am Donnerstag fünf Stolpersteine eingelassen, mit einer Messingplatte versehene Betonquader, auf denen die Geburts- und Sterbedaten von Menschen stehen, die von den Nationalsozialisten vertrieben, enteignet, verfolgt wurden. „Nehmen wir die Menschen, die damals ausgeschlossen wurden in unsere Mitte“, sagte Rabbiner Andrew Steiman im Rahmen der Zeremonie. „Geben wir ihnen ihre Würde zurück.“

          Insgesamt 25 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig am Donnerstag und Freitag in Frankfurt verlegt. Mehr als 1500 Gedenksteine liegen schon in der Stadt, beginnend von Deutschland hat der Künstler ein Netz um ganz Europa gespannt: mehr als 80.000 Steine. Sie gelten als größtes dezentrales Mahnmal der Welt. Vor den jeweils letzten freiwilligen Wohnorten erinnern sie nun an die Schicksale von Ermordeten und Überlebenden, etwa aus den Lagern Theresienstadt und Auschwitz.

          Für die Menschen ohne Grabstein

          Bis auf den Vater Izaak wurden alle Mitglieder der Familie de Jong in Auschwitz ermordet. Heute lebt sein Sohn Kurt de Jong, der nach dem Krieg in Izaaks zweiter Ehe geboren wurde, mit seiner Frau Vera in Frankfurt. Er hat die Stolpersteinverlegung für seine Familie initiiert. Für ihn sind die Steine Mahnmal und Grabstein zugleich – für die Menschen, an die nirgendwo ein Grabstein erinnert.

          Von den Nazis ermordet: Kurt de Jongs Halbbruder, der den gleichen Namen trug
          Von den Nazis ermordet: Kurt de Jongs Halbbruder, der den gleichen Namen trug : Bild: Aders, Hannah

          Izaak de Jong wurde 1893 in Millingen in den Niederlanden geboren und kam auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland. 1923 fand der Koch und gelernte Metzger eine Anstellung bei der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Dort lernte er seine Frau Meta Neuhaus kennen, auch an sie erinnert seit Donnerstag ein Stolperstein. Die Hutmacherin stammte aus Nesselröden in der Nähe von Eisenach. Sie führte einen eigenen kleinen Laden, zunächst im Sandweg, später in ihrem Wohnhaus in der Quineckstraße. Im Februar 1924 wurde ihr erstes Kind Hans geboren, im Jahr darauf folgte im September ihr zweiter Sohn Walther und schließlich ihr jüngster Sohn Kurt im Mai 1932. Drei Stolpersteine erinnern nun an die Kinder.

          „Da war niemand mehr“

          1939 floh die Familie aus Frankfurt nach Rotterdam. Nach dem Einmarsch der Deutschen wurde die gesamte Familie am 5. Oktober 1942 verhaftet, zunächst im Durchgangslager Westerbork interniert und anschließend nach Auschwitz verschleppt. Das jüngste Kind Kurt war damals zehn Jahre alt. Er und seine Mutter wurden kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz am 19. Oktober 1942 ermordet. Hans de Jong bekam in Auschwitz die Häftlingsnummer 68030, seinen Tod am 13. November 1942 im Lagerkrankenhaus notierte ein später als Kriegsverbrecher verurteilter Arzt in seinem Tagebuch. Sein jüngerer Bruder Walther wurde drei Monate später, am 28. Februar 1943, ermordet.

          Der Vater Izaak de Jong überlebte das Lager. Sein Beruf habe ihm das Leben gerettet, sagt sein Sohn. Als Koch versorgte er in Gross-Rosen, einem Außenlager von Auschwitz, die Belegschaft des Konzentrationslagers. Dort lernte er auch seine spätere Frau und Mutter von seinen Söhnen Kurt und Hans kennen, die nach dem Krieg geboren wurden – Eleonore Gutmann. Nach der Befreiung des KZ durch die Rote Armee 1945 suchten beide nach ihren Angehörigen, „Doch da war niemand mehr. Die Deutschen hatten alle vernichtet“, sagt de Jong. Seine Eltern heirateten 1945 noch in Polen und kehrten gemeinsam nach Frankfurt zurück. Im Juli 1946 wurde de Jongs großer Bruder Hans geboren, als erstes jüdisches Kind in Frankfurt, ein Jahr später folgte Kurt.

          In Gedenken an die Familie: Kurt de Jong (links) hat die Verlegung der Stolpersteine für seine in Auschwitz ermordeten Angehörigen initiiert.
          In Gedenken an die Familie: Kurt de Jong (links) hat die Verlegung der Stolpersteine für seine in Auschwitz ermordeten Angehörigen initiiert. : Bild: Aders, Hannah

          Hans wanderte 1969 nach Israel aus. Kurt de Jong blieb in Frankfurt, er ist heute 73 Jahre alt. „Mein Vater hat immer nach einer Aufgabe gesucht. Er wollte immer helfen“, sagt de Jong. Bis zu seiner Flucht 1939 leitete sein Vater die Notküche der jüdischen Gemeinde Frankfurt. Als 1945 Überlebende aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nach Frankfurt zurückkehrten, kümmerte er sich um deren Unterbringung und Versorgung im ehemaligen jüdischen Krankenhaus.

          Die benötigten Lebensmittel schickte ihm eine befreundete Familie aus den Vereinigten Staaten, er hielt Hühner und Schafe auf dem Gelände des Krankenhauses. De Jong erinnert sich noch heute an den Käse aus Blechdosen und die eingelegten Eier aus seiner Kindheit. In den Jahren nach dem Krieg baute sein Vater das jüdische Altenheim auf. Bis zu seinem Tod im Januar 1970 war er aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde. Nun ist der Stolperstein mit seinem Namen ein Mahnmal für die grausamen Verbrechen der Nazis gegen die Juden und gegen ihn ganz persönlich, gegen seine erste Familie. Aber auch für den Überlebenswillen und die nie endende Bereitschaft zu helfen.

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