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Stillgelegte Strecken : Al-Wazir hat neue Pläne für alte Gleise

  • -Aktualisiert am

Die stillgelegte Strecke zum Güterbahnhof in Neu-Isenburg soll reaktiviert werden. Bild: Marcus Kaufhold

Es gilt auch für das hessische Schienennetz: Totgesagte leben länger. Das Land will stillgelegte Strecken wieder in Betrieb nehmen. Davon könnte auch das Rhein-Main-Gebiet profitieren.

          „Stillgelegte leben länger“, hat gestern Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) gesagt, während er vier stillgelegte Bahnstrecken vorstellte, auf denen nach dem Willen der schwarz-grünen Landesregierung in absehbarer Zeit wieder Passagiere befördert werden sollen. Al-Wazir möchte den drohenden Verkehrsinfarkt im Rhein-Main-Gebiet verhindern und zugleich auch in ländlichen Teilen Hessens mehr Passagiere im Nahverkehr befördern. Das lässt sich die Landesregierung einiges kosten: Von 2020 an werden pro Jahr 100 Millionen Euro für kommunale Verkehrsprojekte bereitgestellt, von denen 50 Millionen für die Infrastruktur von Bus und Bahn reserviert sind.

          20.000 Passagiere transportiert

          Zu den vier Strecken gehört die 1983 stillgelegte Aartalbahn von Bad Schwalbach nach Wiesbaden, die als Teil der City-Bahn wieder genutzt werden soll. Die City-Bahn wird von Mainz über Wiesbaden nach Bad Schwalbach führend eine Gesamtlänge von mehr als 30 Kilometern aufweisen. Während die Streckenführung in Wiesbaden komplett neu erstellt werden muss, kann von der Landeshauptstadt bis nach Bad Schwalbach die alte Aartalbahn-Trasse genutzt werden. Jörg Gerhard, Geschäftsführer der Wiesbadener Stadtwerke Eswe Verkehr, ergänzte, dass alleine auf der Strecke von Bad Schwalbach nach Wiesbaden täglich rund 20.000 Passagiere transportiert werden sollen.

          Mitte 2019 könne für die Trasse das Planfeststellungsverfahren starten. Das Projekt soll den an seine Grenzen gelangten Busverkehr entlasten, den Rheingau-Taunus-Kreis besser anschließen und die Nahverkehrssysteme der beiden Landeshauptstädte Mainz und Wiesbaden effizienter verknüpfen.

          Versprechen auf gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis

          Als Teil der Regionaltangente West (RTW) soll die seit 2006 nicht mehr befahrene 2,6 Kilometer lange Güterstrecke vom Neu-Isenburger Bahnhof in die Innenstadt genutzt werden. Sie wird damit sozusagen zum Teilstück der Strecke, die von Bad Homburg über den Frankfurter Flughafen nach Neu-Isenburg und Dreieich führen soll. Alle vier Teilstrecken der RTW, die eine Art S-Bahn-Ring rund um Frankfurt legen, befinden sich derzeit entweder im Planfeststellungsverfahren oder stehen kurz davor. Horst Amann, Geschäftsführer der Planungsgesellschaft, geht davon aus, dass die Tangente 2024 befahrbar sein wird, schränkte aber ein: „Wenn alles gutgeht.“

          Der Nutzen dieses Projektes besteht unter anderem darin, dass sich die Fahrtzeiten um 15 Minuten verkürzen, das Frankfurter S-Bahn-Netz entlastet wird und weitere Direktverbindungen zwischen Bad Homburg, dem Flughafen, Dreieich und Eschborn geschaffen werden. Die Reaktivierung der Horlofftalbahn von Wölfersheim nach Hungen im Landkreis Gießen verspricht laut Al-Wazir ein besonders gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die Kosten für die rund zwölf Kilometer lange Strecke werden derzeit auf 20 Millionen Euro geschätzt. Als Projektnutzen wird neben der direkten Schienenverbindung von Friedberg nach Hungen die schnellere Erreichbarkeit des Rhein-Main-Gebietes aufgeführt. Etwa 30 Minuten, so die Prognosen, würden Fahrgäste aus Hungen auf dem Weg nach Frankfurt sparen.

          Reaktivierung der Strecken wird viel kosten

          Das gilt auch für die Lumdatalbahn zwischen Lollar und Londorf im Landkreis Gießen. Die Fahrtzeit nach Gießen soll sich halbieren. Die Reaktivierung dieser Bahnstrecke hat zudem zum Ziel, den ländlichen Raum besser an die Ballungsgebiete anzubinden und somit mehr Pendler zum Umstieg auf den Nahverkehr zu bewegen. Offen ist freilich, wann die Passagiere in die Bahnen einsteigen können. Laut Al-Wazir gibt es bei Planfeststellungsverfahren erhebliche Unsicherheiten. Aber: Die Aartal-, die Horlofftal- und die Lumdatalbahn könnten etwa 2025 wieder genutzt werden, zeigte er sich optimistisch.

          Alle vier vorgestellten Projekte kosten etwa 150 Millionen Euro – aber auch dies sind eher grobe Schätzungen. Alleine die Aartalbahn-Reaktivierung wird mit etwa 70 Millionen Euro veranschlagt. Da die Investition mehr als 50 Millionen Euro beträgt, ist der Bund erheblich an der Finanzierung beteiligt. Das gilt auch für die Regionaltangente, während die Horlofftalbahn und die Lumdatalbahn überwiegend vom Land finanziert werden. Einen kleineren Teil müssen allerdings auch die jeweiligen Kommunen tragen. Für Al-Wazir ist das gut investiertes Geld. In den vergangenen Jahrzehnten seien in Hessen mehr als 80 Nebenstrecken stillgelegt worden. Es gelte, diesen Trend nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren, sagte er.

          SPD kritisiert Al-Wazirs Pläne

          Die SPD-Fraktion ist zwar auch der Meinung, dass stillgelegte Bahnstrecken wieder in Betrieb genommen werden sollen, hält Al-Wazirs Pläne jedoch für verspätet und attestiert ihm einen „gemütlichen verkehrspolitischen Dämmerschlaf“. „Erst jetzt, wo es auf die Landtagswahl zugeht, ist der Minister aufgewacht und will umsetzen, was die SPD schon lange fordert – nämlich stillgelegte Bahnstrecken wieder in Betrieb zu nehmen“, monierte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Tobias Eckert.

          Fest steht, dass weitere Bahnstrecken reaktiviert werden sollen. Für die Waldkappelbahn Kassel-Wilhelmshöhe, die Strecke von Darmstadt Ost nach Groß Zimmern, die Herkulesbahn Kassel und die Strecke von Kassel über Baunatal nach Naumburg werden derzeit Machbarkeitsstudien erstellt.

          Al-Wazir: Schiene muss Vorrang haben in Rhein-Main

          Nur mit einem Ausbau der Schiene kann die Infrastruktur im Rhein-Main-Gebiet nach Ansicht von Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir verbessert werden. „Es fehlte lange Zeit am politischen Willen, die Projekte voranzutreiben“, sagte der Grünen-Politiker am Dienstag bei einer Besichtigung von drei Bahn-Baustellen.

          Dabei geht es um den Ausbau des Schienenverkehrs von zwei auf vier Spuren zwischen Frankfurt und Friedberg. Die S 6 soll zwei eigene Gleise erhalten - genauso wie der Regional- und Fernverkehr. „Es geht um mehr Pünktlichkeit und Kapazität“, sagte Al-Wazir, der sich von dem rund 350 Millionen Euro teuren Projekt auch eine bessere Schienenanbindung Mittelhessens nach Frankfurt verspricht. Wegen des Vorhabens sind Anwohner an der Strecke vor die Gerichte gezogen.

          Für weitere 130 Millionen Euro baut die Bahn derzeit eine zweite Brücke im Frankfurter Stadtteil Gallus - rund ein Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt. Dies soll den Regionalverkehr in den Taunus, nach Limburg und in den Rheingau weniger störanfällig für Verspätungen machen. Derzeit gibt es dafür nur eine eingleisig befahrene Brücke.

          Für rund 250 Millionen Euro baut die Bahn in Kooperation mit Land und Stadt Frankfurt eine Bahnstation für den neuen Stadtteil Gateway Gardens, der direkt am Flughafen liegt. Künftig wird die S-Bahn vom Hauptbahnhof zwischen Stadion und Flughafen auf einer neuen Trasse verkehren. Zwei Kilometer davon sind unterirdisch. Die Fahrzeit zum Flughafen werde sich nur unwesentlich verlängern, sagte ein Bahnsprecher.

          Die Bahn investiert in den kommenden Jahren in Rhein-Main in die Infrastruktur rund 12 Milliarden Euro. Die teuersten Projekte sind die Hochgeschwindigkeitsstrecken nach Mannheim und Fulda. )dpa)

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