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Hess Natur gegen „Öko-Test“ : Streit um Chemie in Kinderjeans

Streitobjekt: die von „Öko-Test“ bemängelte Kinderjeans von Hess Natur Bild: Firma

„Öko-Test“ hat 21 Kinderjeans unter anderem auf Chemikalien untersuchen lassen. Ausgerechnet eine Hose des Ökomode-Marktführers Hess Natur schnitt schlecht ab. Der Händler kontert jedoch.

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          Das Weihnachtsgeschäft ist für Hess Natur sehr erfreulich verlaufen, wie es heißt - allerdings muss sich der auf Ökomode spezialisierte Butzbacher Textilhändler gleich zu Beginn des neuen Jahres mit einer unliebsamen Nachricht herumplagen: In einem Test ist eine seiner Kinderjeans durchgefallen. Es handelt sich um das Modell „Schmale Jeans aus Bio-Baumwolle“. Einer Untersuchung für das Frankfurter Magazin „Öko-Test“ zufolge ist in einer Hose dieser Linie die Chemikalie Anilin gefunden worden. In der Folge bewertet Öko-Test die Jeans mit „mangelhaft“. Das aber will Hess Natur nicht auf sich sitzenlassen. „Wir sind unzufrieden mit dem Testergebnis, weil wir selbstbewusst sagen, dass wir uns nichts vorzuwerfen haben“, sagt ein Firmensprecher in Butzbach.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Öko-Test“ macht geltend, Anilin stehe „unter Krebsverdacht“. Das heißt: Dieser als Baustein von Farbstoffen verwendeten Chemikalie wird nachgesagt, sie fördere die Entstehung von Tumoren. Der Hess-Natur-Sprecher verweist demgegenüber auf die Analyse eines vom Unternehmen beauftragten Labors. Demnach bewege sich der Wert für Anilin in dem Rahmen, den der Global Organic Textile Standard setze, ein weltweit angewendeter Standard für die Produktion von Bekleidung aus biologisch erzeugten Fasern.

          Fünf Milligramm gefunden - und null

          Wie er auf Nachfrage präzisierte, hat das von dem Textilhändler beauftragte Labor kein Anilin in einem Kilogramm der besagten Kinderjeans gefunden („nicht nachweisbar“). Öko-Test habe auf Nachfrage mitgeteilt, sein Labor habe fünf Milligramm ermittelt - „der Wert ist exakt an der Nachweisgrenze“, sagte der Firmensprecher. Der Global Organic Textile Standard erlaube derweil bis zu 100 Milligramm. Eine Angabe, die Recherchen auf der Internetseite der Global Organic Textile Standard International Working Group bestätigen.

          Die Öko-Tester legen jedoch offenbar eigene Maßstäbe an: „Farbstoffbestandteile, die unter Krebsverdacht stehen, haben nichts in Kinderkleidung verloren. Deswegen werten wir Anilin rigoros ab“, heißt es im Bericht. Darin bemängelt das Magazin ebenfalls, es gebe „weder einen deutschen noch einen europäischen Grenzwert für Anilin in Bedarfsgegenständen oder Kinderprodukten“.

          Der Hess-Natur-Sprecher hob hervor, es gebe keine synthetischen Farbstoffe ohne Anilin. Vor diesem Hintergrund überlege Hess Natur, wie der Händler auf den Test des Magazins reagieren wolle. Derzeit rede man miteinander - Juristen seien bisher nicht eingeschaltet.

          Vor einigen Jahren war in einer von Hess Natur verkauften Öko-Jeans für Erwachsene ein mit einem optischen Aufheller behandelter Faden gefunden worden, der nur für konventionelle Ware gedacht war. Diesem Fauxpas lag ein Fehler der türkischen Näherei zugrunde. In der Folge informierte Hess Natur seine Kunden, eine Rückrufaktion gab es aber nicht.

          Für den aktuellen Fall hat „Öko-Test“ 21 Hosen untersuchen lassen. Zwei wurden mit „mangelhaft“ beurteilt, neun mit „ungenügend“, fünf mit „ausreichend“. Vier Hosen erhielten die Note „befriedigend“, nur eine erschien den Testern als „gut“. Für den Test untersuchte das beauftragte Labor demnach die Inhaltsstoffe. Es prüfte, wie stark die Textilien abfärben und ob sie reibecht sind, also Spuren auf hellen Sofas auszuschließen sind. Drittens wollte das Magazin wissen, wie es um die Arbeitsbedingungen der jeweiligen Näher steht und wie die Lieferkette aussieht. All das floss in die Bewertung ein. Die Hosen der Größen 116 bis 122 kosteten nach Angaben von „Öko-Test“ zwischen 5,99 Euro - dieser Preis ist für das mit „befriedigend“ bewertete Modell Kiki & Koko Denim blue vom Discounter Kik fällig - und 69,95 Euro, die die Tester für die Hess-Jeans gezahlt haben, wie es heißt.

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